Von Peter Berger und Miriam Betancourt, 16.07.08, 21:53h, aktualisiert 18.07.08, 23:03h
Von den 67 ICE-Zügen, die der Bahn zur Verfügung stehen, hätten danach 61 bereits am Abend des 10. Juli, also 24 Stunden nach der Entgleisung in Köln, außer Betrieb genommen werden müssen. Lediglich bei sechs Zügen lag zu diesem Zeitpunkt die letzte Wartung weniger als 60 000 Kilometer zurück. In einem Schreiben an Bahnvorstand Karl Friedrich Rausch fordert die Behörde, die betroffenen ICE „als Leerzug in eine entsprechende Werkstatt zur Durchführung von Ultraschallprüfungen“ zu überführen. Aus dieser Korrespondenz der Aufsichtsbehörde mit der Bahn geht weiter hervor, dass Bahnvorstand Rausch die Prüfung offenbar in die Länge ziehen wollte. Am Freitag, 11. Juli, teilt das Eba nach vorausgegangener Anhörung und schriftlicher Stellungnahme der Bahn mit: „Der von Ihnen dargelegte kürzestmögliche Zeitraum für die Prüfung scheint mir als deutlich zu hoch angesetzt.“ Die Bahn bestreitet den Versuch einer Verzögerung. „Wir haben alle Sicherheitsmaßnahmen sofort umgesetzt“, versicherte Bahn-Sprecher Jürgen Kommann.
Fakt ist, dass die Bahn die fraglichen 61 ICE-3-Züge erst am Freitag, 11. Juli, also zwei Tage nach dem Unfall, aus dem Verkehr zog. Dadurch fielen 65 ICE-Verbindungen aus, viele weitere Züge hatten kürzere Laufwege. Noch am Unglückstag hatte ein Bahnsprecher im Kölner Hauptbahnhof auf Nachfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ betont, die Züge würden erst nach und nach aus dem Fahrbetrieb genommen. Die Werkstatt-Kapazitäten reichten gar nicht aus, um alle Züge auf einmal zu untersuchen. Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ stehen für die erforderlichen Arbeiten lediglich die ICE-Wartungsstätten in München, Dortmund und Krefeld zur Verfügung. Die Prüfung werde sich bis Anfang der folgenden Woche, also bis zum 14. Juli, hinziehen, hieß es damals.
Die Ursache für die Entgleisung scheint ein Materialschaden einer Treibradsatzwelle gewesen zu sein. Diesen Rückschluss lässt das Schreiben der Eba zu. Behördensprecherin Brigitte Baader wollte sich dazu nicht äußern: „Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft. Zur Unglücksursache können wir noch nichts sagen.“ Auch den weiteren Inhalt des Briefes, der über ein Modelleisenbahnmagazin an die Öffentlichkeit gelangt war, wollte Baader nicht kommentieren.
Unfall ist von hoher Brisanz
Er macht aber die ganze Brisanz des Unfalls am Kölner Hauptbahnhof deutlich. Wäre die Treibradsatzwelle des Zuges bei der normalen Streckengeschwindigkeit von bis zu 300 Kilometern pro Stunde gebrochen, „hätte sich mit nicht unerheblicher Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe wie zum Beispiel in Eschede ereignen können“, heißt es in dem Schreiben des Eba unmissverständlich. Bei dem ICE-Unfall vor zehn Jahren starben 101 Menschen. „Der Bruch einer Radsatzwelle führt unweigerlich zum Entgleisen des Zuges. Das Leben einer Vielzahl von Menschen ist unmittelbar in äußerster Gefahr“, so das Eba weiter. Glücklicherweise habe sich der Bruch jedoch nur bei Schrittgeschwindigkeit ereignet.
Eine Woche nach dem ICE-Unfall läuft der Zugverkehr in Deutschland nach Angaben der Deutschen Bahn wieder normal. In den vergangenen Tagen hatte es vor allem bei den Hochgeschwindigkeitsverbindungen Probleme gegeben, weil die ICE-3-Flotte auf Schäden untersucht wurde. Der Betrieb habe sich mittlerweile normalisiert, sagte ein Sprecher am Donnerstag in Berlin. (mit dpa)
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