Von ANDREAS MORBACH, 24.08.08, 09:47h, aktualisiert 24.08.08, 11:11h
Peking - Auch die sechs Damen, die mit Markus Weise vor vier Jahren durch dick und dünn gegangen waren, saßen am Samstagabend auf der Tribüne des olympischen Hockeystadions. Vielmehr: Sie standen und machten tanzend zu Nenas „99 Luftballons“ und „Flieger, grüß' mir die Sonne“ von Extrabreit die neue deutsche Welle. Tina Bachmann, Mandy Haase, Natascha Keller, Marion Rodewald, Anke Kühn und Fanny Rinne - das muntere Sextett, das 2004 in Athen sensationell Olympiasieger geworden war. Gecoacht von dem kahlköpfigen Schachfreund Markus Weise, der da unten zu ihren Füßen gerade wieder olympisches Gold gewonnen hatte. Diesmal mit der Herren-Auswahl des DHB.
Weise ist der erste Trainer in Deutschland, dem dieses Kunststück gelungen ist. Vor dem 1:0 im Finale gegen die Spanier gab es den entsprechenden medialen Trommelwirbel. Doch dann war die historische Tat vollbracht, und der Held stand in einer dunklen Ecke vor der Pekinger Hockeyarena. Um ihn herum qualmten die Motoren der Busse, gleich neben ihm steckten sich die ersten Goldmedaillengewinner genüsslich ihre Zigaretten an. Und Weise erklärte betont lustlos: „Dass ich der Erste bin, der das geschafft hat - mein Gott. Das ist doch langweilig.“
Richtig spannend fand er dagegen das Goldgemisch aus großartigem Teamgeist und unbändigem Siegeswillen, den seine Mannschaft in Peking entwickelt hatte. Eine feine Parallele zu den Damen 2004. „Die Mannschaft hat sich hier zusammen gerissen, und das macht mich zutiefst stolz“, sagte Weise. Denn als Trainer in seinem Element ist der 45-Jährige erst, wenn die Dinge nicht sportgeschichtlich glatt, sondern richtig krumm laufen. Das sind die Momente, in denen - im günstigen Fall - echte Teams geboren werden. Diesen Augenblick gab es bei den Gold-Damen von Athen, die nach dem dritten Gruppenspiel schon vor dem Aus standen. Und als die Verzweiflung am größten war, winkte der Trainer nur kurz ab und überließ seine Spielerinnen vorübergehend ihrem Schicksal. Der kurze Wink entpuppte sich später als die entscheidende Wende, hellwach und als Team zusammen geschweißt rollte die Mannschaft danach bis ganz hinauf aufs Treppchen.
An diese Stunden hat sich Markus Weise in Peking wieder erinnert. Diesmal veranlasste er den Bußgang seines Personals noch gezielter - und bereits nach dem zweiten Gruppenspiel, dem 1:1 gegen die europäischen Hockeyzwerge aus Belgien. Nicht ohne den Spielern vorher ausgewählte Stückchen aus der Belgien-Partie noch einmal kurz vorgeführt zu haben. „Markus“, erzählte der Nürnberger Maximilian Müller nachher, „hat uns besonders grausame Szenen gezeigt.“ Und danach schickte er seine Spieler in Klausur.
Und das reuige Team suchte sich im olympischen Dorf den unwirtlichsten Winkel aus, den es finden konnte. In einer tristen Tiefgarage gingen die strauchelnden Weltmeister in sich - und als die trainerlose Sitzung beendet war, hatten sie auf dem Kunstrasen fortan festen Boden unter den Füßen. Es war der entscheidende psychologische Kniff, den der Trainer im olympischen Turnier anwandte, kleinere folgten nach. Zum Beispiel, als Weise Keeper Maximilian Weinhold, den er vor den Spielen gegen viele Widerstände nominiert hatte, vor dem Siebenmeterschießen gegen die Niederlande im Halbfinale nicht die bevorzugten Ecken der holländischen Schützen nannte, sondern ihm lediglich einen Satz zuraunte: „Mach dich zur Legende.“
Die Legende über die Hockey-Olympiasieger 2008 erzählt aber nicht nur von chinesischen Tiefgaragen und großartig-einfachen Sätzen, sondern auch von der EM 2007 in Manchester. Mit überheblichen Auftritten spielte sich die DHB-Auswahl am Ende nur auf Platz vier, verpasste die direkte Olympia-Qualifikation und musste in diesem Frühjahr eine mühsame Extraschicht im japanischen Kakamigahara einlegen. „Die Mädels haben es vorgemacht. Und die Jungs sind nachgezogen, nachdem sie in Manchester einen Gong bekommen hatten", beschrieb Weise Samstagnacht die Dramaturgie seiner zweiten Goldaufführung.
Nach dem Desaster in England habe es „eine heftige Aussprache“ gegeben, erzählte Mittelfeldspieler Benjamin Wess mit der Medaille um den Hals vom sagenumwobenen Kölner Donnerwetter kurz nach der EM - und den Folgen: „Dadurch haben wir erst gelernt, die Olympischen Spiele richtig zu schätzen.“
Es recht seit Samstagabend, an dem Angreifer Christopher Zeller („Das war eine ganz normale Strafecke: Du haust halt drauf, und die Kugel ist drin“) seinen entscheidenden Treffer locker analysierte und Bruder Philipp zwei Meter neben ihm rasch zwei hübsche olympische Kränze flocht. Einen für den Doppel-Weltmeister-Trainer Bernhard Peters - und einen für Doppel-Olympiasieger Markus Weise. „Bei Bernhard Peters“, erklärte der Verteidiger von Rot-Weiß Köln, „haben die meisten von uns die grundsätzlichen Sachen gelernt. Und Markus Weise hat jetzt eben noch das Sahnehäubchen drauf gesetzt.“
Wenn auch mit manchmal grausamen Stilmitteln.
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