Von Martin Boldt, 05.10.08, 15:51h, aktualisiert 05.10.08, 15:53h
Von IP-TV, was so viel wie „Internet Protokoll Fernsehen“ heißt, spricht man, wenn das Endgerät ein handelsüblicher Fernsehapparat ist. Es ermöglich die Übertragung von Filmen oder Rundfunkprogrammen über ein digitales Fernsehnetz mit gleich bleibend hoher Qualität. Dies an sich wäre noch nichts weltbewegendes, doch im Gegensatz zum klassischen Fernsehen, bei dem der Zuschauer nur rezipiert, besitzt IPTV einen Rückkanal, der dem Zuschauer eine Vielzahl von Zusatzfunktionen ermöglicht: So ist es zum Beispiel denkbar, ein Zuschauerprofil zu erstellen, das die jeweiligen Vorlieben des Nutzers erkennt, und daraufhin selbstständig Vorschläge aus dem laufenden Programm generiert. Auch dem Publikumsjoker bei Quizshows könnte diese Technik eine neue Reichweite geben.
Video-on-demand Prinzip
Die komfortabelsten Neuerungen sind aber zweifelsohne die Option des zeitversetzten Sendeanfanges und das Video-on-demand Prinzip, das das Abspielen eines gewünschten Sendebeitrages zu jeder beliebigen Zeit ermöglicht. Um IPTV empfangen zu können, bedarf es jedoch einer zusätzlichen Set-Top-Box, die mit dem DSL-Kabel und dem TV-Gerät verbunden werden muss. Um die deutschen Kunden buhlen derzeit die Anbieter Arcor, Alice und die Telekom.
Anders verhält es sich beim Web-TV, bei dem die audiovisuellen Inhalte via Internet verbreitet werden und das Endgerät der Heim-PC ist. Hier kann der Zuschauer zwischen Internetseiten mit benutzergeneriertem Inhalten (z.B.: Youtube oder Clipfish) und Plattformen mit eigenproduzierten Beiträgen (z.B.: ZDF-Mediathek) wählen.
Einen Meilensteilen für den Einsatz dieser Technik setzte die Fußball-WM 2006, während der erstmalig im großen Stil so genannte Live-Streams angeboten wurden: Bis zum Endspiel registrierten die FIFA-Server mehr als 180 Millionen Abrufe auf die übertragenen Live-Bilder. Mitverantwortlich für diesen Erfolg ist der, zuletzt rapide Anstieg bei der Nutzung von DSL-Internet-Anschlüssen. Wie der Branchenverband Bitkom mitteilte, werden bis zum Jahresende erstmals mehr als 23 Millionen Haushalten die Breitbandtechnik nutzen. Dass entspricht dann einer Abdeckung von 58 Prozent.
Nutzer produzieren selbst
Seit dem das Internet zum Mitmachmedium geworden ist, steigt auch das Interesse der Nutzer, eigene Inhalte zu produzieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die nötige Medienkompetenz lässt sich schnell aneignen, weiß Markus Wessel vom WDR. Als Dozent am Kölner Filmhaus erklärt er Neugierigen den richtigen Umgang mit Videos und „Fernsehbeiträgen“ im Internet: „Heute muss man kein Profi mehr sein, um etwas Gutes zu schaffen. Jeder kann zum Moderator oder Regisseur werden", erklärt der Online-Redakteur. Die ersten guten Beispiele finden sich bereits auf Internetseiten wie zaplive.tv. Die Plattform funktioniert mit ihrem Live-Streaming-Server wie eine Art Funkturm für Jedermann. Für die erste eigene Sendung bedarf es nur weniger Minuten und ein paar unkomplizierter Maus-Klicks. Nach der kostenlosen Registrierung auf der Seite wird der Camcorder oder die Webcam an den eigenen Internet-Rechner angeschlossen. Die Seite erkennt dann das Aufnahmegerät automatisch und startet die Live-Übertragung.
Damit das Ganze ansehnlich bleibt, müssen jedoch ein paar Faustregeln zu beachten: „Man sollte, wenn möglich, ein Stativ benutzen. Wackelbilder können doppelt so große Datenmengen verursachen“, erklärt Wessel. Dass ist vor allem wichtig, wenn man die Videos auf einer eigenen Homepage veröffentlicht, bei der die maximale Datenmenge vom Anbieter festgelegt ist und Überschreitungen zusätzliche Kosten verursachen. „Ebenso wichtig ist auch eine ausreichende Beleuchtung um das Bildrauschen zu unterbinden. Bei der Postproduktion sollten zudem harte Schnitte bevorzugt und auf aufwendige Blenden verzichtet werden."
Werbeindustrie ist interessiert
Aber nicht nur für Privatnutzer, sondern auch für die Werbeindustrie wird das Internetfernsehen immer interessanter. Still und heimlich hat es sich durchgesetzt, dass den Zuschauer vor dem Start des angeklickten Video- oder Musikclips ein kurzer Werbeblock erwartet. Die im so genannten Pre-Role-Verfahren geschaltete Werbung lässt sich nicht überspringen und muss deshalb brav mitkonsumiert werden. Dies führt teils zu bizarren Nebeneffekten: Hier sei an Sänger Paul Potts erinnert, der in England schon lange ein Star, erst durch die massive Telekom-Werbung im Internet auch bei uns den Sprung an die Spitze der Charts schaffte.
War es dass also mit den alten Sehgewohnheiten? „Die Zukunft des Fernsehens liegt definitiv im Internet. Es nicht nur noch nicht sicher, wann diese Zukunft beginnt“, gibt immerhin Markus Wessel seinen Seminarteilnehmern mit auf dem Weg. Und auch eine ungeschriebene Marktregel besagt: „Womit sich Geld machen lässt, dass setzt sich auch durch“. Die Nachteile dieses Trends sollten allerdings bewusst gehandhabt werden: Die Berge von Inhalten und die Überauswahl an Themen können Einsteiger und ältere Menschen schnell verwirren und schlimmstenfalls zur sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen führen. Neben den aktiven Rezipienten wird es auch immer einen gewissen Prozentsatz an Menschen geben, die sich einfach berieseln lassen wollen. Hinzukommt gut zu guter Letzt das enorm wichtige Problem der Verifizierung der Inhalte. Woher wissen was richtig, wahr oder falsch ist, wenn jeder senden darf, was er will.
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