Von Markus Schwering, 15.08.08, 17:58h, aktualisiert 15.08.08, 17:59h
Just dieses Konzert spielt Brendel am 18. Dezember mit den Wiener Philharmonikern unter Charles Mackerras in Wien - es wird sein letzter öffentlicher Auftritt als Pianist sein. Zum Auftakt der Kölner Saison an diesem Sonntagmorgen in der Philharmonie mit dem Gürzenich-Orchester unter Markus Stenz aber gibt es, wie gesagt, KV 491 zu hören, dieses Dokument eines gestalteten, gezügelten, aber doch einigermaßen überwältigenden Schmerzes.
Schmerzlos indes ist, wie Brendel mehrfach bekundete, sein Abschied vom Klavier - schmerzlos, unsentimental und endgültig. Eigentlich wollte er schon mit 75 aufhören, hängte dann aber - auf gutes Zureden von mancherlei Seite hin - noch zwei Jahre dran. Nun, sagt er, muss er sich und anderen nichts mehr beweisen - und er scheidet in Freiheit und guter Verfassung (nur kräfte- zehrende Brocken wie die Hammerklaviersonate will er sich schon jetzt nicht mehr antun). Er zeigt damit, dass er vom Podiumsauftritt nicht abhängig ist wie von einer Droge.
Philosoph am Klavier
Der Verehrer nimmt es mit trauerndem Respekt hin - wohl wissend, dass es etliche große Gegenwartspianisten gibt, aber eben nur einen Alfred Brendel. Joachim Kaiser hat ihn einmal den „Philosophen“ am Klavier genannt. Die freundlich gemeinte Beschreibung gerann fortan zum hinderlichen Klischee, führte dazu, dass man Brendel pflichtschuldig Gefühl und Emotionalität absprach. Eine große Ungerechtigkeit gegenüber einem, dem ja tatsächlich naiv-musikantisches Vor-sich-Hinspielen fremd ist - der sich als Diener am Werk versteht und selbstdarstellerischen Subjektivismus hasst.
„Ich will mich weder überschätzen noch hasse ich mich“, sagt Brendel über die eigene Person. Selbstzweifel sind freilich bei ihm, der sich denn auch trotz aller Ehrungen bescheiden gibt, immer noch produktiv geworden, haben ihn stets aufs Neue zur Auseinandersetzung mit einem vorderhand übersichtlichen klavieristischen Höhenkamm-Repertoire getrieben: Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Liszt, Schönberg. Und Rachmaninow? „Dafür ist die Lebenszeit zu kostbar.“ Auch Chopin wurde links liegen gelassen.
In den letzten Jahren hat sich die Agenda noch weiter verengt: Brendel spielt wenige Werke weniger Komponisten immer wieder - Haydn, Mozart, Beethoven, später Schubert. Kann er etwa nichts anderes? Er kann schon, aber er will nicht - weil er mit dem, was er immerzu spielt, nach eigenem Bekunden „nicht fertig wird“. Den Genannten ist gemeinsam, dass sie in einem vergleichsweise engen Zeitraum komponierten - vor und nach 1800 -, dass ihre Musik des im engeren Sinn virtuosen Appeals enträt, und dass sie in hohem Maße mit Wien zu tun haben. Nicht fehl geht wohl die Annahme, dass sich Brendel, der seit 1971 in London lebt, in der Auseinandersetzung mit dieser Tradition immer wieder auf die Spur des eigenen Lebens und Künstlertums setzt. Wohl nicht von ungefähr wird er ja auch seine Laufbahn in Wien beenden.
Schwieriges Verhältnis zu Mozart
Eine besondere, von Selbstqual und Angst nicht freie Beziehung unterhält Brendel zu Mozart. Für ihn, der Konzerte des Klassikers mehrfach eingespielt hat, sind das größte künstlerische Herausforderungen. Die Interpretation - eine von Scheitern bedrohte Herkulesaufgabe. Und Haydn, der Jubilar des kommenden Jahres? Wie sonst, so hört Brendel auch hier auf die Gegenschwingungen unter freundlicher Oberfläche. Da wird der Mann mit der Perücke auf einmal zum kühnen Experimentator der Moderne, da offenbaren sich in den Klaviersonaten subtile Trostlosigkeiten von einer Art, wie man sie kaum für möglich gehalten hätte.
In der Tat: Brendel macht es sich nie einfach. Das zergrübelte, grimassierende Gesicht beim Spiel lässt erahnen, wie es einem ergeht, dem alles wesentlich wird. Wer die Augen schließt und hört, wie da Schuberts perlende Läufe alle Unschuld verlieren und doch sozusagen Schönheit am Abgrund bleiben, wird des Gewinns an Unauslotbarkeit inne, den das skrupulöse Herangehen zeitigt. Über Schuberts späte Klaviersonaten, über ihr Verhältnis zu Beethoven, ihre Formdramaturgien, ihre lyrischen Abgründe hat Brendel in einer Weise geschrieben, die genauer und präziser trifft als viele weitschweifige musikologische Analysen. Aber er ist halt auch - und das ist ja alles andere als selbstverständlich - in der Lage, seine Erkenntnisse zwingend in Klangbilder umzusetzen.
Brendels Daseinsgefühl speist sich aus einer Mischung aus Skepsis und Humor, aus Ambivalenzen mithin, die auch seine Interpretationen prägen, sie mehrdeutig machen. Gleichfalls gilt das für sein nicht unbedeutendes literarisches Werk, seine Satiren und Gedichte. „Die Huster von Köln“ etwa ist ein wunderbares Stück über ein Brendel von jeher folterndes Phänomen - und dies nicht nur in der hiesigen Philharmonie, wo er immer wieder aufgetreten ist. Lautes und deutliches Konzerthusten sei die oberste Pflicht der Mitglieder des Hustervereins, heißt es dort. Brendel macht den Kölnern am Sonntag das Geschenk eines letzten Mozart-Konzerts. Vorschlag zur Güte: Sie könnten sich bei ihm auf eine Weise bedanken, die er sicher zu schätzen weiß: mit dem Verzicht auf jegliches Husten.
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