Von Claudia Lehnen, 07.08.08, 23:53h, aktualisiert 07.08.08, 23:55h
Wenn Maria morgens ihren Kaffeebecher mit Internetzugang aus dem Schrank holt, dann dreht sie schnell ein Video, zeigt ihren Freunden, dass sie drei Kilo abgenommen hat und sieht, dass die ihr unbekannte Sarah aus Halifax ihre Vorliebe für frühe Michelangelo-Zeichnungen teilt. Sarah hat Maria übers Netz gefunden. Dort ist sie verzeichnet als Expertin für diesen kleinen Ausschnitt der Kunstgeschichte - neben 18 Millionen anderer einschlägig Interessierter. Obwohl die Zeichnungen des Renaissance-Malers eine Nische sind, wie Maria stolz sagt. Für Rilke ist ja jetzt jeder Experte.
Die Welt ist schön. Und sie wird noch schöner. Zumindest virtuell. Wer sich im Internet darstellt, darf kreativ sein. Nicht unbedingt im Sinn der Neuerfindung einer multiplen Persönlichkeit. Andere Identitäten ausprobieren - auch hierfür kann das Netz herhalten. Einmal Mann sein, einmal Frau sein, einmal Werbeexperte, einmal Blogger für internationale Politik, einmal der an Perversitäten Interessierte. In erster Linie wird es aber dazu dienen, unsere Selbstpräsentation schöner, glatter und erfolgreicher zu gestalten.
„Die Geschichten vom eigenen Leben werden eher glatt sein und werden als Erfolgsgeschichten angelegt. Die Storys vom Scheitern werden kaum ins Netz gelangen“, sagt der Entwicklungspsychologe und Identitätenforscher Günter Mey von der Internationalen Akademie an der Freien Universität Berlin. Der dickliche Nerd Marvin aus der Parallelklasse wird mit durchtrainierten Radlerbeinen und im Kreis schöner Geschäftskollegen über Google zu finden sein. Peinliche Bilder werden nicht lange im Netz bleiben - Marvin wird das mittels eines Internetservices, der Jugendsünden löscht, zu verhindern wissen.
Marvin wird das nichts bringen, denn nur Vorsprung nützt demjenigen, der weiterkommen will. Wenn alle mitziehen, verblasst die Gunst des Schnelleren. „Wenn alle sich ins Netz bringen, relativiert sich der Vorzug von Exklusivität des Im-Netz-Seins“, sagt Mey und prophezeit damit gleichzeitig das Ende der großen Masse an Selfmade-Internet-Stars. Heute kann noch jeder versuchen, mit Exhibitionismus im Internet auf sich aufmerksam zu machen. Bald wird der Darwinismus sich aber auch einen Weg ins Netz bahnen. Die große Masse wird nicht mehr wahrgenommen werden. Herausragendes wird im Internet nur in schmalen Nischen stattfinden. Oder an einem anderen Ort.
Maria ist Mitglied im Privilegierten-Netz Pro-Net. Mit früheren YouTube-Schnipseln wird hier niemandem Eintritt gewährt. Nur wer seine Fingerprints einspeist und über genügend Berufsjahre verfügt, hat eine Chance, dazuzugehören. Arbeitszeugnisse und Einträge in die Personalakte werden ins Pro-Net geladen, und nur, wer da Schmückendes zu bieten hat, ist vernetzt mit den Erfolgreichen. Maria hat beides zu bieten und ist damit ständig auf dem Sprung. Ihr Job bei einer Privatbank ist interessant, aber es könnte ja auch Besseres geben: „Ich bin nur mit einem Fuß in meiner derzeitigen Firma, mein Spielbein testet die Welt der potenziellen Karriereleitern.“
Berufliche Identität im GriffIhre berufliche Identität hat Maria im Griff. Dank der Barrieren, die ins Privilegierten-Netz eingeschaltet sind. Privat fühlt sich die 29-Jährige allerdings ständig beobachtet. Obwohl das Wort „privat“ vielleicht gar keine ernst zu nehmende Kategorie mehr darstellt. Das Internet der Dinge hat sich eingeschlichen in Marias Alltag. Winzige Funkchips mit dem Namen „smart dust“ haben sich an Marias Fersen geheftet und melden aller Welt, wo sie sich gerade befindet, welche Müsliriegel sie im Supermarkt kauft, welche Weinsorten sie präferiert und ob sie in den vergangenen Monaten einen Raucherclub besucht hat.
Manchmal liebäugelt die Bankkauffrau damit, das Internet der Dinge einfach abzuschalten. Aber technisch ist das kontraproduktiv. Schließlich funktionieren die vielen Funktionen des Internets nur dann, wenn Maria „always on“ ist, also allzeit im Netz zur Verfügung steht. Ein Sensorteppich kann die Notrufzentrale nur dann mit fast hundertprozentiger Sicherheit auf einen gestürzten Menschen aufmerksam machen, wenn er ununterbrochen eingeschaltet ist. Und Marias Handy kann nur dann vor dem Erdnuss-Müsli im Supermarkt warnen, wenn es registriert hat, dass Maria beim letzten Mal nach dem Genuss desselben Magenschmerzen bekam.
Das Private geht verloren. Soweit sind sich die meisten Wissenschaftler einig. Dass die verschwimmende Grenze zwischen Privatem und öffentlichem Leben aber in Zukunft als Verlust wahrgenommen wird, bezweifelt Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft an der TU Berlin. „Die meisten wollen ihre innerste Identität nach außen schreien. Schon jetzt empfindet es die Mehrheit nicht als Belästigung, wenn sie im Netz Spuren hinterlässt.“
Natürlich, man kann kulturpessimistisch den Verlust von Authentizität beklagen, weil niemand so sein kann, wie er wirklich ist, wenn die theoretische Möglichkeit der Beobachtung besteht. Allerdings will Bolz keine orwellsche Angst vor dem Verlust des Privaten an die Wand malen. „Die Mathematik sollte uns hier beruhigen. Auch wenn es theoretisch möglich ist, jemanden zu beobachten, wird das praktisch nicht umsetzbar sein. Die DDR hat uns gezeigt, dass ein Überwachungsstaat einen Beobachterstab benötigt, der halb so groß ist wie die Menge der Beobachteten.“ Und wenn doch? Vorsichtshalber investiert Maria abends immer noch ein Stündchen in virtuelle Markenpflege. Sie löscht, verknüpft, spielt ein, schreibt und bastelt - immer auf dem Weg zu einer selbst designten Markenpersönlichkeit. Jung-dynamische Finanzexpertin, Portugiesisch sprechend, privat mit einem Faible für die frühen Zeichnungen von Michelangelo, fürs Seiltanzen und für Weißwein.
Das ist Marias Marke. So will Maria sein. Im Netz klappt das nur, wenn sie Verknüpfungen pflegt und löscht, was ihre Marke verwässert. Nach ihrem Klinikaufenthalt vor drei Monaten hatte sie viel zu tun: „Da tauchten auf einmal frühere, unretuschierte Tennisbilder auf. Und ein Link zu einer antikapitalistischen Studentenverbindung. Das musste ich überarbeiten. So wollte ich mich nicht präsentieren.“
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