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„new talents“

Wenn der Rhein steigt

Von Georg Imdahl, 15.08.08, 21:28h

Mit einer Ausstellung der Kunsthochschulen wird der Rheinauhafen eröffnet.

Kunst Rheinauhafen
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Am Kranhaus Nord hat Oliver Kunkel ein Boot aufgehängt - exakt auf jener Höhe, auf welche der Rhein anstiege, falls Südpol und Nordpol komplett dahinschmelzten. (Bild: Csaba Peter Rakoczy)
Kunst Rheinauhafen
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Am Kranhaus Nord hat Oliver Kunkel ein Boot aufgehängt - exakt auf jener Höhe, auf welche der Rhein anstiege, falls Südpol und Nordpol komplett dahinschmelzten. (Bild: Csaba Peter Rakoczy)
„Hay que inventar!“ lautet ein gängiges Sprichwort im kubanischen Alltag: Erfinde es selbst, so die freie Übersetzung, wenn Du es nicht zur Hand hast. So entstehen nicht nur Trillerpfeifen aus gebogenem Blech, Trinkgläser aus geschnittenen Flaschen oder ein zur Leiter aufklappbarer Stuhl, der durchaus patentverdächtig aussieht. Improvisiert hergestellt werden auch anspruchsvollere Accessoires wie Elektrokocher (die der hiesige TÜV nicht unbeanstandet durchgehen ließe) und sogar Laminiergeräte.

Die junge Designerin Katrin Heinz hat einige solcher Gebrauchsgegenstände gesammelt, als sie 2005 ein Auslandssemester am Instituto Superior de DiseÜno Industrial in Havanna verbrachte, nun präsentiert sie die ebenso kuriosen wie erstaunlichen Ad-hoc-Produkte in Vitrinen und auf Fototafeln - einer der schönsten Beiträge einer neuen Kölner Biennale namens „new talents“, mit der an diesem Samstag der Rheinauhafen offiziell eröffnet wird. Die Ausstellung in Ladenlokalen, Büros und Galerien sowie auf Boulevard und Promenade ist nicht zu verwechseln mit dem Segment der Art Cologne. Sie versteht sich vielmehr als Schaufenster der Kölner Kunsthochschulen (namentlich der Kunsthochschule für Medien, der Hochschule für Musik, der „internationalen filmschule köln“ und der International School of Design), wobei sie, strategisch weitsichtig, auch die Kunstakademie Düsseldorf mit ins Boot nimmt, um eine rheinische Kreativpotenz darzustellen, die geballt ist, aber zu wenig von sich reden macht.

So sollen die insgesamt 55 künstlerischen, gestalterischen, musikalischen, filmischen Werke von knapp vierzig Absolventen die lohnenswerte Ausbildung in Köln und Düsseldorf bezeugen. Gefördert wird das mit 200 000 Euro maßvoll zu Buche schlagende Projekt durch die Rhein-Energie-Stiftung und die Staatskanzlei des Landes, zudem nimmt eine Vielzahl privater Förderer das löbliche Unternehmen auf seine Schultern. Den Jungkünstlern blühen fünf Preise à 4000 Euro („Lexus Award“), begleitet wird das Nachwuchsfestival von klar gestalteten Foldern im Kranhaus-Schuber, welche die einzelnen Teilnehmer fürderhin als Visitenkarten werden nutzen können.

Dies lässt den Anspruch auf die nötige Verbindlichkeit und Qualität erkennen, würde aber auch einer noch so gut gemeinten Veranstaltung keinen Bonus verleihen, wenn diese nicht durch die einzelnen Beiträge zu überzeugen wüsste. Manche Künstler gehen auf den Ort ein wie der 1974 geborene Bonner Gerriet K. Sharma (jüngster Inhaber des Deutschen Sound Art Awards) mit einer multikanalen Klangkomposition unter dem alten Kran am Maria-Martin-Clementine-Platz. Oder Oliver Kunkel: Der 1973 geborene Frankfurter hat errechnet, wie hoch der Meeresspiegel und der Rhein beim vollständigen Abschmelzen der Polkappen steigen würde - und hängt auf dieser Höhe ein Boot vor eine Musterwohnung. Zugleich präsentiert er, sinnigerweise im Büro der Firma Pandion, die sich auf die Erschließung von Grundstücken verlegt, weitere rheinische Wohnstandorte in Höhenlagen, die sich dann als Filetstücke erweisen würden. Und schließlich Sebastian Wickeroth, der in einem noch unfertigen Saal eine wogende Landschaft aus roten Rigipsplatten ausbreitet.

Wie der öffentliche Raum subversiv und vor allem inkognito „privatisiert“ werden kann, demonstriert Lena Hirche. Raffiniert schafft sie Abhilfe für Reisende, die ihr Gepäck nicht im Schließfach deponieren wollen: Ihre Koffer passen sich camouflageartig der Umgebung an, indem sie zum Beispiel als Stromkästen gestaltet sind. Absolut unauffällig und übersehbar mischen sie sich unter die üblichen urbanen Requisiten und bleiben unbehelligt, was die Essenerin auf mehreren Reisen in Europa, Asien und Amerika getestet hat.

Zu der nomadischen Existenz passt das „Casulo“-Haus, das Marcel Krings und Sebastian Mühlhäuser 2007 den Abraham & David Roentgen Award eingetragen hat. In einer Box von 80 Kilo ist eine komplette, großenteils faltbare Wohnungseinrichtung für das Single-Zimmer verstaut, die sich, von geübter Hand, in gerade mal zehn Minuten aufbauen oder wieder verstauen lässt. Davon zeugt im Rheinauhafen leider nur ein Video, die Möbel bleiben in der Kiste. Aber sie ist erst der Prototyp. Gut möglich, dass man ihr noch andernorts begegnen wird.



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