Von Bettina Janecek, 03.07.08, 10:51h, aktualisiert 06.07.08, 08:53h
Für Markus, der in der Firma gelernt hatte und inzwischen Mitte 30 war, fing ein Spießrutenlauf an. Die Kollegen sahen eine Gefahr in ihm. Was, wenn er sich beim Öffnen eines Kartons mit dem Messer verletzt? Der Betriebsrat überlegte ernsthaft, ob man eine eigene Toilette für Markus einrichten müsste.
Für Menschen wie Markus hat sich im November letzten Jahres die Initiative „positivarbeiten“ gegründet. Denn dank der besseren medizinischen Versorgung sind HIV-Infizierte und auch Aidskranke immer länger in der Lage zu arbeiten. „Die Zahlen für die Schweiz belegen, dass ca. 70 Prozent der Menschen mit HIV erwerbstätig sind, wovon wiederum nahezu 70 Prozent vollzeitbeschäftigt sind“, heißt es auf der Internetseite des Netzwerkes. „Wer infiziert ist, ist sowieso bald tot und braucht nicht ins Berufsleben integriert zu werden“, diese Devise der 80er Jahre gilt nicht mehr, seit 1996 hochwirksame Medikamente auf den Markt kamen, die die Ausbreitung des Virus hemmen. Olaf Lonczewski von "positivarbeiten" schätzt jedoch, dass der Anteil der HIV-Positiven mit Arbeit in Deutschland geringer ist. Wer über die Arbeitsagenturen eine Stelle sucht und HIV-positiv ist, werde meistens gleich auf einen 1-Euro-Job oder auf minderqualifizierte Tätigkeiten verwiesen, so seine Erfahrung.
„Viele Leute geben sich grundsätzlich tolerant gegenüber HIV und Aids, aber wenn es ihr unmittelbares Umfeld betrifft, dann kommen doch wieder die Ängste zum Vorschein“, sagt Carlos Stemmerich (52) von der Aidshilfe Köln. „Dann führen wir wieder die alten Diskussionen aus den 80er Jahren“. Dass HIV nur übertragen werden kann, wenn es in ausreichender Menge mittels Blut, Sperma oder Speichel in die Blutbahn oder auf Schleimhäute gerät, sei in den Köpfen immer noch nicht angekommen. Eben so wenig wie die Tatsache, dass das Virus extrem empfindlich ist und bei Kontakt mit Luft, Flüssigkeiten oder bei Temperaturschwankungen sofort inaktiv wird.
Die Folge: Diskriminierung, Ausgrenzung, panikartige Reaktionen der Kollegen. Viele halten das nicht aus und kündigen von sich aus, so wie Florian K. (Name geändert), der in einem Friseursalon arbeitete. Als durch einen Zufall seine Infektion bekannt wurde, blieben schlagartig die Kunden aus. In anonymen Mails an die Friseurmeisterin forderten sie die Entlassung von Florian, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten. Er könnte sich mit der Schere verletzten und sein Blut auf die durchs Bürsten gereizte Kopfhaut tropfen, so die Befürchtungen. Florian durfte schließlich nur noch Haare wegfegen und andere Hilfsarbeiten ausführen.
„Wir raten jedem ab, sich mit seiner Infektion zu outen“, sagt Stemmerich, „das Risiko gemobbt zu werden, ist einfach zu groß.“ Stemmerich wünscht sich, dass sich Betriebe bei Bedarf von der Aidshilfe beraten lassen, doch er weiß auch, wie schwierig es ist, den Ängsten zu begegnen. Selbst in der Schwulen-Szene sind die Vorbehalte teilweise groß. Bei der Aidshilfe bereiten HIV-Positive jeden Tag einen Mittagstisch mit drei Gängen zu. Manchen Gästen, die davon erfahren, fällt zunächst einmal vor Schreck der Löffel aus der Hand - dabei gibt es in der Gastronomie für HIV-Positive auch rechtlich keinerlei Berufsbeschränkungen.
HIV ist NICHT über Speichel übertragbar!
04.07.2008 | 13.21 Uhr | mirischmitz
Leider hat sich ein ganz übler Fehler in den Artikel eingeschlichen: HIV ist NICHT über Speichel übertragbar. Egal ob bei behandelten Menschen (mit…
Sichtbarkeit schaffen!
04.07.2008 | 10.55 Uhr | OlafxKoeln
Ich möchte zustimmen, dass Carlos Stemmerich mit einer generalisierten Aussage zum Thema Outing auf jeden Fall zu kurz gegriffen hat. Der CSD naht…
Sachlicher Fehler
04.07.2008 | 09.12 Uhr | mpl
Der Artikel enthält leider einen bösen sachlichen Fehler: HIV ist NICHT durch Speichel übertragbar! Wäre das der Fall, wäre es heute eine…
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