Von Christian Hümmeler, 27.10.08, 21:48h
Für diesen Wandel gab es gute Gründe: Die Pisa-Studien bescheinigten Deutschland, dem gefühlten Bildungsweltmeister, dass es gerade noch für einen Platz im Mittelfeld reichte. Die Globalisierung führt dazu, dass Deutschland immer mehr Hochschulabsolventen braucht, um seinen Status als Wissensgesellschaft zu halten.
Der Zwang zur europäischen Harmonisierung schließlich brachte Bachelor und Master anstelle von Diplom und Magister - die Welt ist enger zusammengerückt, da müssen Studiengänge zumindest europaweit vergleichbar sein. Und es spricht überhaupt nichts dagegen, dass das Bildungssystem der Zukunft effizienter sein soll. Die Voraussetzungen für eine Bildung im Humboldt'schen Sinne - Kontemplation, Muße, ein ausreichendes Maß an Zeit - sind allerdings dann nicht mehr zwingend gegeben. Das ist nun nicht direkt Grund zum Jubel. Zwar ist die akademische Freiheit in der Vergangenheit vielen Studenten zur Falle geworden. Der Vergleich von Einschreibungen und Absolventenzahlen zeigt, dass gerade an den Massenuniversitäten die Sinn- und Richtungssuche allzu oft erfolglos blieb. Mancher Student ist daher dankbar für die deutlichen Vorgaben der neuen Studiengänge. Zumal die Welt ja seit Humboldts Zeiten durchaus unübersichtlicher geworden ist und sich der Umfang dessen, was man wissen könnte, unendlich vervielfacht hat. Gerade daher aber muss es auch in den heutigen und zukünftigen Bildungssystemen trotz aller notwendigen Beschleunigung möglich sein, erworbenes Wissen zu hinterfragen, das Gelernte zu erweitern und die Erkenntnisse miteinander zu verknüpfen.
Die am Output orientierte Schule der Gegenwart überlasse die Persönlichkeitsbildung dem Zufall, sagt der Berliner Schulleiter Hinrich Lühmann. Das hören engagierte Lehrer, die trotz aller Widrigkeiten notwendige Freiräume schaffen, nur ungern. Dennoch, es hat eben nicht jeder Schüler solche Lehrer. Zudem die Lehrer (wie auch so manche Professoren) heute viel mehr sein müssen als einst: In der Erziehung sollen sie die Versäumnisse der Eltern aufholen, gleichzeitig ein Maximum an Wissen vermitteln und zielorientiert Berufsnachwuchs produzieren.
All das zu tun und sich dabei eben nicht ganz von Humboldts Idealen zu verabschieden sollte dennoch möglich sein. Bildung hilft immer noch mehr als reines Wissen dabei, sich in einer immer komplexeren Welt zu orientieren.
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