Von Alice Ahlers, 25.08.08, 20:55h
Auf der Wange klafft eine Platzwunde. In der Mitte blutig, an den Rändern grün und blau. Tom Beck, der Neue bei der RTL-Actionserie „Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei“, ist schon verletzt, bevor er sich überhaupt in ein Auto gesetzt hat. Den Schnitt hat ihm eine Frau verpasst. Nur zehn Minuten hat die Maskenbildnerin dafür gebraucht. Der 30-Jährige sieht nicht aus wie einer, der gerne sein Gesicht riskiert. Dafür ist es zu schön. Dennoch lässt er sich bei kleineren Stunts nicht doubeln.
Als neuer Kriminalhauptkommissar Ben Jäger robbte er bereits durch enge Gräben, geriet in eine Schlägerei und sprang durch eine Glasscheibe. „Das ist wie ein Spielplatz für große Jungen“, sagt der aus Nürnberg kommende Akteur. Die größeren Action-Szenen übernimmt heute eine Frau. Anna Kötting schnallt sich die Protektoren an die Beine. Für die Folge „Himmelfahrtskommando“ soll ein Kleinwagen mit 80 Sachen unter ihr Auto rasen, es von unten anheben und über die Leitplanke auf die Gegenfahrbahn schmeißen. So der Plan. Die Crew ist gespannt. Wie wird der Stunt ausgehen? So ganz genau weiß man das nie. Auch nach mehr als 180 Episoden „Cobra 11“ nicht, die donnerstags, um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden.
Risiko-Beruf StuntmanRegisseur Stefan Richter war früher selbst Stuntman. Er weiß, wie sich die 20-Jährige jetzt fühlt. Das Adrenalin, die Konzentration, das Hoffen und Bangen, dass das Timing stimmt, der Unfall auch an der richtigen Stelle passiert. Da wo die Kameras stehen. „Das Risiko ist so groß wie bei einem Profisportler“, sagt der Mann mit den Motorrad-Boots. Da gebe es schließlich auch schon mal Knochenbrüche oder andere Verletzungen.
Er selbst kam in seiner Action-Karriere mit zwei größeren Schnittwunden davon. Seit einigen Jahren sitzt der gelernte Berufstaucher nun hinter der Kamera. Im vergangenen Jahr bekam er stellvertretend für die Kölner Produktionsfirma „Action Concept“ den Stunt-Oscar in Los Angeles. „Jetzt ist meine Verantwortung viel größer“, sagt Richter. „Ich muss dafür sorgen, dass alle gesund nach Hause kommen.“ 65 Menschen sind heute am Set. Darsteller, Techniker, Kfz-Fachleute, Sanitäter und Feuerwehrmänner. Außerdem 35 Komparsen, die den Rahmenverkehr bilden. Sie lehnen an ihren Autos, rauchen und quatschen mitten auf der Autobahn. Das Radio steht auf 91.9. Der Komparsenfunk. Darüber bekommen sie alle Anweisungen. Schon 35 Kilometer sind die Statisten heute gefahren. Dabei ist die Autobahn nur 1,2 Kilometer lang. Wann immer in deutschen Filmen und Serien Autos ineinander krachen, es brennt und raucht - stets passieren die TV-Unfälle auf dem gleichen Autobahnabschnitt in Aldenhoven bei Düren. Er dient ausschließlich als Filmkulisse. Am Computer werden die Bilder später mit digitalen Büschen, Bäumen und Schildern aufgepeppt, je nachdem, wo die Geschichte spielen soll. „Achtung“, knirscht es durch alle Funkgeräte und Radios. Einsteigen, startklar machen. Tom Beck bekommt von alledem nichts mit. Er sitzt ein paar Hundert Meter weiter beim Catering, rührt in seiner gelben Kaffeetasse. Warten, das ist das Schwierigste an seinem Job am Set. „Manchmal sind es zwei oder drei Stunden.“
Humor gehört dazuSeiner Figur will der Schauspieler vor allem Humor verleihen. Die Action-Szenen seien so überzogen. Da könne man nur mit einem Augenzwinkern reagieren. Das Warten vertreibt er sich mit seiner Gitarre. Am liebsten spielt und singt er Songs von Jack Johnson oder Lionel Richie. Es quietscht, kracht, klirrt. Auf der TV-Autobahn bäumt sich ein schwarzer Kleinwagen auf, dreht sich um die eigene Achse, steht kurz senkrecht in der Luft - dann fällt er dumpf zur Seite. Zur falschen. Die Crew blickt gebannt zur Unfallstelle. Erst als Maria Kötting aussteigt und den Helm vom Kopf reißt, klatschen alle. Auch wenn das Auto nicht wie gewünscht auf die Gegenfahrbahn gefallen ist, der Regisseur nickt zufrieden. „Der Wagen hat eine super Pirouette gedreht“, sagt er. Die Szene wird verwendet. Ein paar Sekunden - dann war alles vorbei. Der Zuschauer wird wesentlich länger etwas davon haben. 15 Kameras sind überall installiert. Feuerfest und stoßsicher. Die verschiedenen Einstellungen werden später aneinandergeschnitten. Von oben, von unten, diagonal, schräg recht, links unten und das Ganze in Zeitlupe. Dafür schalten jede Woche rund vier Millionen Zuschauer ein. So viel geschrottetes Blech, Feuer, Verfolgungsjagden und Polizisten, die quicklebendig aus den Flammen hervorspringen, gibt es in der Realität schließlich nicht zu sehen.
Erst jetzt kommt Tom Jäger dran. Er sitzt im Auto neben Hauptkommissar Semir Gerkhan (Erdogan Atalay). Der Wagen schlängelt sich durch den Rahmenverkehr der Komparsen. Die Autobahnpolizei erreicht die Unfallstelle. 20.30 Uhr. Letztes Bild: „Die Helden steigen aus“, heißt es im Drehbuch. Der Tag am Set ist zu Ende. 2,25 Minuten sind im Kasten.
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