kalaydo logo
stellen
auto
immobilien
marktplatz
inserieren
Schriftgröße

Konzert

Die Rückkehr des Egonauten

Von Christian Bos, 23.09.08, 21:34h

Mal sülzig, mal aufregend war Stevie Wonders Auftritt in der Kölner Lanxess-Arena. Vom Genie zum Gute-Laune-Onkel - ein mit dem Künstler gealtertes Publikum konnte all diese Facetten erleben.

Stevie Wonder
Bild vergrößern
Stevie Wonder in Köln, assistiert von seiner Tochter Aisha Morris. (Bild: Grönert)
Stevie Wonder
Bild verkleinern
Stevie Wonder in Köln, assistiert von seiner Tochter Aisha Morris. (Bild: Grönert)
Einer der schönsten, grobpixelig flackernden Raubkopier-Clips, die man auf dem Online-Portal „Youtube“ finden kann, zeigt Stevie Wonder Anfang der 70er Jahre bei einem Gastauftritt in der Sesamstraße. „One, two, three“, zählt ein afrobekrauster Wonder durch einen stimmverfremdenen Vocoder, „Sesame Street“. Schon gellen die funky Hörner. So sexy und futuristisch kam damals das Kinderfernsehen daher.

Als Stevie Wonder in der Kölner Lanxess-Arena noch einmal in den Vocoder flüstert, hüpft das Herz des bekennenden Retrofuturisten dementsprechend hoch. Und was singt der blinde Funkmeister mit seiner knisternden Roboterstimme? „Muss i denn, muss i denn, zum Städele hinaus“. Gefolgt von „O Tannenbaum“. Den sesamstraßenkompatiblen Humor hat er also auch im 58. Lebensjahr noch nicht verloren. Doch - Stevie Wonder ist immer noch keine 60 Jahre alt. Für älter geschätzt zu werden, das ist wohl das Schicksal von jemanden, der seinen ersten Nummer-eins-Hit mit 13 Jahren feiern konnte - und das, was man später seine klassische Periode nennen wird, schon im Alter von 26 hinter sich hatte.

Später wird es ernst in Köln, wenn Wonder zu den ausklingenden Takten seines Schlüsselsongs „Visions“ erzählt, was ihn dazu bewogen hat, nach jahrzehntelanger Bühnen-Abstinenz endlich wieder auf Tour zu gehen. Es war, so Wonder, der Tod der geliebten Mutter vor zwei Jahren. Und das Verlangen, all denen zu danken, die seine Tonträger erworben und der Mutter ein Leben weit abseits der Armut ermöglicht haben. Ha, denkt da der Zyniker angesichts der undankbaren Ticketpreise. Was wird mein Geld Wonders Mutter jetzt noch nützen? Aber dieser Zynismus funktioniert nur auf dem Papier. Man nimmt Wonder jede Predigt ab, wenn sie von der Bühne kommt, jeden Appell an die universelle Liebe, die Macht der „positivity“ und für Barack Obama.

Liest sich nicht auch Wonders Leben wie die Biografie eines Propheten? Blind geboren, wurde Stevland Hardaway Judkins mit elf Jahren von Motown-Boss Berry Gordy entdeckt und als Wonder-Kind der Welt präsentiert. An seinem 21. Geburtstag verlässt Wonder schließlich die autoritär geführte Hitfabrik und beginnt mit seiner Reise ins Ich. Das Aufnahmestudio mit seinem immer fantastischeren technischen Möglichkeiten ist der Wal, der ihn verschluckt. Mit Hilfe der Synthesizer-Pioniere Malcolm Cecil und Robert Margouleff generiert Wonder bislang ungehörte Klänge. Zukunftsmusik, Kopfmusik auch.

Aber während sich weiße psychedelische Musik zu oft in ätherischen Höhen verflüchtigt, verfügt Wonders „Music of my mind“ - so der Titel seines ersten Nach-Motown-Albums - über Herz, Seele und Hintern. Mit fünf Studioalben von Anfang bis Mitte der 70er Jahre definiert Wonder die Möglichkeiten populärer Musik neu, nicht weniger einflussreich als sein großes Vorbild Ray Charles. Doch mit dem vor Ideen, Grooves und Melodien schier überquellenden Doppelalbum „Songs In The Key Of Life“ hat sich Wonder 1976 künstlerisch ausgepowert, die Reise ins eigene Ich ist beendet, der Egonaut kehrt zurück an die Oberfläche.

Auch hier hat Wonder noch viel zu geben. „Hotter Than July“ etwa, eine Platte, die ein Hit-Album sein wollte und wurde. Den ersten Teil des Konzerts bestreiten Wonder und seine 14-köpfige, hochvirtuose Band fast ausschließlich mit Songs von „July“. „A Wonder's Sommer Night“ hat der Multiinstrumentalist seine erste Tour seit über zehn Jahren übertitelt. Sommernächte, Spaß, Greatest Hits. Wonder spielt die Mundharmonika, das große Piano, Keyboard und die „Hohner Clavinet“, deren Sound er mit „Superstition“ berühmt gemacht hat. Dazu beatboxt, summt und singt Wonder und zeigt nur allzu gerne, wie gut er sein erstes Instrument noch beherrscht. Wie er einen Vokal über viele Noten hinaus dehnen kann, wie er verborgene Melodien in dafür scheinbar ungeeigneten Konsonanten findet.

Sein Körper hat es sich bequem gemacht, Wonder verbirgt die Extrapfunde unter einem weiten schwarzen Hemd. An seiner Wendigkeit an den Tasten hat sich jedoch nichts geändert. Seine größte Gabe bleibt wohl, mit Synthesizern Wärme, mit jazzaffinen Tonarten und extravaganten Akkordfolgen unwiderstehliche Ohrwürmer zu erzeugen. „Master Blaster“, „Sir Duke“ oder „Living For The City“, alle in Köln gespielt, mag man durchaus als mitsingbare Avantgarde-Musik bezeichnen.

Leider versiegt Wonders formaler Einfallsreichtum in den 80ern. Weder das sülzige „I Just Called To Say I Love You“, noch das seelenlose „Part-Time Lover“ bleibt dem Kölner Publikum erspart. Wer das - in diesem Fall - Pech hatte, in den 80ern musiksozialisiert zu werden, der lernte das einstige Genie als Gute-Laune-Onkel aus dem Frühstücksradio kennen. Die deutsche Sesamstraße wurde von Samson, Tiffy und Lieselotte Pulver heimgesucht, und Stevie Wonder verdiente mit seinen simplen Burn-out-Singles sehr viel mehr Geld als mit seinen Meisterwerken aus dem vorhergehenden Jahrzehnt.

In der Lanxess-Arena begegnete man folglich nur wenig jungen Menschen, und überhaupt kamen nur 7500. Jammerschade, denn den aufregenden, waghalsigen Musiker Stevie Wonder konnte man dort durchaus erleben. Als abschließendes Stück sang er das triumphale und doch elegante „As“. Wunschlos glücklich hinterließ Wonder allerdings nicht. Trotz des Vocoder-Einsatzes.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Hintergrund


ksta.tv-Filmkritiken


Anzeige


Aktion


WAS.WANN.WO.


Web-Konzerte


Bildergalerien


Kolumne


Stadtmenschen Community


Extra


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Studio DuMont


Mehr Kultur


Links


Dienste