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Behinderten-Akt

Nackt gegen das Anstarren

Erstellt 09.09.08, 19:08h, aktualisiert 09.09.08, 19:55h

Der Regisseur Niko von Glasow spricht im Interview über sein Projekt „NoBody's perfect”. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos, außerdem gibt es einen Kalender und ein Buch mit den Aufnahmen von behinderten Menschen.

Kim Norton NoBody's perfect
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Die Contergan-geschädigte Kim Norton aus Nordirland posiert für Niko von Glasow mit einem Bild ihres Sohnes, der als Soldat in Afghanistan stationiert ist. (Bild: Sandmann)
Kim Norton NoBody's perfect
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Die Contergan-geschädigte Kim Norton aus Nordirland posiert für Niko von Glasow mit einem Bild ihres Sohnes, der als Soldat in Afghanistan stationiert ist. (Bild: Sandmann)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr von Glasow, wie ist die Idee zu diesem Film entstanden?

NIKO VON GLASOW: Vor einigen Jahren sprach ich mit meinem Psychotherapeuten über die Idee, Aktfotos von Behinderten zu machen. Er erwiderte, dann musst du selbst aber auch Modell stehen. Da habe ich die Idee erst einmal zum Teufel gejagt, weil mir der Gedanke daran furchtbare Angst einjagte. Ich habe bislang ja nur Spielfilme gemacht. Und bei denen stellt man sich am Anfang die Frage, was die größte Angst der Hauptfigur ist, weil jeder Held sich ihr stellen muss. Für mich ist es am stärksten angstbesetzt, meine Schultern und Arme nackt zu zeigen. An einem öffentlichen Badestrand fühle ich mich unablässig angestarrt, es kostet mich eine ungeheure Kraft, eine Abwehr gegen dieses unablässige Belauertwerden aufzubauen.

Sie leben in Köln und London. Die Briten im Film gehen das Problem der Behinderung ja viel offensiver an.

VON GLASOW: Es gibt da tatsächlich große Mentalitätsunterschiede. In England leben nur etwa 300 Contergan-Geschädigte, da fällt es leichter, sich zusammenzutun. Die Entschädigungssummen, die sie mit Hilfe eines Hungerstreiks erstritten haben, sind etwa drei- bis viermal so hoch wie hier. Und die Zahlungen sind von der Steuer befreit. Die Engländer haben einfach auch eine andere Art, mit Andersartigkeit umzugehen. Der Exzentriker ist ja geradezu eine englische Erfindung - und Contergan-Geschädigte sind fast alle Exzentriker. Zu den alljährlichen Treffen kommen in England auch viel mehr Betroffene mit ihren Familienangehörigen. In Deutschland scheint hingegen die Einsamkeit unter uns viel größer.

Wie haben Sie die „Komplizen“ für Ihr Projekt gefunden? Sie zeigen ja ein sehr breites Spektrum von Lebensentwürfen und Berufen. Nach welchen Kriterien haben Sie eine Auswahl getroffen?

VON GLASOW: Dieses Spektrum hat sich zufällig ergeben. Ich habe keine Auswahl getroffen, ich wollte keine Talentshow mit lauter Erfolgreichen, Berühmtheiten oder Verlierern. Ich habe einfach an einem Mittwochmorgen einen Klassenkameraden aus meiner Behinderten-Grundschule angerufen, der mir weitere Telefonnummern gab. Mittags hatte ich alle zusammen. Der Einzige, der mir absagte, war der Sänger Thomas Quasthoff. Ich glaube, ich verstehe, weshalb. Vermutlich hat er, genau wie ich, sein Behindertsein bislang immer strikt von seinem Beruf getrennt.

Dennoch sind die Berufe faszinierend, es sind auffallend viele manuelle, kreative Tätigkeiten: ein Gärtner, eine Tanzlehrerin, eine Dressurreiterin.

VON GLASOW: Wenn man einen Mangel hat, kann man ihn entweder in Depression umwandeln oder in Kreativität. Wenn wir einen Beruf ausüben, müssen wir besser sein als andere, sonst überleben wir es nicht. Die meisten von uns sind übrigens arbeitslos, der Astrophysiker, der Anwalt und die Sozialarbeiterin, die Sie im Film sehen. Und wenn ich nicht selbst Produzent wäre, würde ich auch keine Filme als Regisseur machen können. Kreativität ist aber auch wichtig, weil sie die Seele zusammenhält. Wir sind alle auch seelisch betroffen: Es ist nicht gerade unanstrengend, behindert zu sein, besonders auf so eine auffallende Weise.

Haben Sie die Ausstellung mit Fotos Behinderter gesehen, die vor einigen Jahren im Hygienemuseum in Dresden gezeigt wurde? Einige von Ihnen waren sehr erotisch.

VON GLASOW: Nein. Das waren ganz sicher Fotos, die von Nicht-Behinderten gemacht wurden. Das Wichtige und Erstmalige an dem Film ist ja, dass ein Behinderter Fotos und einen Film über andere Behinderte dreht. Es sollte kein Bericht von außen werden, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, sondern einen inneren Prozess schildern.

Was steht für Sie am Ende dieses Prozesses?

VON GLASOW: Ich habe weniger Angst vor anderen Conterganmenschen, die ich früher immer gemieden habe, weil sie zu sehr ein Spiegel meines eigenen Schicksals sind. Meine Behinderung ist mir selbst bewusster geworden. Das ist andererseits auch anstrengend. Denn die Seele verdrängt manche Dinge ja nicht umsonst. Ich glaube aber, dass ich ein fröhlicherer Mensch geworden bin.

Das Gespräch führte Gerhard Midding



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