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Radtouren durch Berlin

Immer die Wand entlang

Von Bastian Ebel, 20.08.08, 10:39h, aktualisiert 20.08.08, 10:41h

29 Jahre lang durchschnitt die Berliner Mauer im Zickzackkurs die Straßen der Stadt. Ein vier Meter hohes Monstrum aus Beton. Eine Radtour entlang der alten Grenzanlagen.

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Erinnerung an deutsch-deutsche Geschichte: Besucher aus aller Welt sind verwundert, dass von „Berlins berühmtestem Bauwerk“ nur noch wenig zu finden ist.“ (Bild: Ebel)
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Erinnerung an deutsch-deutsche Geschichte: Besucher aus aller Welt sind verwundert, dass von „Berlins berühmtestem Bauwerk“ nur noch wenig zu finden ist.“ (Bild: Ebel)
Kopfschüttelnd steht eine hessische Schülergruppe zwischen Reichstagsufer und Schiffbauerdamm. Sieben weiße Kreuze am Ufer der Spree erinnern hier an die Menschen, die zwischen 1961 und 1998 bei dem Versuch, in den Westen Berlins zu flüchten, erschossen wurden. „Was für ein völliger Quatsch, so eine Mauer durch eine Stadt zu ziehen“, sagt der 16-jährige Benjamin.

Für diese Schüler ist es ist die letzte Station einer zwölf Kilometer langen „Mauertour“, die sie mit dem Fahrrad entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze erkundet haben. „Im Bus bekommt man zwar viel mit“, sagt der Lehrer. „Aber mit dem Fahrrad ist es doch viel authentischer.“ Seit fünf Jahren bietet eine Berliner nun schon geführte Touren mit dem Drahtesel durch die Hauptstadt an und hat sich damit als größten Anbieter auf diesem Gebiet etabliert. „Wir verstehen uns als Stadtbilderklärer“, sagt Martin Riewestahl von „Berlin on Bike“. Gemeinsam mit 25 Fahrradguides will er auch ein wenig mit den Vorurteilen der westdeutschen Besucher aufräumen. „Natürlich vermitteln wir während unserer Fahrradexpeditionen, dass in der DDR auch nicht alles schlecht war.“ Allerdings, und das gesteht der Berlin-Experte ein, „melden sich doch sehr wenig ostdeutsche Teilnehmer an“. Woran das liegt, kann er nur vermuten. „Es hängt bestimmt damit zusammen, dass die Menschen die Geschichte ein wenig verdrängen.“ Dennoch haben Riewestahl und seine Mitarbeiter in Sommertagen alle Hände voll zu tun. Von der Agentur-Zentrale im Bezirk Prenzlauer Berg starten wöchentlich rund 40 Touren zu den unterschiedlichsten Zielen in Berlin. Riewestahl: „Wir bieten verschiedene Themen in unterschiedlichen Sprachen an. Berlin bei Nacht, einen Rundblick oder die Grünoasen. Der absolute Renner ist jedoch die Mauertour.“

Für diese Route hat sich auch die hessische Schülergruppe entschieden. Bei langsamem Tempo erleben die Jugendlichen vier Stunden lang den ehemaligen Grenzwall. Fahrrad-Guide Thomas erklärt dabei die wichtigsten Punkte des Grenzverlaufs und macht sehr schnell Halt an der Ackerstraße. An der Mauergedenkstätte ist ein Stück ehemaliger Todesstreifen erhalten geblieben, wobei Besucher das Areal durch einen Schlitz in der Betonwand einsehen können. Die gute Laune der sonst so quirligen Schülergruppe ist bei dem Anblick von Stacheldraht, Selbstschussanlagen und der hohen Mauer erst einmal dahin.

Der Fahrrad-Guide erläutert den Teilnehmern die historischen Abläufe, gibt aber auch praktische Tipps. „18 Jahre nach dem Mauerfall können selbst manche Einheimische schon nicht mehr erkennen, ob sie im östlichen oder westlichen Teil der Stadt stehen.“ Dazu verweist er auf einen kleinen Streifen im Boden, der sich durch ganz Berlin schlängelt und mit dem Schriftzug „Berliner Mauer 1968 bis 1989“ an die geteilte Stadt erinnern soll. „Steht der Text auf dem Kopf, ist man im Osten. Kann man ihn richtig lesen, steht man im Westen.“

Vorbei an Geisterbahnhöfen, dem Checkpoint Charlie, prunkvollen oder bröckligen Fassaden oder dem Tränenpalast erfahren die Radler weitere Anekdoten, Geschichten und Fakten über eine Stadt, die 29 Jahre lang geteilt war. Eine erschreckende Bilanz. „In dieser Zeit, so schätzt man, gab es alleine in Berlin 150 bis 200 Tote an der Mauer. Genau weiß man das aber nicht, weil noch vor der Wende viele Akten vernichtet wurden“, so der Touristenführer.

Für die Schüler, die nur das vereinte Deutschland erlebt haben, eine imposante Erfahrung. „Wenn ich mir vorstelle, dass das mal so war, bekomme ich eine Gänsehaut“, meint Christine. Das Erlebnis, mit dem Fahrrad durch Berlin zu fahren, fand sie genial. „Man kann die Geschichte förmlich anfassen.“



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