Von Reinhard Sogl, 29.07.08, 22:56h, aktualisiert 31.07.08, 18:02h
Asafa Powell (25) ist ein gläubiger Mensch. Der Mann aus Kingston auf Jamaika glaubt beispielsweise, dass ein Mann die 100 Meter auch ohne verbotenen Treibstoff in weniger als 9,70 Sekunden laufen kann. Er glaubt außerdem, dass er sich den Weltrekord zurückholen wird, den ihm sein Landsmann Usain Bolt am 31. Mai entrissen und um zwei Hundertstel auf 9,72 Sekunden gedrückt hat. „Ich arbeite daran, die 9,74 zu verbessern“, sagte Powell vor seinem Start gestern Abend in Monaco (vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Weiter glaubt er, dass Doper ins Gefängnis gehören: „Man sollte ihnen vermitteln, dass sie in den Knast kommen, wenn sie es tun“, sagte er noch am Freitag in London. Als Powell dies vorschlug, wusste er noch nicht, dass der von ihm geforderte Freiheitsentzug gleich ein Mitglied seiner Sprintstaffel treffen würde.
Nachdem am Montag Mike Fennell, der Präsident des Jamaikanischen Olympischen Komitees, einen Dopingfall gemeldet und den Sünder von der 53-köpfigen Liste der für Peking nominierten Leichtathleten gestrichen hatte, lieferte der „Jamaican Observer“ den Namen nach: Julien Dunkley. Der Sprinter war unmittelbar zuvor jedenfalls aus dem China-Kader ausgeschlossen worden, für dessen Sprintstaffel er sich als Sechster der nationalen Meisterschaft Ende Juni qualifiziert hatte. Es spricht vieles dafür, dass der 32-Jährige die Zeit von 10,07 Sekunden bei den Trials dank des anabolen Steroids Boldenone erreichte, ein Medikament für die Behandlung von Pferden.
Erst unlängst hatte Fennell berichtet, dass jamaikanische Athleten seit Jahresbeginn durch Emissäre des Leichtathletik-Weltverbands (IAAF) 96-mal getestet worden seien, davon sechsmal im Training. Was nichts anderes heißt, als dass die Kontrollpraxis immer noch nicht vertrauenserweckend ist, schließlich sind unangemeldete Besuche der Dopingfahnder das A und O des Kampfes gegen Doping - und nicht Wettkampftests. Dass Jamaika keine eigene Anti-Doping-Agentur besitzt und auch nicht der Regionalen Karibischen Anti-Doping-Organisation (Rado) angehört, bestärkt die Ungläubigen in ihrer Skepsis gegenüber den starken Leistungen der jamaikanischen Sprinter.
„Mich beunruhigt, dass sie nicht das Programm haben, das für die Menge an Erfolgen angemessen wäre“, sagte Rado-Chef Adrian Lorde unlängst. Lordes ungutes Gefühl wird von Victor Conte geteilt. Der frühere Besitzer des als Drogenküche bekanntgewordenen Balco-Labors in Kalifornien sagte vor wenigen Tagen: „Die schnellsten Männer der Welt kommen von einer Insel. Das ist hochverdächtig. Ich glaube, in der Karibik gibt es einen übermäßigen Gebrauch leistungsfördernder Mittel.“ Conte will schon im Dezember dem damaligen Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Richard Pound, Informationen über die Dopingpraktiken in Jamaika geliefert haben. Doch zwei Wochen später trat Pound zurück. Sollte sich der Verdacht gegen Dunkley bestätigen, wäre es der erste Dopingfall eines jamaikanischen Sprinters seit vier Jahren. Zuletzt war Steve Mullings 2004 auf Testosteron positiv getestet worden.
Der 200-Meter-Spezialist reihte sich ein in die Liste von aufgefallenen Sprintern mit Bezug zu Jamaika. Als da wären: Die lebende Legende Merlene Ottey, der Kanadier Ben Johnson, die Briten Linford Christie und Dwain Chambers, die US-Viertelmeiler Jerome Young und Patrick Jarrett. Letztere wurden von einem Jamaikaner trainiert, dem fürs schnelle Geld bekannten Trevor Graham. Nicht der Zufall wollte es, dass zu dessen Klienten vor Olympia 2004 der mittlerweile gesperrte Justin Gatlin zählte. Und Julien Dunkley. Während den armen Schlucker eine Sperre von zwei Jahren erwartet, wird Graham wohl im September wie die bereits einsitzende Marion Jones ins Gefängnis wandern - wegen Meineids.
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