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Briefwechsel Bachmann/Celan

Bekenntnisse in der Herzzeit

Von Rainer Hartmann, 12.08.08, 20:20h

Der berührende Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan: Die dramatische Beziehung der Schriftstellerin zu dem Lyriker lotet die Höhen und Tiefen der Gefühle aus. Das Kompendium der Briefe ist ein literarisches Ereignis.

Dies ist eine Liebesgeschichte auf schwankendem Boden: voller Sehnsucht und Schmerz, Glück und Missverständnis. Zufällige Begegnung führt rasch zu selig-unseliger Verkettung. Briefe, mitunter gar nicht abgeschickt, werden selbst zu Literatur. Auf radikale Offenheit folgt Verschlossensein, auf Bruch Neuanfang nach Jahren, in Köln. Wegen der Entfernung, später auch Entfremdung, dient Post als Gefühlsschleuse. Jahrzehnte danach lässt das Drama zweier großer Autoren sich nun unter dem Titel „Herzzeit“ nachlesen, nachempfinden umso mehr, als der Band die Briefwechsel zwischen Celan und Max Frisch - mit dem Ingeborg Bachmann von Herbst 1958 an vier Jahre lang zusammenlebte - und zwischen Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange einbezieht.

Ingeborg Bachmann und Paul Celan lernten sich im Mai 1948 in Wien kennen. Sie war knapp 22, er 28, sie studierte Philosophie, er versuchte, seine Gedichte zu veröffentlichen. Es waren Gedichte, die die Erfahrung des äußersten Schreckens weitertragen. Das bis heute am meisten verbreitete ist die „Todesfuge“ („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“). Paul Celan, Kind einer deutschsprachigen jüdischen Familie aus Czernowitz, war dem Holocaust mit knapper Not entronnen, seine Eltern und viele Gefährten seiner Jugend waren ermordet worden. Wien blieb Zwischenstation für ihn. Seine Sprache war die, die auch die Mörder gesprochen hatten, aber im deutschen Sprachraum hielt er es nicht aus. Im Juni '48 zog er weiter nach Paris.

Der erste „Brief“ ist ein Gedicht. Celan schrieb es unterm Datum vom 23. Mai in einen Matisse-Bildband. Es spürt die Schwierigkeiten der Beziehung voraus: das Ineins von Nähe und unüberbrückbarem Abstand, den Drang zueinander und Celans Bewusstsein, für immer in der Trauer leben zu müssen. Ingeborg Bachmann tritt darin auf als die „Fremde“, gegenübergestellt dem Chor der Vertrauten, und Celan spricht zu sich selbst: „Du sollst zu Ruth, zu Mirjam und Noemi sagen: Seht, ich schlaf bei ihr!“

Langes Schweigen

Langes Schweigen nach Celans Abreise. An Weihnachten 1948 sucht Ingeborg Bachmann einen Weg. „Lieber, lieber Paul“ heißt die Anrede, sie schreibt, „weil es mir jetzt Freude macht“, und: „Ich hab Dich heute lieb und so gegenwärtig“. Doch sie sendet den Brief nicht ab. Ende Januar 1949 meldet Celan sich per Luftpost, seine Gedichte „Der Sand aus den Urnen“ erhält Ingeborg Bachmann indes von Freunden. Sie schreibt ihm am 12. April: „Das war ein trauriger Augenblick, weil sie von Fremden kamen und ohne ein Wort von Dir. Aber jede einzelne Zeile hat es wieder gutgemacht.“

Es ist eine merkwürdig verhemmte Fernbeziehung, vorsichtig bis selbstquälerisch warten beide auf Geständnisse des anderen. Im November 1949 fragt Ingeborg Bachmann, ob Celan ihre Zärtlichkeit und Liebe „noch nehmen“ kann. Keine Antwort. Sein nächster Brief zehn Monate später, als er sie in Paris erwartet, klingt sachlich, erst am Ende dann „Ich umarme Dich“.

Was Paul Celan damals am meisten brauchte, war das Verständnis, dass für ihn das Grauen der Shoah nicht vorbei war, sondern Vergangenheit und Gegenwart sich ineinanderschoben. Die wenigsten begriffen - auch Kollegen und Kritiker nicht -, dass seine Gedichte das Gedächtnis an die Toten wach halten als fortdauernde Klage über das Menschheitsverbrechen. Ingeborg Bachmann, sensibel bis zur Selbstgefährdung, hatte das sofort erkannt. Sie spricht von ihrer Angst um ihn, sie will ihn „heimholen aus der Verlorenheit“. Wie viel ist ihr gelungen?

Im Herbst 1950 und wieder im Vorfrühling 1951 besucht sie Celan in Paris. In den Briefen danach bleibt sie die Drängende. Am 16. Februar 1952 jedoch mahnt Paul Celan, „nicht mehr am Unwiederbringlichen“ herumzurätseln. Nur „Freundschaft zwischen uns“ sei noch möglich. Im Dezember heiratet er die Grafikerin Gisèle de Lestrange. Überschwang endet in Verletzung. Der Austausch beschränkt sich nun auf Bedauern, auf Mitteilungen zu Reisen und Veröffentlichungen.

Aber im Oktober 1957 begegnen sie sich wieder während einer Wuppertaler Tagung und intensiv am 14. Oktober in Köln. Das Feuer flammt neu auf, heftiger denn je, für einige Monate. Aus Paris schickt Celan das Gedicht „Köln, Am Hof“, in dem „die Geträumten“ einander treffen. Darin steht das Wort „Herzzeit“, macht die Nähe zum Dom sich bemerkbar. Die Jahre des Nichtverstehens sind überwunden: „Verbannt und Verloren / waren daheim.“ Spätestens hier ist unverkennbar, dass die Lektüre dieses sehr privaten, streitgefährdeten Briefwechsels nichts mit Schnüffelei zu tun hat. Sie führt direkt zu den Werken Celans und Bachmanns.

Geschärfter Blick

Ihren Roman „Malina“ und ihr Fragment „Der Fall Franza“ liest man nun anders, ebenso Gedichte des Bandes „Die gestundete Zeit“, der zum wichtigen Bestand der Nachkriegsjahrzehnte gehört. Der Blick wird geschärft für die dunklen Beschwörungen des Holocaust, für den Widerhall von „Am Hof“ im Wien von „Malina“. Ganz besonders in den Gedichten, die er Ingeborg Bachmann schickt, wird deutlich, wie Celan reine Liebeslyrik schreiben konnte, ohne die Erinnerung an die Zeit des Untergangs zu unterdrücken. Mit Recht sprechen die kommentierenden Herausgeber vom „Briefgeheimnis der Gedichte“.

Bei Ingeborg Bachmann, auch bei Max Frisch und vielen anderen sucht Celan nach 1960 Hilfe in einer Auseinandersetzung, die zu den berühmten Skandalen der Literaturgeschichte zählt. Claire Goll, Witwe des Schriftstellers Yvan Goll, hatte Celan, der unvergleichlich in der deutschsprachigen Lyrik ist, zum zweiten Mal des Plagiats bezichtigt. Er litt unsäglich darunter. Aus seinen Briefen dringen Rufe eines Verzweifelten. In der Presse und bei anderen Schriftstellern fand Celan nicht die erhoffte Unterstützung. Zu spät wurde die Spekulation als absurd entlarvt. Da war er längst in der Seine gestorben.

Er hatte den Vorwurf nie überwunden. Auch Ingeborg Bachmann und ein gemeinsamer Versuch mit Max Frisch konnten ihn nicht beruhigen. Briefe von 1961, zum Teil nicht abgesandt, bezeugen herzliche Ferne. Celans letzter Brief datiert vom 30. Juli 1967. Fast zehn Jahre war es her, dass er geschrieben hatte: „Du warst, als ich Dir begegnete, beides für mich: das Sinnliche und das Geistige. Das kann nie auseinandertreten, Ingeborg“.

„Herzzeit - Briefwechsel Ingeborg Bachmann/Paul Celan“. 399 Seiten, Suhrkamp, 24,80 Euro. Der Band erscheint am 18. August.



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