Von Georg Imdahl, 07.10.08, 20:54h, aktualisiert 08.10.08, 10:33h
Wenn Ende der kommenden Woche in London die beiden Auktionshäuser Sotheby's und Christie's ihre Toplose der Gegenwartskunst aufrufen, steht dem Kunstmarkt der erste ultimative Härtetest der aktuellen Kunst seit dem Ausbruch der Finanzkrise bevor. „Einige Gäste werden sich dann aus dem Betrieb verabschieden“, prophezeit der Sammler Christian Boros auf Anfrage dieser Zeitung. „Das freut mich, denn die Übertreibungen des Marktes werden rausgehen.“
Auf dem Prüfstand
Der Wuppertaler Werbedesigner, der unlängst in Berlin seiner Sammlung in einem Bunker an der Reinhardtstraße ein spektakuläres Domizil verschafft hat, meint mit den „Gästen“ jene Klientel an Sammlern, „die sich vorher eine Rolex gekauft hatten und jetzt ein Kunstwerk - die sind dann wieder draußen“. Er selbst „habe nicht Bilder von Anselm Reyle für 300 000 Pfund gekauft, und wenn sich das jetzt auf 200 000 oder 100 000 reguliert, dann ändert das nichts an der Qualität seiner Kunst“.
Bereits die Londoner Messe
Frieze Art Fair, die am kommenden Mittwoch ihre Pforten öffnet, wird für die Galerien, Künstler und Kunstwerke zum Prüfstein für den Marktwert. Doch treten die Misserfolge hier nicht in so brutaler Deutlichkeit vor Augen wie bei einer Auktion - die Messeveranstalter sehen es nämlich gar nicht gern, wenn ihre Teilnehmer sich allzu offen über mögliche Flauten äußern, weiß die Kölner Galeristin Linn Lühn. Deshalb werde „vieles nicht ausgesprochen“.
Michael Kewenig hofft gar, „dass die Frieze einen Dämpfer erhält“. Der Kölner Galerist bescheinigt der Messe den Dreiklang „Geld, Macht, Gier“. Kunst verkomme bei dieser Messe zu einem „kurzweiligen Spekulations- und Amüsierobjekt“; die Frieze Art Fair stehe für die derzeit „eklatanteste Überhitzung“ des Marktes. Die „hohen Preise“, so Kewenig, würden bei den Auktionen „nicht einbrechen“.
Die zyklische Zehn-Jahres-Rechnung, die der prominente Hamburger Sammler Harald Falckenberg aufmacht, ist nüchtern und durchaus ernüchternd. „In den 60ern hatten wir einen Boom, in den 70ern ein Tief, in den 80ern ein gigantisches Hoch und in den 90ern einen totalen Verfall.“ Nach dem massiven Aufschwung in den zurückliegenden Jahren, so Falckenberg, wäre jetzt wieder ein Abschwung „an der Reihe“. Gewiss würden die „ganz Reichen“ naturgemäß weniger hart getroffen als andere. Dass aber der Kunstmarkt „sich in seiner Breite nicht abkoppeln kann“ vom übrigen Finanzgeschehen, sei bereits seit einem Jahr zu beobachten. Falckenberg: „Besonders kritische Kunst hat es schwerer.“ Und auch „Hochpreisiges“ werde „mit runtergehen“, meint er und widerspricht damit einem Mantra des Marktes: dass die Spitzenwerke mit ihren Spitzenpreisen auch in der verschärften Krise stabil bleiben würden.
Wie reagieren? Gisela Capitain hat die Art Basel in den frühen neunziger Jahren gleich zweimal abgesagt, als der Markt von einem heftigen Einbruch geschüttelt worden war. Die Preise gingen damals rasant in den Keller, hier und da konnte man von heute auf morgen eine Null am Ende streichen. Capitain kam dann über das Spezialsegment „Statements“ mit Einzelpräsentationen wieder in Basel hinein. Doch einen solchen Poker „kann man sich heute nicht mehr erlauben“, ist sie sich bewusst, denn „Basel ist heute noch heißer begehrt als damals“. Lühn hielte die Absage einer Messe für ein falsches Zeichen, „weil man dadurch die Probleme nur bestätigen würde - das wäre verrückt“.
Was die Teilnahme an amerikanischen Messen im Jahr 2009 angeht, will ihr Kollege Thomas Rehbein „erst einmal die Reaktionen in Miami abwarten“, denn die Art Basel Miami Beach sei eine „reine Verkaufsmesse ohne jedes künstlerische Umland“, das die Kunstfreunde in den amerikanischen Süden zu locken imstande wäre. Priska Pasquer räumt ein, dass sich manche ihrer Kunden schon seit einem Dreivierteljahr „zurückhalten“, weshalb sie Käuferschichten verstärkt in Europa, weniger nur in Übersee, erschließen will. Am 18. Oktober zieht sie in neue Räume an der Kölner Albertusstraße um.
Die Situation wird nicht eben einfacher dadurch, dass die möglichen Auswirkungen zur Stunde noch gar nicht spürbar sind. In den USA, berichtet Rehbein, höre er bereits von stockenden Geschäften mit Arbeiten von Künstlern, die er auch vertrete; in Europa aber seien solche Folgen „bis jetzt noch nicht angekommen“. Der Umgang damit sei „eine psychologische Geschichte. Ich darf mich als Galerist jetzt nicht einschüchtern lassen.“ Ein gestandener Galerist wie Christian Nagel mit Räumen in Köln und Berlin, der soeben ein Bild von Michael Krebber nach New York verkauft hat, nennt zwei Extreme; die er heute für denkbar hält: „Kunst als Aktie“ - dann werde der Markt noch besser als bisher. Oder aber, so Nagels Befürchtung, „bald“ könne „alles aus sein“.
„Der Kunstmarkt kann nicht florieren, wenn der Kapitalmarkt am Boden liegt“, konstatiert Thomas Zander, der für die nähere Zukunft einen „Käufermarkt“ vorhersieht. Es kämen Werke auf den Markt zurück, und die Nachfrage werde geringer ausfallen als das Angebot, will heißen: „Die Regale sind voll.“ Keine Bank werde in näherer Zukunft mehr Kunst kaufen, Werbeetats würden heruntergefahren. Seine Pläne einer Dependance in Berlin hat der Galerist „zurückgestellt“. Er werde „den Markt in den nächsten zwei Monaten erst einmal beobachten“ und sich ganz auf Köln konzentrieren. Zander zeigt sich nicht entmutigt, er ist kampfeslustig. „Unsere Chancen liegen jetzt in wirklich guter Arbeit“, sagt er und kündigt für November eine Ausstellung mit hochpreisigen, ausnehmend marktseltenen Arbeiten an.
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