Von Alexandra Müller, 27.10.08, 21:43h
Die Reaktionen waren echt, die Meldungen waren es nicht. Was die Hörer für echte Nachrichten hielten, war tatsächlich ein Hörspiel. Dem genialischen Orson Welles gelang mit der Radioinszenierung von „Krieg der Welten“ ein echter Coup: Die Fiktion war derart realitätsnah, dass sie Reaktionen auslöste, über deren tatsächliches Ausmaß die Historiker allerdings streiten. Welles, dem anschließend als Wunderkind der Sprung nach New York gelang, musste sich anderntags jedenfalls vor der versammelten US-Presse rechtfertigen. Ihm wurde vorgeworfen, für Verletzte, ja sogar für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein.
Welles und Howard Koch, der das Drehbuch verfasst hatte, nutzten den Wirbel jedenfalls für den Sprung nach Hollywood. Koch beschrieb dann 1975 in dem dokumentarischen Spielfilm „The Night That Panicked America“ die Reaktionen der Öffentlichkeit auf das Hörspiel. Nie wieder in seiner Geschichte konnte das Radiogenre seine Möglichkeiten derart fulminant dem Publikum beweisen.
Dabei war die Romanvorlage des Hörspiels, „Krieg der Welten“ von H.G. Wells bereits 1898 erschienen. Wells - bekannt für Science-Fiction-Romane „Die Zeitmaschine“ und „Die ersten Menschen auf dem Mond“ - mobilisierte Ur-Ängste und verband sie geschickt mit damals modernen Theorien und Ressentiments - und die wusste Orson Wells perfekt zu stimulieren. Dabei gelang dem visionären Regisseur gleichsam die Vorwegnahme des Reality-TV - er inszenierte „Krieg der Welten“ als Live-Reportage mit der Authentizität von Nachrichten so wie viele Jahre später etwa der WDR das „Millionenspiel“ von Wolfgang Menge für das Fernsehen. Welles spielte damit wie keiner zuvor mit der Glaubwürdigkeit des Mediums. Später erzählte er: „Wir waren schon sehr gespannt, wie die Leute auf unser Hörspiel reagieren würden, das Ausmaß war allerdings verblüffend.“ - Und er wäre heute - in Zeiten da Politiker und Pädagogen nach mehr Medienkompetenz rufen - sicher immer noch erfolgreich. Dem Regisseur Welles ging es um spannende Unterhaltung und um ein augenzwinkernden Spiel mit der Glaubhaftigkeit des Radios. Die Hörer allerdings konnten sich eher Aliens in New York vorstellen als eine Nachrichtensendung, die lügt, und gerieten in sehr reale Panik.
Das solche Reaktionen immer noch möglich sind, zeigte letztes Jahr im Juni der holländische Fernsehsender BNN. Der Sender löste weltweite Proteste aus, als er in einer einmaligen Aktion drei Nierenpatienten um eine Spenderniere kämpfen ließ. Erst kurz vor dem Ende der Fernsehsendung wurde alles aufgedeckt. Der Sender wollte damals angeblich auf die prekäre Organspendesituation aufmerksam machen.
Orson Welles und BNN haben es geschafft, die Grenzen ihres Genres zu sprengen, aber während BNN bewusst provozieren wollte, zitterten die Hörspielmacher einen Tag nach der Ausstrahlung des Hörspiels um ihre Jobs. „Die Menschen konnten sich zuerst nicht entscheiden, ob wir Helden oder Schurken sein sollten, denn es hatte schon ein paar Verletzte gegeben“, berichtete Hörspielautor Howard Koch. „Doch im Endeffekt entschied sich das Publikum dazu, uns zu verzeihen.“
Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dem Historischen Seminar der Universität zu Köln.
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