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Online-Glücksspiel

Pokern - die Sucht der Zukunft?

Von Klaus Schepers, 19.10.08, 21:04h

Es gibt 400 000 süchtige Glücksspieler in Deutschland. Die meisten sind Automatenzocker. Wie viele Onlinespieler pokersüchtig sind, ist bislang noch nicht erfasst. Doch Experten warnen bereits jetzt vor der „Sucht der Zukunft“.

Pokern Sucht online
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Pokern hat ein hohes Suchtpotenzial - vor allem online. (BILD: AFP)
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Pokern hat ein hohes Suchtpotenzial - vor allem online. (BILD: AFP)
Wenn Michael Ritter (Name geändert) heute von der Zeit erzählt, in der er ununterbrochen im Internet gepokert hat, schwingt immer noch eine gewisse Sehnsucht mit. Die Sehnsucht nach dem großen Gewinn, mit dem man sich alle Wünsche erfüllen kann. „Beim Pokern fühlt man sich so stark, wenn man mit einer guten Hand ins Rennen geht“, sagt Ritter. Die Gier auf den großen Gewinn verwandelte sich allerdings bald in Abhängigkeit - wie bei vielen Spielern. 400 000 süchtige Glücksspieler gibt es nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bundesweit, die meisten sind Automatenzocker.

Genaue Zahlen darüber, wie viele Onlinespieler pokersüchtig sind, gibt es noch nicht, doch Experten warnen bereits vor der „Sucht der Zukunft“, kombiniert aus Computer und Glücksspiel. „Eine Gefahr ist, dass Pokern in der Öffentlichkeit vor allem als Kompetenzspiel gesehen wird“, sagt Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband für Glücksspiel sucht. „Aus unserer Sicht ist es aber ein reines Glücksspiel, was natürlich auch eine Abhängigkeit hervorrufen kann.“

Die Gier wird immer größer

Gepokert hat Ritter auch schon, bevor es den Boom im Internet gab - bei staatlichen Casinos in Österreich. „Damals hatte das Ganze für mich aber reinen Spaßcharakter und war eine Art Hobby, für das ich ein wenig Geld ausgegeben habe.“ Als es dann auch im Internet die Möglichkeit zum Spielen gab, versuchte er es. „Zunächst habe ich gute Gewinne erzielen können, doch die Gier ist nach und nach immer größer geworden“, bilanziert er. „Wenn man mehrmals mit den besseren Karten verliert, weil der Gegner Glück hat, dann ist das sehr frustrierend.“ Ritter versuchte nach solchen Niederlagen, mit höheren Einsätzen die Verluste wieder auszugleichen. Ein typisches Verhalten, ein erstes Anzeichen für eine mögliche Sucht.

Die Zahl der Pokerspieler, die sich bisher bei den Suchtberatungsstellen gemeldet haben, ist noch gering. „Das liegt aber vor allem daran, dass Internet-Poker noch relativ neu ist“, sagt Füchtenschnieder. „Bis Menschen mit Suchtproblematik um Hilfe bitten, vergehen in den meisten Fällen mindestens fünf Jahre.“ Die Beratungsstellen setzen sich für eine bessere Prävention ein.

„Pokern um Geld ist ohnehin verboten, sowohl am Live-Tisch wie auch im Internet“, warnt Ilona Füchtenschnieder. „Wir setzen uns aber auch für ein Verbot von Live-Turnieren ein, bei denen um Sachpreise gespielt wird.“ Die Turniere, bei denen die Teilnehmer um Reisen oder Autos spielen, erzielen in den letzten Jahren ebenfalls enorme Zuwachsraten. „Diese Turniere bergen nicht nur wegen des Nervenkitzels vor Ort eine hohe Suchtgefahr, sondern auch, weil viele Anbieter das nutzen, um versteckt Werbung für Online-Poker zu machen.“ Ähnlich wie bei Stefan Raabs Pokernacht, bei der ein großer Sponsor für die Einsätze der Spieler aufkommt. Die Teilnehmer spielen zwar um einen Geldbetrag, was eigentlich verboten ist. Doch da sie dafür kein Geld einsetzen müssen, verstoßen die Sender nicht gegen das Pokerverbot und können ungehindert werben.

Die Außenwelt rückt in die Ferne

Leute wie Michael Ritter locken solche Veranstaltungen allerdings zum Poker ohne zeitliche Grenzen ins World Wide Web. Der Selbständige hat hierbei einen Großteil seines Vermögens verspielt. „In der schlimmsten Zeit saß ich wochenlang jeden Tag von morgens bis in die Nacht vor dem Computer“, berichtet er. Dabei habe er sich überhaupt nicht mehr für die Außenwelt interessiert. „Während ich gespielt habe, hätte meine Frau machen können, was sie will. Es wäre mir vollkommen egal gewesen“, stellt er heute erschüttert fest. Auch Türen und Möbelstücke seien bei Ausrastern nach großen Verlusten zu Bruch gegangen. Insgesamt hat er in kurzer Zeit fast 30 000 Euro verloren. Für viele Menschen mehr als ein komplettes Jahresgehalt, für Ritter nur noch virtuelle Spannungsbringer in den anonymen Weiten des Internet.

Für die Pokeranbieter im Netz rechnet sich das Geschäft mit dem Kartenspiel. Partypoker, der größte Anbieter, konnte seinen Umsatz im Jahr 2007 auf fast 300 Millionen US-Dollar steigern. Die neuen Anbieter weisen Wachstumsraten im hohen zweistelligen Bereich auf. Das Geld nehmen sie ein, indem sie nach jeder gespielten Runde den so genannten Rake abziehen: Der Spieler, der eine Runde gewinnt, muss einen Teil seines Gewinns an den Pokeranbieter zahlen, vergleichbar mit der Bearbeitungsgebühr beim Lotto.

Live-Spiele sind weniger gefährlich

Michael Ritter allerdings bringt den Online-Anbietern keinen Cent mehr ein. Der Selbständige ist vor kurzem in die Verbraucherinsolvenz gegangen. „Ich werde nie mehr im Internet spielen“, beteuert er. Bei Live-Turnieren war er trotzdem in letzter Zeit noch ab und zu, aber nicht, um vergangene Verluste auszugleichen. „Das Live-Spielen gehört für mich einfach dazu. Die Einsätze sind überschaubar und ich erlebe schöne Abende mit Bekannten“, erzählt er. Eine Suchtberatung hat er nie in Anspruch genommen, obwohl er genau weiß, dass er süchtig ist oder zumindest war. „Die Sucht zu gewinnen war irgendwann völlig weg, als ich gemerkt habe, welche Probleme daraus entstehen“, behauptet er. Er habe sich von anfänglichen Gewinnen blenden lassen und gedacht, dass es immer so weitergehe. Heute sieht er das anders: „Glück hat, wer am Anfang verliert.“

Suchtexperten empfehlen notorischen Spielern eine Therapie. Es sei - wie bei anderen Süchten auch - unwahrscheinlich, dass sich jemand aus diesem Teufelskreis ohne fremde Hilfe lösen könne.



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