Von Martin Oehlen, 07.09.08, 19:25h
Er schweife halt gerne ab, sagte der 1978 in Bosnien-Herzegowina geborene Autor, der mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen ist. Allerdings findet er immer wieder zum Kern zurück. Die Fiktion müsse, sagt er, an der Realität kratzen und Spuren ziehen, nicht zuletzt Nationalismus und Gewalt ins Visier nehmen, wovon er ein trauriges Lied singen kann. Ein von Erfahrung gesättigtes Bekenntnis zum politisch engagierten Dichten also, wie man es so entschieden schon lange nicht mehr gehört hat. „Auf jeden Schrecken, sagte Laudator Andreas Platthaus über Stanisic' Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, „folgt eine Burleske, doch in dieser steckt schon wieder der Keim zu neuem Leid.“
Ernst war die Lage auch für Franz Kafka. Doch so schwarz-weiß, wie sie sich bislang dargestellt hat, ist sie nicht mehr. Jedenfalls nicht für den Laudator Denis Scheck, der gestand: Ihn habe Reiner Stach, der den „Sonderpreis für Biografie“ erhielt, die Farben im Leben des Franz Kafka sehen gelehrt. Stach nämlich gelinge es, der Legende vom heiligen Franz zu widersprechen - wobei er zurückgreifen könne auf feine Ohren und feine Nase. Dafür dankte Stach in angenehmer Rede, die von seiner intimen, aber leider nur einseitigen Bekanntschaft mit Kafka handelte. Es sei einerseits komisch, sagte er, andererseits aber auch ein Anlass zur Melancholie, dass er einen Literaturpreis für die Biografie eines Autors erhalte, der selbst nie eine solche Auszeichnung erhalten habe. Stachs Einschätzung: „Kafka hätte das gefallen.“
Die Nähe von Humor und tiefem Ernst offenbarte schließlich auch die Hauptpreisträgerin Jenny Erpenbeck. Zwar rühmte der Literaturkritiker Jörg Drews den „ruhigen Ernst“ der Autorin, die allenfalls einmal mit „trockener Ironie“ auf die Welt reagiere, „die kein vertrauter, kein vertrauenswürdiger Platz“ sei. Auch kam die Autorin in ihrer Dankesrede auf den Tod zu sprechen. Doch pries sie Heimito von Doderer, in dessen Namen dieser Preis von Henner Löffler gestiftet worden ist, gerade auch für seinen Humor, den sie teile. Dann zitierte sie dessen Anmerkungen zur Bratensoße in den Speisewagen der Expresszüge - und muss, dies vortragend, selbst noch einmal lachen.
Pianistin Laia Genc, Trägerin des Kölner Jazzpreises 2007, verlieh der Festveranstaltung ihrerseits einen heiter-melancholischen Kick. Sie spielte und sang zum Finale „The Windmills Of Your Mind“ von Michel Legrand. Darin wird neben vielen anderen Fragen auch jene aufgeworfen, warum der Sommer so schnell zu Ende gegangen sei. Schon wahr. Aber wenn er auf diese Weise endet, mit einer kurzweiligen Feierstunde, ist es durchaus recht. Deshalb kommen wir gerne noch einmal auf Sasa Stanisic zurück. Der bekannte, einen Teil seines Preisgeldes bereits im Museumsshop gelassen zu haben. Für eine Postkarte, auf der in großen Lettern geschrieben steht: „Schön“.
War noch was? Richtig - der witzigste Witz der Welt. Hier die Kurzform! Ruft ein Jäger beim Notdienst an und fragt, was er machen solle, da sein Freund plötzlich tot umgefallen sei. Sagt der Mann vom Notdienst: „Vergewissern Sie sich erst einmal, ob er tatsächlich tot ist.“ Pause. Ein Schuss. Der Jäger greift wieder zum Hörer: „Okay - er ist tot. Was jetzt?“ Das Auflachen im Saale mündete schnell in ein Gemurmel. Das hat man davon, wenn Heiterkeit und Bitterkeit sich treffen.
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