Von Georg Imdahl, 02.09.08, 22:18h, aktualisiert 03.09.08, 14:09h
An diesem Tag gönnen sich eine Boutique am Brunnen und der Copyshop, der auch Olivenöl und Kosmetika in der kleinen Theke „World of Beauty“ anbietet, schon einige Zeit vor 18 Uhr den Feierabend. Ein anderer Laden hatte irgendwann mal, wie der verblichene Schriftzug über der Tür bezeugt, „Leckere Eis-Spezialitäten“ im Angebot. Nur wenige Menschen halten sich länger auf zwischen den mächtigen sechskantigen Säulen, die durch die Passage stampfen. Die meisten tauchen rasch in die U-Bahn ab, wenn auch nicht über die ganz in sich ruhenden Rolltreppen. In einem Entwicklungsplan für Köln hat der Architekt Albert Speer neulich den Vorschlag ins Spiel gebracht, die Tiefe dieses Platzes wieder aufzufüllen. Rückbau sozusagen.
Es gibt aber durchaus Leute, die freiwillig im Halbgeschoss verweilen, die Kundschaft des „Bistro Treff“ zum Beispiel, der von Kenianern betrieben wird - und deren neue Nachbarn, das kleine Team der privaten „European Kunsthalle“. Ich bin an diesem Tag auch aus freien Stücken hier, wollte ursprünglich nicht lange bleiben, genieße dann aber heimlich das schummerige Milieu, einfach weil die Architektur so außerordentlich bizarr ist, so grimmig und selbstgenügsam, standhaft gegenüber jeder einladenden Anmutung. Zu wissen, es ist Beton. Architektur, die als Letztes auf den Menschen Rücksicht nimmt: Anbiedern will sie sich der Laufkundschaft jedenfalls nicht. Da lässt diese Baukunst keinen Zweifel aufkommen.
Ich stehe vor dem Schaufenster der „Euro-Kuh“, wie die „European Kunsthalle“ liebevoll von denen genannt wird, die sich unermüdlich für sie einsetzen. Und ich lasse die Dia-Schau der Kölner Künstlerin Michaela Eichwald, einen 17-minütiger Bilderbogen, an mir vorbeiziehen - mit Allerweltseindrücken im Zehnsekundentakt, auch aus Köln, vom Puff unter anderem, dem Adenauer-Denkmal, das in ein Licht getaucht ist, als hätte der Impressionist Medardo Rosso es im 19. Jahrhundert geschaffen. Dann ein Moslem in einem Badezimmer; einmal ein Gemälde, schließlich wird ein Fernseher mit dem Sender Phoenix abfotografiert; dann wiederum die nächtliche Impression einer Tankstelle mit Systemdiagnose und Hähnchengrill. Manche Fotos sind privat aufgenommen, Hochzeit und ähnliches. Besonderen Sinn macht das alles nicht, denke ich mir, als mich kurz - ganz unerwartet - der Blick einer sehr schönen Frau aus dem Bistro-Treff streift und durcheinanderbringt, weil ich mich ja in die Kunst vertiefen und deren Sinn erfassen will. Mein eigener Blick fällt danach, ohne dass ich es gewollt hätte, auf die großen Werbeplakate, mit „Urlaub, wie er sein sollte“ und Lockrufen für einen „easy credit“ - was an diesem Ort noch viel seltsamer und viel surrealer erscheint als die Endlosbildermontage von Michaela Eichwald.
Jetzt - spät genug - dämmert mir, wie gut das Kunstkaleidoskop und das Milieu unterm Ebertplatz eigentlich zusammenpassen, ja zusammengehören, regelrecht eine Einheit bilden. So springt der Blick munter zwischen all den Schaufenstern, die Sphären mischen sich, und die Welt der Schönheit im Copy-Shop erhält darin ihren Sinn ebenso wie die Rückenansicht des Künstlers Merlin Carpenter, der an einer Stelle in den Kunst-Loop hineingerutscht ist. Alles irgendwie abgerockt, ebendeshalb stimmig, vielleicht auch manchmal schön. So könnte jedenfalls eine Interpretation ausfallen.
Als die Direktorin der Kunsthalle auf mich zukommt, beklagt sie sich keineswegs über die Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil. Die Leute, auch aus dem „Bistro-Treff“, interessieren sich für die Kunst, erzählt Astrid Wege, die zuvor einmal Redakteurin der angesehenen Zeitschrift „Texte zur Kunst“ und danach Kuratorin in der Innsbrucker Galerie im Taxis-Palais gewesen ist. Nun leistet sie Basisarbeit im Souterrain. Zunächst für ein Jahr „c / o Ebertplatz“, später hoffentlich auch einmal in einer etwas repräsentativeren Kölner Kunsthalle.
Womöglich aber sollte der Ebertplatz unter Denkmalschutz gestellt werden.
Die Dia-Schau von Michaela Eichwald ist bis 7. September (18-23 Uhr) zu sehen.
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