Von Maria Bueche, 28.10.08, 18:57h, aktualisiert 06.11.08, 16:00h
Noch bevor alle Szenarien ausgemalt sind, verfliegt die Furcht. Auf dem Teller liegt ein höchst appetitliches Pastagericht. Seine Elemente irgendwie zugleich kompakt und lose zusammengehalten, ein samtig-leichter Tomatenspiegel drum herum. Die Kartoffeln mit Biss, die Nudeln al dente. Das Herzhafte des Provola, ein geräucherter italienischer Hartkäse, und der Pancetta dezent eingebunden, aber nicht dominant - ein Volltreffer und definitiv ein Kandidat für die vordersten Plätze.
Und der Beweis, dass die schwer zu treffende Auswahl aus fast 300 Rezeptvorschlägen der Leser auch bei diesem ungewöhnlichen Gericht sitzt. „Patate e pasta con la provola - Ein neapolitanisches Rezept von Tiziana Caravante Liebetanz“ stand drüber, „Buon appetito!“ darunter - und dazwischen eben ein Wagnis, das sich gelohnt hat. Tiziana Caravante Liebetanz, die eigentlich nie nach Rezept kocht, wie sie sagt, sicherte sich den zweiten Platz beim Kartoffel-Wettbewerb als Vertreterin der internationalen Inspiration.
Ganz regional, aber auch ganz modern hat Barbara Boettcher bei ihrem Vorschlag gedacht, der bei den fünf Jurymitgliedern sofort Aufmerksamkeit erregte: Kartoffelravioli gefüllt mit gebratener geräucherter Flönz. Nicht weniger als vier Eigelbe machen den Ravioliteig geschmeidig. Die kräftige Räuchernote der Blutwurst dämpft die ambitionierte Hobbyköchin, die regelmäßig für anspruchsvolle Freundinnen kocht, mit etwas Apfel, lässt aber noch so viel Kraft in der Farce, dass aus Hülle und Füllung ein verblüffend elegantes Gericht entsteht, das nichts mehr von der rustikalen Bodenständigkeit seiner Urmutter zeigt. Mit etwas Majoran verfeinert und in Nussbutter geschwenkt einhellig der Favorit der Jury.
Pudding oder Gratin?
Einigkeit herrschte bei den ersten beiden Plätzen, dann gab es Diskussionen um den dritten. Nach Punkten gleichauf mussten das schöne Gratin von Birnen, Kartoffeln und Roquefort von Sabine Werner und der luftige warme Kartoffel-Mandel-Pudding auf cremiger Vanillesauce von Maria Kuhl noch intensiver geprüft werden auf ihre Komposition. Kurz: Gratin schlug Pudding, auch wenn Letzterer besonders mit seiner erstaunlich leichten Teigtextur, die durch die Mandeln einen guten Biss bewahrt, überzeugte. Das Gratin punktete mit einer Aromenverbindung aus fruchtig-süßer Birne, samtigen Kartoffelscheiben und einer sämigen Roquefort-Sauce, die die Hauptelemente prägnant, aber mit dezenter Schärfe verband.
Bis zur Kür der Gewinner vergingen fast vier Stunden. Es wurde gerührt und geraspelt, püriert und passiert - und das alles mit einer selbstbewussten Gelassenheit, die die Jurymitglieder und den assistierenden Profikoch erstaunte. Am großen Küchenblock richteten sich die Finalistinnen ruck, zuck ein. Als allen erklärt war, wie die Herdplatten heiß werden und auch bleiben, lief die Zubereitung fast wie zu Hause. „Das ist schon was anderes hier mit dem vielen Platz“, sagte Barbara Boettcher während sie akkurat den Ausstecher für die Ravioli auf den Teig setzte. „Meine Küche zu Hause ist winzig.“ Um in fremder Umgebung keine bösen Überraschungen zu erleben, brachten einige Teilnehmerinnen auch eigene Ausrüstung mit. Die spätere Siegerin eine „uralte Kartoffelpresse“.
Nicht die gewünschte Konsistenz
Als „Erbstück“ bezeichnete Maria Kuhl ihren nostalgisch anmutenden Pudding-Kochtopf mit Spangendeckel. Trotz guter Ausstattung, trotz geräumiger Küche - kleine Fehler passierten. Ingrid Ahlers hatte nicht die optimale Kartoffelsorte im Gepäck für ihre „Heuberger Kartoffelrolle“. Dadurch kam nicht die gewünschte Konsistenzkombination zwischen der dichten Füllung aus würzigem Hackfleisch und dem Kartoffelmantel zustande. Gudrun Leder, die mit einem anspruchsvollen Kartoffelbrot mit Sonnenblumenkernen ins Rennen ging, war mit ihrer Teigmischung aus selbst gemahlenem Weizenvollkornmehl und Buchweizenschrot selbst nicht zufrieden und etwas enttäuscht, hatte sie doch extra einen Tag zuvor noch geübt mit perfektem Ergebnis. Trotzdem hielt die gute Stimmung bis zum Schluss. „Das Kochen hier hat so viel Spaß gemacht - das war eigentlich die Hauptsache“, sagte Maria Kuhl zum Abschied, in der Tasche den Teilnehmerpreis, ein Exemplar des neuen Restaurantführers „Der Gote“, und die Erkenntnis: Eine Kartoffel ist mehr als nur eine Kartoffel.
Die anderen Final-Rezepte sowie eine Auswahl besonders gelungener Einsendungen werden im Magazin in unregelmäßiger Folge veröffentlicht.
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