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Nahost

Schwarze Särge als Gewissheit

Von Inge Günther, 16.07.08, 15:11h, aktualisiert 16.07.08, 20:51h

Der Gefangenenaustausch zwischen der Hisbollah und Israel hat die Befürchtugen bestätigt: Die vor zwei Jahren in den Libanon verschleppten beiden israelischen Soldaten sind tot. Die Chancen auf ein Happy End waren schon lange marginal.

Hisbollah
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Die Übergabe: In den Särgen befinden sich die sterblichen Überreste (Bild: afp)
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Die Übergabe: In den Särgen befinden sich die sterblichen Überreste (Bild: afp)
Bilder der entführten Soldaten
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Bilder der zwei entführten Soldaten. (Bild: afp)
Bilder der entführten Soldaten
Jerusalem - Bis zur letzten Minute hatte Miki Goldwasser gehofft, ihren Sohn lebend in die Arme zu schließen. „Heute ist es vorbei.“ Mit dem Gedanken hatte sie diesen Mittwoch begonnen, der zwei Jahre und vier Tage quälender Ungewissheit beenden würde. Man wusste schon lange, dass die Chance auf ein Happy End marginal war. Vor Monaten bereits hatten die Geheimdienste wissen lassen, Ehud Goldwasser und Mark Regev hätten den Überfall der Hisbollah auf die Militärpatrouille am 12. Juli 2006 nicht überlebt. Eine Überzeugung, die Israels Premier Ehud Olmert teilte.

Aber als Mutter konnte Miki Goldwasser nicht anders, als sich an den Glauben an ein Wunder zu klammern. Ohne die Vorstellung, dass „Udi“, wie sie Ehud in der Familie nennen, Angriff und Kidnapping irgendwie überstanden habe, hätte sie die furchtbare Zeit kaum verkraftet.

Die Illusion platzt am frühen Morgen. Als Erstes zeigt der Hisbollah-Sender „Al Manar“, wie zwei schwarze Särge in Nakura, nördlich der libanesisch-israelischen Grenze, verladen werden. Wenig später übernimmt ein Konvoi vom Roten Kreuz den Leichentransport über den Grenzpunkt Rosch Hanikra nach Israel. Der Vater von Mark Regev harrt mit den Seinen zu Hause in Kiryat Motzkin aus. Die Warterei hat ihn gefoltert, aber diese Bilder hält er nicht aus. „Ich musste das Fernsehgerät abschalten“, sagt er israelischen Journalisten.

Bei den Familien sind zahlreiche Freunde und Verwandte. Eine Tante kollabiert, andere brechen in Tränen aus. An vielen Orten zünden sie Kerzen im Gedenken an die Toten an. Am Hauseingang von Vater Zvi Regev hat die Familie ein Porträt zum Gedenken an den toten Sohn aufgehängt. Einige der Trauernden schwören Rache.

Auch auf der Straße vor dem Haus der Goldwassers in Naharija haben sich Kamerapulks aufgebaut. Schlomo Goldwasser, Vater von Ehud, hat sich am frühen Morgen noch ganz stark gezeigt. Ein Charakter wie Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah könne einem doch nur leidtun. Was müsse das für ein Mensch sein, der mit dem Bangen von Eltern um ihre Söhne taktische Spiele betreibe. Aber nun, da die Särge mit den Söhnen an Israel ausgehändigt werden, wollen die Angehörigen für sich sein. „Die Konfrontation mit der Realität war hart“, erklärt er später im Radio. Auch wenn er mit diesem Ausgang gerechnet habe.

Im Libanon bereitet derweil die Hisbollah die Großkundgebung samt Freudenempfang für die fünf Gefangenen vor, die Israel im Gegenzug für zwei Leichen herausrücken muss. Dass nicht nur vier ihrer Kämpfer freikommen, sondern auch Samir Kuntar, ein libanesischer Terrorist, der eine israelische Familie auf dem Gewissen hat, rechnet sich Nasrallah als Erfolg an. Nicht nur in Israel stößt das auf Abscheu, einen vierfachen Mörder feiern zu wollen (siehe Bericht unten). Viele in der arabischen Welt wollen indes die Tat nicht wahrhaben und tun sie als „israelische Propaganda“ ab.

Doch Nasrallahs Festregie verläuft nicht ganz nach Plan. Der Austausch zieht sich länger als gedacht hin und strapaziert die Nerven der freizulassenden Häftlinge. Erst muss die eindeutige Identifizierung von Goldwasser und Regev durch forensische Experten erfolgen. Ohne DNA-Analyse ist das nicht zu leisten. Die beiden Leichen sind wie verlautet in schlechtem Zustand und weisen Verbrennungen auf. Es dauert bis zum frühen Nachmittag, bis die Untersuchung letzte Gewissheit gibt.

Auf diesen Moment haben seit Stunden Hunderte Sargträger an der Grenze in sengender Hitze gewartet. Zwischen ihnen aufgereiht: 199 Kisten, in denen die sterblichen Überreste gefallener Hisbollah-Kämpfer und sonstiger arabischer Toten aufgebahrt sind. Israel hatte sie als Faustpfand für einen GeiselDeal auf einem eigenen Friedhof im Norden bestattet und vor Tagen ausbuddeln lassen. In Geiselgeschäften in Nahost gehören Leichen zur gewohnten Währung. Es ist eine makabre Szenerie, als die Großauslieferung der Toten anläuft: eine eigenartige Illustration zur Absurdität des Krieges - mag die Hisbollah in Libanon sie noch so sehr als heldenhafte Märtyrer stilisieren.

Auch in Israel gibt es, wie könnte es anders sein, die Protagonisten kriegerischer Härte. Zum Beispiel Ely Karmon vom Interdisziplinären Antiterror-Institut in Herzliya. Das Problem der Regierung Ehud Olmert sei nicht, wie andere Kommentatoren meinten, auf den Hisbollah-Überfall hin ohne langes Nachdenken Libanon mit einem Krieg überzogen zu haben. „Strategisch versagt“ habe die politische Führung, weil sie die Offensive nicht lang genug durchgehalten habe. „Hätten wir 500 Hisbollah-Gefangene gemacht“, ist Karmon noch heute überzeugt, „hätten wir der Hisbollah den Deal diktieren können.“ Wenig anders denkt Mossad-Geheimdienstchef Meir Dagan, der gegen den Austausch war, weil die Gleichung nicht stimme.

Tatsächlich empfinden es viele Israelis als doppelt schmerzlich, im Krieg nichts erreicht und den Gefangenenaustausch mit einem bitteren Preis bezahlt zu haben. Nicht von ungefähr zog die Regierung Olmert am Mittwoch vor, die Sache ohne jede Zeremonie durchzuziehen. Dennoch: Die israelische Mehrheit ist erleichtert, dass im Fall Goldwasser und Regev die Tortur ein Ende hat. Für sie ist das keine politische Frage - nur eine rein menschlich moralische.



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