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1. FC Köln

Lebenslänglich verknallt

Von Tobias Kaufmann, 14.08.08, 19:55h, aktualisiert 15.08.08, 13:55h

Am Wochenenende beginnt die neue Bundesliga-Saison und der 1. FC Köln ist dabei. Das bedeutet 34 Spiele mit der Aussicht auf Glückseligkeit – oder auf ein erneut gebrochenes Herz. Bekenntnisse eines FC-Fans.

Hennes VIII.
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Der neue Geißbock Hennes VIII. (Bild: dpa)
Hennes VIII.
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Der neue Geißbock Hennes VIII. (Bild: dpa)
Tobias Kaufmann
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Tobias Kaufmann. (Bild: Rakozy)
Tobias Kaufmann
Wenn es nach meiner Mutter ginge, wäre ich Fan von Bayer Leverkusen. Nach dem ersten Abstieg des 1. FC Köln 1998 hat sie vorgeschlagen, einfach den Verein zu wechseln. Aber es geht nicht nach meiner Mutter. Vermutlich geht es nicht einmal nach mir, denn wenn es nach mir ginge, hätte ich schon mehrfach aufgehört damit, Fan zu sein. Es hat zu oft keinen Spaß gemacht. Aus demselben Grund habe ich das Gitarrespielen aufgegeben, Parteipolitik, hoffnungslose Beziehungen. Aber der FC bleibt seit mehr als 20 Jahren derselbe warme, pulsierende Fleck in meinem Herzen. Er kann auch zu einem eisigen Knoten werden, aber er geht nicht weg. Und ich weiß nicht einmal genau, warum.

Es hat im Sommer 1987 angefangen. Ich war elf und besuchte meinen Onkel in Köln, der beim Sportschau-Gucken zu mir sagte: Du bist Kölner, Du musst FC-Fan sein.

Dabei war ich weder das eine noch das andere. Ich bin in Leverkusen geboren, lebte kurz in Bergisch Gladbach und zog dann mit meiner Familie nach Niedersachsen - ins Reich von Eintracht Braunschweig. Ich war ganz allgemein Fußballfan und fand die Bayern gut, wegen Rummenigge und der roten Trikots. Aber das wurde nach dem seltsamen Satz meines Onkels nach und nach anders - auch wegen Pierre Littbarski. Litti war klein und schmal - so wie ich. Er war flink und trickreich - so wollte ich sein. Litti spielte für den 1. FC Köln.

Zwei Jahre später waren Bodo Illgner, Thomas Häßler, Pierre Littbarski und Christoph Daum meine Helden. Nach der Niederlage gegen den FC Bayern 1989, die die Meisterschaft gegen den FC entschied, schüttelte ich tränenblind meine Fäuste gen Himmel und schwor dem lieben Gott, mich von ihm abzuwenden, weil er nie meinen Verein siegen ließ.

Obwohl ich Fan keines anderen Vereins sein möchte als jenes, den derselbe ungerechte Gott laut einem der ewigen Plakate in Müngersdorf am 8. Tag erschuf, habe ich mir den 1. FC Köln nicht ausgesucht. Höchstens war's umgekehrt. Jeder Fan hat irgendwann, irgendwo unfreiwillig und unbewusst einen Schlüsselreiz erlebt, der ihn an seinen Verein bindet.

Der Schriftsteller Nick Hornby hat das so ausgedrückt: »Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.« An diesen Satz denke ich vor jeder neuen Saison. Ich freue mich glühend auf 34 Spiele mit der Aussicht, glücklich, zufrieden und stolz zu sein. Aber zugleich habe ich Angst, dass die Saison mir das Herz brechen wird so wie viele zuvor.

Das Business Profifußball wäre nicht lebensfähig ohne uns und unsere Hoffnung. Ohne die Millionen von Menschen, die bereit sind, Geld für etwas auszugeben, was keinen messbaren Wert hat. Das gesamte Geschäft beruht darauf, materielle Werte zu verbrennen, um Ideelles zu schaffen: Meisterschaften, Aufstiege, Punkte. Es wäre auch ein Missverständnis zu glauben, Fußballfans wären Kunden, die einfach gerne Fußball gucken. Wir können das Spiel unseres Klubs selten genießen. Wir durchleben jedes Mal einen 90-minütigen Höllentrip aus Angst und Adrenalin, der nach einem Sieg in einer Explosion von Erleichterung und Glück mündet.

Immer mal wieder fragen sich Fußballfans, warum sie sich das eigentlich antun. Sich das Wochenende versauen lassen, Geld zum Fenster rauswerfen, Ärger mit der Familie riskieren, das Mitleiden und Mitfühlen. Gerade Fans des 1. FC Köln geht es oft so. Am Sonntag des Aufstiegs war einer jener Momente, die die Antwort geben: darum. Dafür. Diese Bilder und Gesänge gehen nicht weg. Solches Glück macht süchtig. Nie mehr Zweite Liga, nie mehr, nie mehr, nie mehr.

Die Hymne als Lehnseid

Und doch findet sich das Faszinierende an dem Gefühl, sich einem Fußballverein mit Leib und Seele verbunden zu fühlen, nicht in den Momenten das Glücks. Dann wären wir alle Bayern-Fans. Das Faszinierende ist die Hoffnung auf diese Momente, selbst - und vor allem - dann, wenn sie selten sind. Das Unerklärliche ist die Steigerung, die dazu führt, dass man sich wie ein Verräter fühlen würde, wenn man nicht auch die Momente des Unglücks stolz ertrüge. Nichts weniger verlangt das Fan-Sein.

Die Hymne des 1. FC Köln ist an diesem Punkt eindeutig: „Wir schwören dir auf Treue und Ehre, wir steh'n zu dir ... und wir geh'n mit dir wenn es sein muss durch das Feuer, halten immer nur zu dir ...“ Das ist ein Lehnseid, gesungen von freien, erwachsenen Menschen mit Tränen der Rührung in den Augen. Es wird sich leicht ein Psychoanalytiker finden lassen, der erklärt, dass es mir gar nicht um den 1. FC Köln geht, sondern nur um die Sehnsucht, dazuzugehören. Einer Gemeinschaft zugerechnet zu werden und sie zu verteidigen. Eine Sehnsucht, die größtenteils harmlos ist - aber immer und überall zu Hass und Vernichtung führen kann. Was wiederum der Grund ist, warum vornehme oder intellektuelle Menschen sich über Jahrzehnte fernhielten vom Rausch des Pöbels in den Stadien. Jetzt sitzen sie mit Häppchen in VIP-Räumen und gucken dem Pöbel zu, wie er Stimmung macht.

Ich gehöre zu keiner der beiden Gruppen. Wenn es mir nur um Gemeinschaftsgefühl ginge, hätte ich zu Hertha BSC Berlin konvertieren können. Bis vor zwei Jahren habe ich stets mindestens 400 Kilometer vom 1. FC Köln entfernt gewohnt und war entsprechend selten im Stadion. Mein erstes Mal war 1990 - mit dem Kölner Onkel - ein 3:0 gegen Mönchengladbach. Zu dem Dutzend Spiele, die ich in Müngersdorf bis 2006 erlebte, gehörten das schlimme 0:1 im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Wolfsburg 1995 und der letzte Auftritt meines ewigen Torwarthelden Bodo Illgner im FC-Trikot gegen Rostock (0:2). Auswärts hatte ich meist Glück. Nach einem 4:0-Sieg beim HSV standen wir neben einem total bedienten Hamburg-Fan, der zu seinen Kumpels sagte: „So, jetzt geh ich in die Stadt und verprügele ein paar Köln-Fans. Aber vorher nehm ich den Schal ab, das ist mir sonst zu peinlich.“

Verbindung übers Radio

Meine Verbindung zum FC war über Jahre das Radio. Ich habe vor ihm gekniet, als Holger Gaißmeyer in Rostock ein rettendes 1:0 schoss; ich musste als freier Mitarbeiter im Radio die Bundesliga-Ergebnisse durchsagen, nachdem der FC zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte abgestiegen war. Kurze Zeit später bin ich Mitglied des 1.FC Köln geworden. Sechs Jahre später, nach einem 2:4 in Burghausen, hatte ich den Mitgliedsausweis schon in einen frankierten Umschlag gesteckt, um ihn nach Köln zurückzuschicken. Aber am nächsten Morgen nahm ich ihn reumütig wieder raus.

Heute gehören 40.000 Menschen dem Verein an, mehr als 22.000 junge Leute sind Mitglied in der FC-Fan-Gruppe in der Internet-Community StudiVZ, 25.000 Dauerkarten sind für die neue Saison verkauft. Der Zusammenhalt zwischen der Gemeinde und dem früher unnahbaren, aber erfolgreichen Klub ist im vergangenen Jahrzehnt des Misserfolgs rasant gewachsen. Außenstehende können das und vieles andere nicht verstehen. „Wie kannst du noch FC-Fan sein, bei dem, was in diesem Verein passiert?“ fragt man mich oft. Sie wird auch in Zeitungen gestellt, von Journalisten, die den 1. FC Köln unter der Rubrik Folklore wahrnehmen.

Niemand ist größer als der Klub

Damit mögen sie zwar recht haben, aber den Kern treffen sie trotzdem nicht. FC-Fans sind vergleichbar mit aufrechten Kommunisten in der SED. Wir halten oft nicht zu etwas Existierendem, sondern zu einem Abbild. „Wir“, das ist für uns FC-Fans nie jener reale 1. FC Köln, der von Funktionären als Geisel genommen wird oder für den Spieler auflaufen, die den Geißbock auf der Brust nicht verdient haben. „Wir“, das ist der FC im metaphysischen Sinne, die Idee des 1. FC Köln, des ersten Bundesligameisters, des weißen Balletts vom Rhein. Glück bedeutet für uns, dass der reale und der ideale FC aufeinander passen - aber Bedingung für unsere Treue ist es nicht. Obwohl es einmal mit Litti angefangen hat, ist es deshalb auch nicht entscheidend, wer in dem Trikot mit dem Geißbock steckt. Spieler kommen, Spieler gehen, manche schließen wir ins Herz, manche nicht. Solange sie den Geißbock tragen, sind sie unsere Jungs, allein das Trikot entscheidet über Gut und Böse. Dafür verlangen wir, dass der Spieler in ihm alles dafür tut, der Ehre gerecht zu werden, die es für jeden Einzelnen von uns auf der Tribüne bedeutete, einmal, ein einziges Mal nur, für den 1. FC Köln auf dem Rasen zu stehen.

Es gibt im Fußball ein einfaches Ordnungsprinzip, das hart klingt, aber existenzentscheidend ist: Niemand ist größer als der Klub. Fans investieren so unendlich viel Herzblut in diese abstrakte, überhöhte Gebilde und halten daran gegen alle Ergebnisse fest, dass man sie als eine Mischung aus Masochisten und Frommen bezeichnen kann. Alle Fans hoffen, nach dem Marsch durch ein Tal der Tränen aus Abstiegen und Niederlagen für ihre Treue belohnt zu werden, so wie es Hiob in der Bibel versprochen wird. Es ist einfach, sich über solche Unvernunft zu erheben - viel einfacher als zu ergründen, warum Menschen ihr zuwider fühlen. Warum sie vor Glück leuchten können wegen nichts als Fußball und warum sie immer wieder zu Spielen pilgern, selbst wenn der Verein, für den sie das tun, sie so behandelt wie ein prügelndes Herrchen seinen treuen Hund. Kann man das überhaupt ergründen? Im Stadionheft des 1. FC Köln werden Fans regelmäßig gefragt, was der Verein für sie bedeutet. Die meisten der Gefragten, Junge und Alte, Intelligente und Unbedarfte, Altgediente und frisch Bekehrte, antworten darauf mit einem einzigen Wort. Liebe.



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