Von Renate Hofmann, 04.08.08, 17:18h
Für die erste Offenbarung braucht es indes kein langes Suchen: Schon von weitem ist die Schwanenburg sichtbar, das Wahrzeichen von Kleve. Die Anhöhe, auf der sie liegt, ist ein Überbleibsel aus der Eiszeit. Der Steilhang des Burgbergs, einer „Klippe“ ähnlich, gab zunächst der Burg und später der Stadt ihren Namen.
Kleve ist aber nicht nur alt, sondern auch sagenumwoben. So führen die Klever Fürsten ihre Abstammung auf den Schwanenritter Elias zurück, jenen Gralsritter, der andernorts Lohengrin heißt. Der Sage nach erschien er der „edlen Beatrix“ in einem Schiff, das von einem Schwan gezogen wurde. Er kam auf dem Rhein, der damals noch häufig sein Bett wechselte und dessen Ableger heute Kermisdahl heißt. Der „prächtige Ritter“ nahm ihr allerdings das Versprechen ab, nie nach seiner Herkunft zu fragen. Als Beatrix die verbotene Frage irgendwann trotzdem stellte, verschwand er auf dieselbe wundersame Weise, wie er gekommen war. Nach ihm wurde indes nicht nur die Burg benannt, deren Turm heute noch ein Schwan ziert. Der Wasservogel ist auch Wahrzeichen der Stadt. Die Episode lässt erahnen, welch enorme Bedeutung Kleve hatte, das im 16. Jahrhundert zu den Machtzentren Europas gehörte. Durch geschickte Heiratspolitik waren die Länder Kleve, Mark, Jülich, Berg und Ravensberg vereinigt worden. An diesem Punkt fängt Stadtführerin Helga Ullrich-Scheyda stets an zu schwärmen. In Köln geboren, lebt die 49-Jährige seit 20 Jahren in Kleve. „Wie ein breiter Kragen legte sich damals das Herzogtum um Kurköln“, erzählt sie und ergänzt: „Die Stadt hat eine unglaublich bedeutende Geschichte.“
Immer wieder hat es zudem Visionäre gegeben, die dem einstigen Herzogtum ihren Stempel aufdrückten. Zu ihnen zählt Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-1679). Der weltgewandte Statthalter hat sich mit den barocken Gartenanlagen ein Denkmal gesetzt - und Kleve zu einem Kleinod verholfen. Blickfang ist das Amphitheater am Springenberg mit der über einem Brunnen thronenden Minerva. Noch heute darf das Ensemble auf keinem Hochzeitsfoto fehlen.
Genug Wissen aufgenommen. Jetzt ist Bewegung angesagt. Also zurück zum Ortskern an den Hafen am Spoy-Kanal. Dort startet die jüngste Errungenschaft der Klever: die Grenzland-Draisine. Ein Verein hat den Betrieb vor wenigen Wochen auf einer stillgelegten Bahnstrecke aufgenommen. Inzwischen gibt es einen regelrechten Fahrplan zwischen Kleve, dem benachbarten Kranenburg oder Groesbeek, das in Holland liegt. Mehr oder weniger quietschend und knarzend bewegen sich die Gefährte über die Schienen, getreten wird dabei wie auf einem Fahrrad.
Blumenpflücken während der Fahrt ist durchaus möglich, nur vielleicht nicht im Sinne der Besitzer der an der Strecke liegenden Gärten, die den Vorbei-„Radelnden“ freundlich zuwinken. In einen Geschwindigkeitsrausch wird jedenfalls keiner verfallen. Damit sind die Draisinen bestens geeignet für einen Ausflug mit Familie oder Freunden. Das haben binnen kürzester Zeit schon so viele entdeckt, dass sich unbedingt anmelden sollte, wer nicht unverrichteter Dinge wieder heimfahren möchte. Hinzufahren wie die Truppe um Werner Debertin aus Ratingen, weil man „einfach ein bisschen frische Luft brauchte“, ist jedenfalls gewagt.
Unterwegs eröffnet sich noch einmal ein Blick auf das Amphitheater. Und dann hat der Nachwuchs auch schon den benachbarten Streichelzoo entdeckt. Also ist er das nächste Ziel. Im Klever Tiergarten werden 600 Vierbeiner gezeigt. Der Schwerpunkt liegt auf alten Haustierrassen, deren Erhalt sich die Mitarbeiter auf die Fahne geschrieben haben. Inzwischen ist der Tiergarten Herdbuchzuchtbetrieb. Neben den heimischen Tieren gibt es aber auch Kängurus, Beuteltiere und kleine Pandas.
Pause gefällig? Just am Tiergarten hält Kleve hierfür allerhand bereit - was allerdings die Qual der Wahl mit sich bringt. Es gilt zu entscheiden zwischen dem lauschigen Biergarten gleich nebenan, dem Café Moritz im Kurhaus auf der anderen Straßenseite oder dem Café in der „Villa Belriguardo“, das vielleicht hundert Meter entfernt liegt und das neben selbst gebackenem Kuchen auch noch Antiquitäten, Kunst und Mode bietet.
Der Tag kann in kunstsinniger Aktivität ausklingen. Das Kurhaus selber, das aus der Blütezeit des Kurortes „Bad Cleve“ stammt, lockt mit seiner Mataré-Ausstellung. Kleve verwaltet den Nachlass des Bildhauers und Malers, der unter anderem das Relief an vier Türen des Südportals des Kölner Doms geschaffen hat. Lohnenswert ist indes auch ein Streifzug durch das Koekkoek-Haus unterhalb der Schwanenburg. Koekkoek gilt als bedeutendster niederländischer Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts. Oder lieber doch noch einmal zur Burg hochsteigen, deren Turm nicht nur ein geologisches Museum beherbergt? Von hier bietet sich zudem ein eindrucksvolles Panorama über die Rheinebene.
In der nächsten Folge geht's nach Maastricht, wo die Niederländer nahe Deutschland französisches Flair lieben und Wein anbauen.
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