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Theater

Vortrag mit Rasenmäher

Von Christian Bos, 14.09.08, 21:19h

Das Kölner Schauspiel eröffnet die Saison mit einem forschen Theatermaratohn. Die neue Spielzeit befasst sich mit dem Thema „Deutschland.“ Zu Beginn sang der Führer über Flugzeuge im Bauch.

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Sind Unternehmen die neue Heimat? Eine Performance von Armin Chodzinski und Otmar Wagner vor dem Schauspielhaus BILD: RAKO
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Sind Unternehmen die neue Heimat? Eine Performance von Armin Chodzinski und Otmar Wagner vor dem Schauspielhaus BILD: RAKO

Der Führer singt. Von Flugzeugen in seinem Bauch. Er fühlt sich leer und verbraucht. Im Parkett schreit ein Baby. Aber es braucht keine Angst zu haben. Adolf Hitler ist nur 40 Zentimeter groß und die wunderbare Puppen-Spieler- und Sprecherin Suse Wächter hat ihn fest im Griff. „DU = D.E.U.T.S.C.H.L.A.N.D.“ hat die junge Spielleiterin Claudia Plöchinger ihren Theatermarathon zur Eröffnung der Spielzeit im Kölner Schauspielhaus getauft. Wer Deutschland sagt, muss nun mal auch Hitler sagen.

Um Deutschland und unsere, Ihre, deine Beziehung dazu soll es auch in den nächsten Monaten an dem Kölner Schauspiel gehen. Ein weites Feld, das vieles, vielleicht allzu vieles, fassen kann. Aber Intendantin Karin Beier hat bereits in ihrer ersten Spielzeit eindrucksvoll bewiesen, dass man sich an großen Themen nicht überheben muss, sondern Relevanz schaffen kann. Seit einem Jahr redet man in Köln wieder über das, was man im Stadttheater gesehen hat.

Entsprechend groß ist die Erwartung vor der zweiten Runde. Natürlich kann ein eher locker gemeinter Spaziergang durchs zum Abriss verdammte Schauspielhaus dem übermächtigen Thema nicht gerecht werden. Wozu auch? Jürgen Kuttner eröffnet den langen Abend mit einem launigen Vortrag zur Geschichte der Bundesrepublik in Schlagern. An der Berliner Volksbühne kann sich Kuttner für seine philosophisch irrlichternden Reden ein paar Stunden Zeit lassen.

Jürgen Kuttner philosophier im Stakkato

In Köln muss eine gute halbe Stunde reichen, und Kuttner schaltet auf Dieter-Thomas Heck'sches Redetempo, was dem Gegenstand des Vortrags ja nur angemessen ist. Nicht jeder Beitrag fügt sich so trefflich ins deutsch gemeinte Patchwork. Manche, wie etwa Antje Pfundtners Tanzsolo für zwei Beine und drei Arme, sind wunderbar originell, haben jedoch nicht das Geringste mit dem überschriebenen Thema zu schaffen. Andere, wie die getanzte und gesprochene Arbeit des multiethnischen Theaterprojekts Hajusom zum Migrationsstandort Deutschland, passen umso besser, unterschreiten aber das erwünschte Niveau meilenweit.

Und wieder andere, wie Armin Chodzinskis und Otmar Wagners zusammengelegte Performance-Projekte auf dem Vorplatz des Schauspielhauses, sprengen den Rahmen des Bühnenreigens. Chodzinski macht sich Gedanken über globale Unternehmen als neue Nationalstaaten. Das tut er mittels volkswirtschaftlicher Vorträge und Wiederholungen bizarrer Momente der Wirtschaftsgeschichte, wie etwa dem Veitstanz des Microsoft-Chefs Steve Ballmer, den man auf „Youtube“ nicht ganz zu Unrecht unter dem Titel „Dance Monkeyboy“ findet.

Wagner widmet sich auf der anderen Seite mit Hilfe von Merkel-Samples und einer Motorsäge dem Begriff „Heimat“. Besonders erhellend gelingt ihm das mit einem Stegreifvortrag zu einem satt brummenden Rasenmäher. Dessen Geräusch, so Wagner, soll uns Entwurzelte an die Landarbeit auf der eigenen Scholle erinnern. Bei genauerem Hinsehen erweist sich die Maschine jedoch als Vertikutierer, also als Gerät zur Entmoosung des Gartens - für das eingrenzbare, heimatverbundene Gras, wider das wandernde, sich stets aufs neue verflechtende Moos.

Wie gesagt, Chodzinski und Wagner überschreiten mit ihrem in direkter Erbfolge des Brecht'schen Lehrstücks stehenden Theaterformen das Maß des bunten Abends. Und das ist gut so. Bedient wird schon genug. Bei Suse Wächter im Magazin hinter der Schlosserei konnte man sich von ihren Puppen dargebrachte Karaoke-Versionen bekannter Gassenhauer wünschen. Mahatma Gandhi singt „Fight For Your Right To Party“ von den Beastie Boys, Elfriede Jelinek wienert sich durch den „TV Glotzer“ der Nina Hagen Band, und die Mickey Mouse piepst Radioheads „Creep“, kurz: Der Unterhaltungswert könnte nicht größer sein und nach den angesetzten 20 Minuten möchte niemand so recht weitergehen.

Bizarre Momente deutscher Wirtschaftsgeschichte

„Wünsch dir was“ ist auch das Motto der „Living Music Box“, einem Seitenprojekt der Band Station 17. Die setzt sich bekanntermaßen aus behinderten und nicht behinderten Musikern zusammen. Carsten Schnathorst und Torsten Graf sind beide blind. Aber vor allem sind sie begnadete Entertainer, spielen gelebten Schlagerwahnsinn vom durch die Innenstadt cruisenden Lastkraftwagen und später, im Foyer des Schauspielhauses, auch auf Zuruf.

Da geht es schon auf ein Uhr zu, der offizielle Teil des Eröffnungsabends schloss mit einem per Video zugespielten „Lied für Alle“ des hanseatischen Punk-Dadaisten Jacques Palminger. Da durfte, sollte, musste sich jeder miteingeschlossenen fühlen. Die Frage, wie Sie, du oder ich mich zu Deutschland verhalte, können wir im Laufe der Saison ja noch in aller Ruhe klären.



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