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Portrait

„Ich hab HIV, willst du auch?“

Von Marcel Weyrich, 25.09.08, 10:35h, aktualisiert 25.09.08, 12:21h

Vor neun Jahren erhielt Benjamin die schlimmste aller Diagnosen: HIV positiv, der Virus sitzt in seinem Körper. Und kommt nie wieder raus. Dabei war es nicht mal seine eigene Schuld. Der damals 22-jährige wurde vergewaltigt.

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Damit sich die Infektion nicht ausbreitet, schluckt Benjamin täglich Tabletten. (Bild: ddp)
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Damit sich die Infektion nicht ausbreitet, schluckt Benjamin täglich Tabletten. (Bild: ddp)
Er spricht gelöst, mit ruhiger Stimme. Seine Worte wirken. Benjamin (Name von der Redaktion geändert) (31) wurde im Alter von 22 Jahren vergewaltigt und mit HIV angesteckt.

„Nachdem ich das Ergebnis bekommen hatte, fühlte ich mich jedes Mal beim Zubettgehen und beim Aufwachen, als ob mir jemand ins Gesicht schreit: »Du bist positiv! Aussätziger«.“ Die Infektion sei täglich präsent. „Man schluckt jeden Morgen und Abend Tabletten, damit sich die Infektion nicht ausbreitet.“ Auch wenn er seinen Tagesablauf nicht exakt nach den Einnahmezeiten ausrichtet, wie andere es tun, die Immunschwächekrankheit belastet Benjamins Körper. Die Medikamente verstärken sein Asthma, oft hat er Probleme mit dem Gleichgewicht, Schüttelfrost, Ruhelosigkeit, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsschwierigkeiten.

„Thomas Mann kann ich nicht mehr lesen, am Ende der Seite habe ich alles vergessen. Es gibt schon ein Vor- und Nachher“, sagt Benjamin nicht resignierend, wie man es erwarten könnte. Es klingt mehr wie eine objektive Feststellung. „Man haushaltet eben anders.“

Nach der Diagnose stürzte er sich in Arbeit, schob das Thema beiseite. Für ihn war klar, dass er „erst mal selber damit klarkommen muss“. Deswegen wartete er fast ein Jahr, bis er seine Familie informierte. Sein Vater, der im Ausland lebt, weiß es bis heute nicht. Benjamin zog sich zunächst aus dem privaten Kreis zurück. Ein Schock für ihn war das „Positive Treffen“, das wenige Monate nach seiner Diagnose in seiner Heimatstadt stattfand. „Das Treffen war eine Katastrophe. Es liefen Präsentationen über Freddy Mercury à la »Tote haben sich engagiert«. In dem Moment kippte mir nach hinten alles weg.“

Neun Jahre sind inzwischen vergangen. Mittlerweile kann Benjamin über sein Leben mit Infektion reden. „Man muss lernen, mit Dingen umzugehen, die einen komplett überrollen. Bei mir sind Emotionen oft hochgekocht, wenn jemand eine blöde Frage ungelenk stellte.“ Wo Benjamin sonst eine objektive Distanz zu seinen Erzählungen hält, schwingt in diesem Moment etwas anderes mit. Es sind Wut, Unverständnis, Hilflosigkeit. Viele seiner infizierten Bekannten hätten alle früheren Kontakte einfach abgebrochen und seien spurlos verschwunden. „Ich kann das nachvollziehen, diesen Bruch mit dem Alten. Aber ich habe das nie gemacht.“

Wenn der junge Mann einen Punkt macht, macht er einen. Seine Sätze sind überlegt, zurechtgelegt. Er hat alle Fragen schon etliche Male beantwortet. Was ihm hilft, ist Sarkasmus. „HIV-Infizierte unter sich entwickeln einen bösen schwarzen Humor.“ Zum Beispiel beim Thema Outing. HIV ist keine Krankheit, von der man erzählt, wie von Krebs. HIV ist ansteckend. „Was soll ich einem Nicht-Infizierten schon sagen: »Ach du, ich hab HIV, ist ganz lustig, willst du auch?«?“

Die Frage des Outings hängt auch im privaten Leben sekündlich über ihm, wie ein Damoklesschwert. „Wem erzähle ich es besser, wem nicht. Wie reagiert die Person? Kann sie es verkraften“, sind Fragen, die Benjamin jedes Mal quälen. „Bei einem One-Night-Stand ziehe ich einfach ein Gummi drüber, und gut ist's.“ Viele HIV-Infizierte, die unter der Nachweisgrenze liegen, lassen hier sogar das Kondom weg.

Und Beziehungen? Am schwierigsten sei die Angst von Nicht-Infizierten, den Partner vor sich sterben zu sehen. Die wenigsten HIV-Negativen können damit umgehen. „Da ist das mit Positiven praktischer. Man muss sich nicht rechtfertigen.“ Er gehe jetzt nur noch Beziehungen mit positiv Getesteten ein. Denn auch er als HIV-Positiver wäre bei einer Beziehung mit einem Nicht-Infizierten „nicht ganz frei im Kopf“. Er hätte ständig die Sorge, er könne seinen Partner anstecken.

Für Betroffene ist es oft nicht leicht, mit dem Outing eines Bekannten umzugehen. Betroffenheit ist nach Benjamin eine falsche Reaktion. Vielmehr sollte der mit dem Outing Konfrontierte fragen, ob der Infizierte jemanden zum Reden hat. Wenn ja, soll er sich an ihn wenden. Wenn nicht, ist eine wichtige Botschaft für frisch Infizierte, zuzusehen, das Leben auf die Reihe zu bekommen. Denn infiziert zu sein bedeutet nicht gleich „krank“, erst mal ist man lediglich Träger.

Nach vielen Jahren der Auseinandersetzung zieht Benjamin auch etwas Positives aus seiner Infektion. „Man geht netter mit sich um, belohnt sich mehr und gewinnt einen Blick für die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.“ Das bedeute unter anderem, den „Druck der Eltern“ wegzunehmen, der nur „die Kerze schneller abbrennen lässt“: Du musst was werden, Karriere machen, weiterkommen. Benjamin lehnt sich zurück, lächelt fast. „Das Muss fällt weg. Alles, was man muss, ist sterben. Alles andere kann ich mir aussuchen.“



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