Schriftgröße

Wir helfen

Aus dem Knast in den Knast

Von Anja Katzmarzik, 22.08.08, 22:12h, aktualisiert 22.08.08, 23:45h

Der junge Mann, den der „Kölner Stadt-Anzeiger“ seit seiner Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt Siegburg am 27. Mai begleitet, hat mal wieder eine Verabredung vergessen - und auch sonst anscheinend einiges. Das Ende der Freiheit kam schneller als erwartet.

Tino
Bild vergrößern
Vor die Tür gesetzt: Tino und das Haus, in dem er erst nicht wohnen konnte und schließlich nicht mehr wohnen durfte. (Bild: Knieps)
Tino
Bild verkleinern
Vor die Tür gesetzt: Tino und das Haus, in dem er erst nicht wohnen konnte und schließlich nicht mehr wohnen durfte. (Bild: Knieps)
Helfen Siegburg
Bild verkleinern
Raus und wieder rein: Straßenmarkierung vor der JVA Siegburg. (Bild: Worring)
Helfen Siegburg
BENDORF/KÖLN - Ein großes Finale sieht anders aus. „Ich werd' verrückt“, sagt Tino mäßig erfreut, als er nach dem gefühlten 20. Klingeln endlich die Tür aufmacht - und wendet sich gleich wieder ab. „Gibt es denn keine interessanteren Themen als mich?“ Der junge Mann, den der „Kölner Stadt-Anzeiger“ seit seiner Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt Siegburg am 27. Mai begleitet, hat mal wieder eine Verabredung vergessen - und auch sonst anscheinend einiges.

Dass er sich an diesem Mittwoch Anfang Juli schon längst bei der Koblenzer Bewährungshilfe hätte melden sollen, weil er nicht mehr in einem Kölner Jugendwohnheim leben will, sondern in der Nähe seiner Familie; dass er gestern einen Termin beim Arbeitsamt gehabt hätte, wo er sich arbeitslos melden sollte, weil er eine berufsvorbereitende Werklehre nach nur einem Tag abgebrochen hat; dass er vor zwei Wochen noch verliebt war („Die wollte nix.“). Und dass sein Bruder gestern Geburtstag gehabt haben soll offenbar auch. Dann sei ihm das Datum aber doch noch „eingefallen“. So habe er durchgefeiert und es auch heute nicht zum Amt geschafft.

Es dauert, ihn zu finden. Die Wohnung in Bendorf bei Koblenz, die er als Meldeadresse angegeben hatte, ist eine Baustelle - und unbewohnt. Eine Tür weiter öffnet jedoch die Frau eines Cousins, die bei der Suche hilft. Ihre Wohnung ist sauber und ordentlich. Zwei kleine Mädchen springen umher, die dem Besuch Getränke anbieten. Die Frau ruft ihren Mann an, aber der weiß nicht, wo der Andernacher steckt. Der Betrieb des Recyclinghofs eines weiteren Verwandten, den Tino als Praktikumsplatz angegeben hatte, ruht. Die ganze Familie sei auf einem Campingplatz an der Mosel. Doch auch am Urlaubsort ist der Gesuchte nicht, ergibt ein weiteres Telefonat. „Es gibt nur eine Möglichkeit“, sagt die Frau. „Er muss in der leeren Wohnung seiner Mutter sein.“ In der Tat. Er öffnet nachmittags um 16 Uhr, zugedröhnt von irgendwas, die Tür einen Ort weiter in Stromberg und blinzelt ins Tageslicht. „Ich find's chillig hier“, sagt Tino, was so viel wie „entspannt“ heißt. Da, wo er eigentlich gemeldet ist, sei er noch dabei zu renovieren. Im Auto geht es gemeinsam zurück zur Meldeadresse.

Das Laminat ist tatsächlich erst kürzlich verlegt worden. Auf dem Boden liegt ein „Traumfänger“. Über dem Bett aufgehängt soll das Geflecht laut indianischer Legende nur schöne Träume durchlassen. Tino träumt von einer Karriere als Schrotthändler. Viel mehr Gedanken lässt er kaum zu - auch nicht an seine kriminellen Taten, die vielen Menschen Schaden zugefügt haben. Für die Opfer empfindet er kaum Mitleid. Das, was er gestohlen habe, habe er doch zum Leben gebraucht. Und Gewalt sei immer nur Verteidigung gewesen. „Die anderen haben zuerst geschlagen“, sagt er - als sei ihm das Sandkasten-Spielzeug gestohlen worden.

Im Kölner Jugendwohnheim Carl-Sonnenschein-Haus steht Tinos Zimmer leer, wird aber freigehalten - falls er zurück will. Ein Termin mit dem Jugendamt hier, das immer noch Kostenträger ist, platzte. Heimleiter Christoph Joerdens: „Die waren zum vereinbarten Termin hier, aber Tino nicht.“ Der habe zuletzt gehetzt und haltlos gewirkt.

Zu früh nach seiner Haftentlassung habe er wieder Kontakt mit seiner Familie gehabt. „Aber wir konnten ihn davor nicht bewahren.“ Tino steckt aus Joerdens Sicht in einer „biografischen Falle“: „Zwei Jahre Gefängnis haben ja nichts an den strukturellen Problemen in der Familie geändert.“ Die alten Muster wecken alte Probleme. „Man müsste viel früher ansetzen. Nicht erst bei der Entlassung. Das ist alles verlorene Zeit“, so Joerdens.

Tino bräuchte eine Wohnform „in einer familienähnlichen Situation mit stationären Betreuern“, glaubt Bewährungshelferin Susanne Lutzius in Köln, als sie von der Entwicklung erfährt, über die sie normalerweise erst später informiert worden wäre. Sie kann ihren Klienten nicht hinterherreisen. Sie ist auf die Amtshilfe der Kollegin in Koblenz angewiesen. Doch die ist in Urlaub und Tino allein zu Haus.

Am 28. Juli ist die Geduld der Familie erschöpft. Die Tante, die Tino die Wohnung vermietet hatte, schimpft am Telefon: „Der will das schnelle Geld, aber das geht nicht.“ Um nichts würde sich „der Tino“ bemühen, „und seine Mutter hat nur Stress mit dem“. Emilie K. klagt, er habe ihr das Handy geklaut und die Nummern gelöscht. „Er bedient sich überall. Das sehe ich nicht ein. Ich habe ihm so oft geholfen. Aber der ist frech wie Dreck.“

Im Streit habe Tino seiner Mutter vorgeworfen, „dass sie dem Alkohol verfallen ist“ und sei ausgeflippt. „Sogar gestoßen hat er sie.“ Am 28. Juli, acht Wochen nach der Entlassung, zieht die Tante die Notbremse: „Ich hab den Tino heute Morgen abgemeldet und alle Türschlösser austauschen lassen.“ Wo Tino jetzt sei? „Weiß nicht.“ Wovon er lebt? „Von nix Gutes.“

Die letzte Nachricht von Tino kommt schließlich aus dem Justizkrankenhaus Wittlich. Nach 68 Tagen Freiheit wurde er am 4. August verhaftet. Er soll an einer Reihe von Diebstählen aus Autos beteiligt gewesen sein. Tino sagt, er habe „nur danebengestanden“. Ein Polizeihund biss sich in seinen Oberarm, als Tino versuchte zu flüchten. Der Verdächtige wurde schwer verletzt und musste operiert werden. Er wartet auf eine Verlegung in die JVA Schifferstadt und einen Prozess in Koblenz. Und Richter in Rheinland-Pfalz gelten als knallhart. Bewährungshelferin Susanne Lutzius durfte mit ihm telefonieren. „Er ist psychisch und physisch am Ende“, sagt sie, „und wünscht sich, dass ich ihn besuche.“ Die Familie hat den Kontakt abgebrochen. Am 27. Oktober wird Tino 21 Jahre alt.

Ende (vorerst)



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Hedwig Neven DuMontHedwig Neven DuMont

Liebe Leserin, lieber Leser,

Viele Kinder leiden unter Depressionen, Lernbehinderungen und Krankheit. Manche werden als „sozial gestört“ abgestempelt. Sie alle brauchen unsere Hilfe. Hilfe, um aus ihrem dunklen seelischen Loch herauszukommen. Hilfe durch gesunde Freizeitangebote und das Teilhaben an Sport und anderem mehr.

Diese Kinder müssen wir an die Hand nehmen und ihnen eine Chance geben, körperlich und seelisch zu gesunden. Unser Thema bis Oktober 2012 lautet deshalb: „wir helfen – um alle Kinder hier an die Hand zu nehmen.“


Herzlichst
Ihre
H. Neven DuMont
Hedwig Neven DuMont

„wir helfen“


Antragsformular


Selbsttest

Selbsttest ADHS

Testen Sie das ADHS-Risiko Ihres Kindes!

Hat Ihr Kind Probleme, seine Aufmerksamkeit längere Zeit auf Spiele oder Aufgaben zu richten?


Neue ksta.tv-Videos


In eigener Sache


Hintergrund


Mehr Informationen


Fotolines


Links