Von Hans-Hermann Kotte, 06.08.08, 17:41h
Doch Wagner mit seiner Kolumne „Post von Wagner“ überragt dabei noch eitle Kollegen wie Matussek, den Video-Star des „Spiegel“, Joffe, den „Zeit“-Chef, der jeden Montag im „Tagesspiegel“ den Lauf der Welt erklärt, oder Gniffke, den „Tagesschau“-Chef, der sich im Internet um Kopf und Kragen bloggt. Wagner ist wohl der größte der Größenwahnsinnigen. Das wird bleiben von ihm. Ansonsten hat er nichts Bleibendes geschaffen, der vielfach gescheiterte Chefredakteur („Bunte“, „Super-Zeitung“, „B.Z.“), der sich heute Chefkolumnist nennen darf.
Das ist der Posten, auf den er bei Springer entsorgt wurde, der ihm Restbedeutung gibt und sein Leben zwischen Paris-Bar, Starnberger See und Saint-Tropez finanziert. So haut er seine „Post von Wagner“ raus, Werktag für Werktag rund 40 Zeilen.
Seit 2001 werden seine Briefkolumnen gedruckt, mehr als 1500 dürften es inzwischen sein, meist gerichtet an die VIPs dieser Welt, aber auch an Normalbürger, Tiere, Pflanzen, an Viagra oder das Brandenburger Tor. Unruhig stammelnd verteilt er da auf Seite zwei der „Bild“-Zeitung seine Zensuren, mahnt Linksliberale ab, droht Ex-Terroristen an, ihnen Sekt ins Gesicht zu schütten. Der Kolumnist beklagt sich über Frauen, die nicht seiner Vorstellung von Weiblichkeit entsprechen, wie Andrea Nahles „mit ihren Schraubstockhänden“.
Er betet die eigene Mutter an und verflucht Charlotte Roche samt ihrem Mösen-Manifest. Wagner hofiert den Papst und den Dalai Lama, Atheismus findet er „abstoßend“. Lafontaine ist des Teufels, Windräder auch. Neuerdings ist Wagner wieder für Atomkraft. Er bewundert Oliver Kahn, Martin Walser und Thomas Gottschalk. Angela Merkel wirft er „über die Leibwächter hinweg Luftküsse zu“. Großstadt-CDU in der Gaga-Version, das ist seine Linie.
Wagner, der viel beachtete Vielschreiber, der sogar dem NDR-Fernsehen mal ein Porträt wert war, wird heute 65 Jahre alt. Er ist also im Rentenalter, doch er wird seine Kolumne weiter schreiben, das hat Springer bestätigt. Und das ist auch gut so, immerhin hat Wagner quasi mit Selbstmord gedroht: lieber tot als „ungedruckt“, so pflegt er zu jammern.
Wie er überhaupt gern jammert. Wagners Selbstverliebtheit schlägt ständig um in ein grotesk übersteigertes Selbstmitleid. „Lasst mir mein Auto, in dem ich fliegen kann“, hat der Sportwagenliebhaber in Sachen Tempo 130 geschrieben. Zum Rauchverbot fiel dem Gitanes-Fan ein: „Willkommen am Rinnstein, Raucher. Die Raucher werden sterben an der Kälte vor der Tür . . .“ Und nach den neuerlichen ICE-Unfällen klagte er: „Ich habe Angst, mich auf dich zu verlassen.“
Wagner benimmt sich so, als sei seine Leserschaft eine riesige Therapiegruppe, die er distanzlos mit schlichten Gedanken und Altherrenfantasien traktieren darf. Er lässt alles raus, er müllt sich aus, unsortiert, ungefiltert und wohl meist unredigiert. Man will ja eigentlich gar nicht wissen, wie es in seinem Kopf aussieht, aber es muss wohl so eine Art Stammtischhirn sein, in dem lauter zerknüllte „Bild“-Zeitungen herumliegen. Wirr sind seine Kolumnen, manchmal widersprüchlich, etwa beim Thema Doping und Tour de France.
Da forderte er 2007 erst den Ausstieg von ARD und ZDF aus der Berichterstattung - und nur zehn Tage später beklagte er genau diesen. Die „Bild-Zeitung“ wurde von dem Schriftsteller und Ex-“Titanic“-Redakteur Gerhard Henschel mal als „Sexualkloake“ und „gurgelnder Gully“ bezeichnet. In diesem Rohrsystem der Antiaufklärung kübelt auch Wagner herum - als ungekrönter König der Kanalarbeiter.
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