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Ein Tag in ...

Erlebniskultur statt Drecksarbeit

Von Birgit Lehmann, 08.08.08, 19:52h, aktualisiert 09.08.08, 10:59h

Zum Abschluss unserer Reihe mit Sommerausflügen geht es ins nördliche Ruhrgebiet. In Oberhausen ging Ende der 90er Jahre mit der Schließung der Zeche Osterfeld die Ära der Schwerindustrie in Oberhausen zu Ende. Doch nun hat die Stadt ihre Schwerindustrie ins Museum verbannt.

Oberhausen
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Es war einmal: Schwerindustrie in Oberhausen ist zu einem Fall für das Museum geworden. (Bild: Krasniqi)
Oberhausen
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Es war einmal: Schwerindustrie in Oberhausen ist zu einem Fall für das Museum geworden. (Bild: Krasniqi)
OBERHAUSEN - Das ist prompt. Keine zwei Minuten nach der Bestellung stellt der italienische Kellner im „Uerige Treff“ am Friedensplatz schwungvoll das Essen auf den Tisch: Matjes mit Kartoffeln. Aber wir sind ja auch in einer Arbeiterstadt, Oberhausen, der Stadt der Kohle und des Stahls, und da muss es flott zugehen.

Doch viele Leute haben Zeit. Auf einer Parkbank zwischen den Platanen genießen drei Rentner die Sonne. Majestätisch erhebt sich das Bert-Brecht-Haus in der Paul-Reusch-Straße. Der rote Backsteinbau beherbergt VHS und Stadtbibliothek. Die „Fragen eines lesenden Arbeiters“ und das Konterfei des Dichters schmücken die Wände der Eingangshalle. Genauso imposant sind das Bahnhofsgebäude und das Rathaus, funktionale Architektur der späten 20er Jahre, als die Schlote der Ruhrgebietsstadt noch dampften und die Schwerindustrie Reichtum bescherte. Heute hat Oberhausen mit seinen 219 000 Einwohnern mit einer Arbeitslosenquote von 14 Prozent zu kämpfen, was mitunter auch in der Innenstadt spürbar ist.

Ein gutes Stück hinter dem Bahnhof, an der Hansastraße, befindet sich das Rheinische Industriemuseum. Ein Rundgang durch die 1854 gegründete Zinkfabrik Altenberg zeigt, wie hart, schweißtreibend und vor allem gesundheitsschädlich die „Maloche“ hier früher war. Maschinen, Werkteile und Öfen sind zu sehen. Ein riesiger Dampfschmiedehammer reicht bis unter die Hallendecke, ein Transmissionsriemen dreht sich knarrend. Auf 800 Grad wurde das Zinkerz erhitzt; die Arbeiter, die in Zwölfstunden-schichten das glühende Zink wendeten, litten unter chronischem Husten, der „Hüttenkotze“.

Ende der 90er Jahre ging mit der Schließung der Zeche Osterfeld die Ära der Schwerindustrie in Oberhausen zu Ende. 40 000 Arbeitsplätze gingen verloren, 10 000 neue wurden seitdem geschaffen. Statt Kohle und Stahl setzt Oberhausen heute auf Dienstleistung und Erlebniskultur. Sichtbarstes Zeichen dafür ist der Gasometer, die 117 Meter hohe „Ausstellungstonne“, ein ehemaliger Koksereigasspeicher. Von der Plattform oben haben Schwindelfreie einen Blick weit über das Ruhrgebiet, von den „Missfits“ vor Jahren schaurig schön besungen: „Stehse auffem Gasometer im Sturmesbrausen und alles, watte siehst, is Oberhausen.“ Drinnen fällt der Blick aus noch größerer Distanz auf die Erde hinab. Zu sehen sind großformatige Satellitenaufnahmen von der Ariane 5, spektakuläre Weltallperspektiven auf Gletscher, Meere und Wüsten dieser Erde. Die Botschaft ist so platt wie richtig: Bewahrt unseren Planeten.

Wieder draußen fällt der Blick auf ein weiteres Industriedenkmal, den Peter-Behrens-Bau. Der Bauhaus-Architekt errichtete 1925 für die Gutehoffnungshütte ein Zentralmagazin, heute beherbergt es Schätze des Rheinischen Industriemuseums. Gleich daneben auf dem ehemaligen Thyssen-Gelände stehen die neuen Aushängeschilder der Stadt: die König-Pilsener-Arena und das Centro. Der Einkaufstempel mit über 200 und bald noch mehr Geschäften lockt seit 1996 Kundenströme vom Niederrhein, aus dem Ruhrgebiet und den Niederlanden an - dank seiner 20 Pubs und Restaurants sowie Kinos, Konzerten und Showevents auch des Abends und am Wochenende, während die Innenstadt zusehends verödet.

Der Centro-Park mit Riesenrad und die mit Großfischen aus aller Welt besetzte Aquarienwelt des „Sea-Life“ sind weitere, wenn auch nicht ganz preiswerte Attraktionen. Seit kurzem ist die „Mobilbahnwelt Oberhausen“ direkt daneben mit ihrem Ruhrgebiet in Miniaturformat hinzugekommen. Und im Metronom-Theater, wieder nur ein paar Meter entfernt, gastieren seit anderthalb Jahren die Schautrommler der „Blue Man Group“.

Doch der Strukturwandel ist ins Stocken geraten. Vor zwei Jahren sprangen die Investoren ab, die Oberhausens Traum von einer „O'Vision“, einem riesigen Gesundheitspark, verwirklichen sollten. Eine irische Investorengruppe hat das Gelände gekauft, ein Gartencenter steht als einzig konkretes Projekt im Raum. „Der Rest steht in den Sternen“, so ein Sprecher der Stadt.

Weltbekannte Bilder

Der Weg führt weiter nach Westen am Rhein-Herne-Kanal vorbei. Im Schloss Oberhausen findet der Besucher moderne Kunst. Der in Rot gestrichene klassizistische Bau beherbergt die Ludwig-Galerie. Aktuell ausgestellt sind Bilder des deutschen Magnum-Fotografen Thomas Hoepker. Unter vielen seiner weltbekannten Bilder ist auch das Foto jener fünf jungen Leute zu sehen, die sich an einem schönen Sommertag am Ufer des East River niedergelassen haben und sich mit Blick auf Manhattan angeregt zu unterhalten scheinen. Ein Schnappschuss von einem netten Sonntagsausflug - wären da nicht die Rauchwolken, die vom brennenden World Trade Center herüberziehen und daran erinnern, dass just in dieser Sekunde Tausende von Menschen ihr Leben lassen. Eine absolut sehenswerte Ausstellung.

In Garten Osterfeld mit dem Förderturm der ehemaligen gleichnamigen Zeche steigen Drachen auf, Jugendliche spielen Basketball. Ein schöner Ort zum Lesen oder Spazierengehen. Ein letzter Abstecher führt in die Siedlung Eisenheim, der mit 150 Jahren ältesten Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets. Gedrungene Giebelbacksteinhäuser mit weißer Schmiedeeisenverzierung an den Haustüren strahlen ebenso Piefigkeit wie Beschaulichkeit aus. Türkische Musik dringt aus den Gärten, Kinder fahren mit ihren Rädern über die Berliner Straße. Für Autos ist sie viel zu schmal.



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