Von Rainer Braun, 16.10.08, 19:04h
Seine Ankündigung, den Sender zu verlassen und künftig vor allem für das Schweizer DRS / SRG zu arbeiten, schlug hohe Wellen. Schließlich stand der langjährige Irak-Korrespondent mit seiner Kritik an den Heimatredaktionen und der Ausrichtung auf Infotainment in der Auslandsberichterstattung des ZDF nicht allein, wie sich herausstellte. Eine ganze Reihe von Kollegen auf Korrespondenten-Plätzen in Paris oder London teilte Tilgners Befund. Denn anders als der „Weltspiegel“ in der ARD fristete das „Auslandsjournal“ des ZDF ein eher stiefmütterliches Dasein.
Inzwischen hat sich die Unruhe in Mainz auf den ersten Blick gelegt. Ulrich Tilgner kehrte dem ZDF bekanntlich definitiv den Rücken, London-Korrespondent Ruprecht Eser hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Auf der anderen Seite sicherte sich der Sender inzwischen mit Antonia Rados die Dienste einer versierten Kriegs-Berichterstatterin, die aus Bagdad so zuverlässig reportiert wie aus Georgiens Hauptstadt Tblissi. Nicht viel geändert hat sich indes am eingeschlagenen Kurs in der Auslandsberichterstattung des ZDF, der vor allem auf Quoten abzielt. Das mag auch erklären, warum kürzlich die Moderatorin des „heute journals“ zur besten Sendezeit aus China berichten durfte und Geburtstage der Queen oder Skandale um Carla Bruni allemal leichter Eingang ins ZDF-Programm erhalten als die dramatischen Popularitätsverluste der britischen Labour-Regierung oder Berichte über den lamentablen Zustand der französischen und italienischen Linken.
Vor diesem Hintergrund verdient eine Publikation besondere Aufmerksamkeit, die sich auf breiter Daten-Basis mit Akteuren der Berichterstattung auseinander setzt. „Deutsche Auslandskorrespondenten“ haben die Herausgeber um Oliver Hahn die Ergebnisse ihres Forschungsprojekts überschrieben, die nun der Konstanzer UVK-Verlag vorgelegt hat. Der Untertitel „Handbuch“ verrät zugleich das ehrgeizige Ziel der Autoren, mit dem gut 500 Seiten starken Band eine Forschungslücke zu füllen, in dem sie Anspruch, Selbstverständnis und die Arbeitsbedingungen von Journalisten beleuchten, die für Tageszeitungen wie Magazine, Hörfunk und Fernsehen aus Asien, Afrika oder Lateinamerika berichten. Eindeutiger Schwerpunkt der Publikation ist dabei - nach einem lesenswerten, theoretischen Aufriss der Problematik - der Blick auf die einzelnen Korrespondentenplätze. Ausgewertet wurden dabei rund 300 Interviews mit deutschen Journalisten und deren Erfahrungsberichte aus Buenos Aires, Brüssel, Washington und Warschau.
Sehr unterschiedliche BedingungenAuch wenn die höchst unterschiedlichen materiellen Bedingungen der Korrespondenten und deren Folgen für die Qualität der Beiträge (leider) nur am Rande zur Sprache kommen, gestaltet sich die Lektüre durchaus aufschlussreich. Das liegt nicht nur an den farbigen wie kritischen Artikeln erfahrener Journalisten von Gerd Ruge und Jörg Armbruster (ARD), über Karin Storch (ZDF) bis zu Ralf Leonhard, der einst für die „Taz“ aus Nicaragua und Mittelamerika berichtete. Deutlich wird dabei, dass insbesondere die TV-Journalisten immer häufiger gezwungen sind, auch komplexe Konflikte in 90 Sekunden zu erläutern. „Bist Du noch so fleißig, sie geben Dir nur eins-dreißig“, kommentiert etwa Storch lakonisch, die für das ZDF das Geschehen in Palästina und Israel begleitet. Nicht von ungefähr konstatierte ihre WDR-Kollegin und „Monitor“-Leiterin Sonia Mikich schon vor Jahren zudem eine „intellektuelle Provinzialisierung, da der direkte Bezug zum Heimatland immer wichtiger beim "Agenda-Settung" für Berichte aus dem Ausland werde.
Es scheint absehbar, welche Richtung die öffentlich-rechtliche Auslandberichterstattung nimmt, wenn die Einschaltquote das Maß aller Dinge bleibt. Schwerer ist die Situation bei den Zeitungskollegen zu prognostizieren. Noch ist nicht ausgemacht, inwieweit die Auflagen- und Erlös-Rückgänge im Print-Bereich perspektivisch auch auf die Auslandsberichterstattung in Qualitätsblättern durchschlagen. Schon bislang werden hierzulande 90 Prozent der Informationen aus dem Ausland durch Nachrichtenagenturen generiert - Agenturen, die von den Verlagen getragen werden. Klar scheint in jedem Fall, dass sich mit der weiteren kommunikationstechnischen Entwicklung und der wachsenden nachrichtenjournalistischen Konkurrenz aus dem Internet auch das Anforderungsprofil an die Korrespondenten ändert. Ihre Arbeitsbelastung dürfte sich weiter steigern. Die Gestaltungs- und Entscheidungsspielräume der Korrespondenten bei der Themen-Auswahl und -Setzung ist allemal kleiner geworden - Redaktionen ordern immer präziser ihre Themen. Für eigene Reisen und „freie“ Themen bleibt immer weniger Raum, Zeit und Geld.
„Deutsche Auslandskorrespondenten. Ein Handbuch“ (Hrsg. Oliver Hahn, Julia Lönnendonker und Roland Schröder. Erschien beim UVK-Verlag, Konstanz, 540 Seiten, 49 Euro
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige