Von Dogan Michael Ulusoy, 08.08.08, 18:48h, aktualisiert 03.09.08, 14:34h
Bernard Jakoby: Leider ja, wir haben das Sterben regelrecht ausgegliedert. 80 Prozent aller Menschen über 75 Jahre sterben in Krankenhäusern oder Alten- und Pflegeeinrichtungen. Das Problem wird sich in den nächsten Jahren durch die Überalterung noch extrem verschärfen.
Warum wird in der Gesellschaft nicht offen über das Problem diskutiert?
Jacoby: Das liegt daran, dass der Mensch grundsätzlich nicht bereit ist, dem Tod ins Auge zu sehen. Sterben ist ein Angst-Thema. Kaum einer ist bereit, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen.
Wovor fürchten sich Menschen, deren Krankheit das Endstadium erreicht hat, am meisten?
Jacoby: Sie haben weniger Angst vor dem Tod an sich, sondern mehr vor einem leidvollen Sterben. Das Grundproblem der heutigen Zeit liegt darin, dass die Medizin massiv in den Sterbeprozess eingreift - etwa durch die Magensonde oder Beatmungsgeräte. Man kann Menschen sehr lange am Leben erhalten, oft über Jahre. Von hierher rühren die meisten Ängste der Menschen. Nicht mehr autonom entscheiden zu können und lange dahinzuvegetieren.
Sie schreiben in Ihren Büchern, wie wichtig es ist, dass Angehörige den Sterbenden gehen lassen. Was meinen Sie damit?
Jacoby: Es geht bei der Sterbebegleitung vor allem darum, sich auf den Sterbenden wirklich einzustellen, seine Bedürfnisse zu sehen und nicht die eigenen. Das ist sehr schwer. Denn die Angehörigen müssen selbst erst mal akzeptieren, dass der Tod unausweichlich ist. Sie sind oft viel zu sehr mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt. Ganz schlimm ist es, wenn geklammert wird.
Was bewirkt dieses Klammern?
Jacoby: Das macht es dem Sterbenden sehr schwer. Es verzögert den Sterbeprozess erheblich. Oft ist das Phänomen zu beobachten, dass der Mensch gerade in dem Moment stirbt, wenn der Angehörige kurz den Raum verlässt.
Wie können die Angehörigen diese Umklammerung lösen?
Jacoby: Indem sie den nahenden Tod annehmen. Die Akzeptanz des Todes fehlt jedoch ganz oft. Der Sterbende ist da meist schon viel weiter. Deswegen ist der Satz „Du darfst jetzt gehen“, den ich in meinen Vorträgen immer wieder erwähne, von so enormer Bedeutung.
Die Praxis sieht anders aus. Oft werden Magensonden gesetzt. Man weiß aus Studien, dass die Patienten sie oft nicht vertragen Sind Magensonden überhaupt sinnvoll?
Jacoby: Wenn eine Magensonde kurzfristig Anwendung findet, etwa nach einer schweren Magenoperation, ist sie natürlich berechtigt. Aber so wie das heute vielfach praktiziert wird, ist die Magensonde ein künstlicher Eingriff in den Sterbeprozess. Nicht das Leben wird verlängert, sondern das Sterben. Manchmal leben Bewusstlose jahrelang mit der Magensonde.
Warum setzt man dann die Sonden?
Jacoby: Man ignoriert, dass es zum Sterbeprozess dazugehört, dass die Menschen irgendwann keine Nahrung und keine Flüssigkeit mehr zu sich nehmen wollen. Den Angehörigen wird dann erzählt: Wollen Sie, dass Ihre Mutter verhungert? Dabei gibt es eine gnädige Einrichtung der Natur. Das ist die typische Auszehrung, die bewirkt, dass man gar nichts mehr spürt.
Was halten Sie von den organisierten Sterbehilfe-Vereinen?
Jacoby: Für mich bieten diese Organisationen keine Freitodhilfe an, sondern aktive Sterbehilfe. Die wahren Absichten werden nur kaschiert. Ich bin grundsätzlich gegen die aktive Sterbehilfe. Menschen auf Parkplätzen sterben lassen und dafür Geld verlangen, ist unwürdig. Ich bin für die passive Sterbehilfe, bei der lebenserhaltende Maßnahmen im Endstadium einer tödlichen Krankheit eingestellt werden.
Im Bundestag werden zwei zentrale Vorschläge zum Thema Patientenverfügung diskutiert. Ein Antrag will Patientenverfügungen für verbindlich erklären. Das Selbstbestimmungsrecht der Patienten steht hier im Vordergrund. Der Gegenposition zufolge soll einer Verfügung nur gefolgt werden, wenn der Krankheitsverlauf unumkehrbar zum Tod führt. Wie bewerten Sie die Ansätze?
Jacoby: Die aktuelle Diskussion um die Sterbehilfe verfolge ich mit großem Unwohlsein. Als im Bundestag über die Patientenverfügung gesprochen wurde, sagte ein Abgeordneter, dass es lebensgefährlich sein könnte, eine Patientenverfügung zu machen. Ehe man sich versehe, sei man tot, weil man es ja vorher so festgelegt habe. Das ist großer Unsinn. Gerade in Deutschland wird fast alles getan, um die Menschen möglichst lange am Leben zu halten. Das Selbstbestimmungsrecht muss im Mittelpunkt stehen Ich habe jedoch den Eindruck, dass dies in der aktuellen Debatte viel zu wenig beachtet wird. Am Ende entscheiden wieder Ärzte und Gerichte. Man will die Kontrolle über das Sterben erreichen, doch der Mensch wird das Sterben nie kontrollieren können. Das geschieht nach geistigen Gesetzen, nicht nach irdischen.
Was für geistige Gesetze?
Jakoby: Wir sind eingebunden in ein höheres Sein. Die Seele entscheidet sich selbst, wann es Zeit ist zu gehen. Wir kennen das ja von den Vorahnungen, die oft vor dem plötzlichen Tod auftreten. Der Mensch spürt sein irdisches Ende.
In Ihren Büchern schreiben Sie auch über das Leben nach dem Tod. Könnte die Einbeziehung dieser Erkenntnisse der Sterbeforschung der gesellschaftlichen Diskussion über die Sterbehilfe eine andere Richtung geben?
Jacoby: Das würde die Debatte radikal verändern. Die Weiterexistenz der Seele nach dem Tod ist für mich überhaupt keine Frage. Der Mensch sollte begreifen, dass er letztlich ein geistiges Wesen ist. Er ist hier, um seelisch zu reifen und bedingungslos lieben zu lernen. Im Sterbeprozess ist deutlich zu beobachten, dass der Mensch in eine andere Welt eintaucht. Er sieht andere Verstorbene, er wird von ihnen abgeholt. Die Angst vor dem Tod würde abnehmen, wenn wir wieder mehr an das Leben nach dem Tod glauben würden. Verschwindet die Furcht, würde das den Sterbeprozess immens erleichtern. Der Sterbende könnte sich fallenlassen. Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.
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