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Besuch im Zoo

Eine schrecklich nette Familie

Von Claudia Meyer, 30.10.08, 10:41h, aktualisiert 01.12.08, 19:28h

Bei Orang-Utans geht es zu wie bei den Menschen: Da gibt es den Pascha, vor dem alle kuschen, Mobbing unter den Weibern und Narrenfreiheit für den Nachwuchs. Ein Besuch im Affengehege des Kölner Zoo.

Orang-Utan-Gehege
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Der Chef im Kölner Orang-Utan-Gehege: Männchen Bornie. (Bild: Feller)
Orang-Utan-Gehege
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Der Chef im Kölner Orang-Utan-Gehege: Männchen Bornie. (Bild: Feller)
Riehl - Mike Eberts Stimme nimmt einen leicht tadelnden Unterton an: Traurig? Nein, traurig sei das gar nicht, dass Lotti ihr Gehege nun nicht mehr mit Bornie teilt. Mike Ebert ist Tierpfleger im Kölner Zoo, und er hat mich zu meinem Lieblingstier dort begleitet, der 37 Jahre alten Orang-Utan-Frau Lotti. Sie ist mein Favorit, weil sie die einzige Zoo-Bewohnerin ist, die mich kennt. Seit ich ihr von der langjährigen Zoo-Begleiterin Mary Waldermann vorgestellt wurde, kommt sie ganz dicht zu mir an die Trennscheibe, sobald sie mich vor ihrem Gehege erspäht. Lotti lebt seit März dieses Jahres nicht mehr in ihrer angestammten Gruppe, sondern bildet zusammen mit der 41 Jahre alten Tilda aus dem Krefelder Zoo eine Affen-Alten-WG. Und da wollte ich wissen, ob es denn nicht traurig sei, dass Lotti nun von Orang-Chef Bornie getrennt sei.

Davon könne keine Rede sein, versichert mir Mike Ebert. Ganz im Gegenteil: Nun habe Lotti viel mehr Ruhe mit der ausgeglichenen Tilda und müsse sich nicht mehr nach den Launen des 24 Jahre alten Bornie richten. Dessen Konterfei ziert übrigens Eberts Visitenkarte. Bornie teilt sich seine Anlage nun nur noch mit dem Weibchen Noni und der gemeinsamen Tochter Nala, die im September 2006 geboren wurde. So ein Orang-Männchen sei nämlich ein arger Macho, belehrt mich Ebert. Wenn der schlechte Laune habe, sei das für die Affen in seiner unmittelbaren Nähe kein Zuckerschlecken. Immerhin seien Orang-Utan-Männchen in freier Wildbahn eher Einzelgänger - im Unterschied etwa zu den Gorillas, die in Haremsverbänden leben. Orang-Männchen finden sich nur zur Paarungszeit in den Revieren der weiblichen Tiere ein und gehen nach vollzogenem Deckakt wieder ihrer Wege. Nein, nein, da sei das Zusammenleben mit der alten Tilda für die einstige Chefin der Kölner Orang-Utans schon weitaus entspannter, ja geradezu ein Glücksfall.

Ein Glücksfall, an dem Mike Ebert maßgeblich mitgewirkt hat, und die Freude über den Coup steht ihm ins Gesicht geschrieben. Denn die Idee zur Alten-WG stammt von ihm. Handlungsbedarf im Orang-Utan-Gehege war nämlich dadurch entstanden, dass Lotti, einst das ranghöchste Weibchen der Gruppe, von der jüngeren Noni immer mehr an den Rand gedrängt wurde. Das gestiegene Selbstbewusstsein von Noni erklären ihre Pfleger mit dem Statusgewinn durch die Geburt von Tochter Nala. Zuletzt jedenfalls saß Lotti selbst bei Regen häufig im Außengehege, um den anderen aus dem Weg zu gehen. Da fiel ihrem Pfleger ein, dass im Krefelder Zoo ein altes Weibchen, eben Tilda, saß, das sich mit der vorhandenen Gruppe ähnlich schwer tat wie Lotti.

Mike Ebert nahm mit seinem Krefelder Kollegen Kontakt auf und erfuhr, dass Tilda einen großen Vorteil für Eberts Plan hat: Sie hat nämlich gelernt, in eine Transportkiste zu steigen. Sie musste für die Fahrt nach Köln also nicht narkotisiert werden, was man einem so alten Tier natürlich ersparen will.

Außerdem hatte sie auch sämtliche tierärztliche Checks hinter sich, die vor einem solchen Umzug unerlässlich sind, weil sie erst kürzlich aus einem Schweizer Zoo in den Krefelder Tiergarten gekommen war. Dort sollte sie nach dem Tod ihres langjährigen Partners eigentlich in die vorhandene Orang-Gruppe integriert werden. Doch das Vorhaben schlug fehl. Die jüngeren Tiere wollten von Tilda nichts wissen.

Dafür klappte die Vergesellschaftung von Tilda und Lotti umso besser. Die beiden alten Damen verstehen sich prächtig, umarmen sich viel und schlagen mitunter Purzelbäume wie junge Affen. Dass die Vergesellschaftung der beiden so gut gelungen ist, schiebt Mike Ebert vor allem auf das ausgeglichene Wesen von Tilda, die ihre Kindheit in einem Varieté verbracht hat.

Lotti hat nur bei der ersten Begegnung klar gemacht, dass sie in Köln das Sagen hat, indem sie den Neuzugang an den Haaren gezogen und mit Holzwolle beworfen hat. Vergleichsweise harmlose Attacken, pflegen Orang-Utans doch Auseinandersetzungen für gewöhnlich mit Bissen auszutragen. Bei Lottis inzwischen sehr gelichteten Zahnreihen wären dabei allerdings auch keine größeren Schäden zu erwarten gewesen.

Tildas in Krefeld so hoffnungsvoll gestartete Karriere als Malerin - ihre eher abstrakt gehaltenen Bilder fanden immerhin einen Galeristen und erzielten Preise von bis zu 900 Euro - hat in Köln vorerst ein Ende gefunden. Mike Ebert ist anzusehen, dass er von dem einträglichen Beschäftigungsprogramm seiner Krefelder Kollegen nicht viel hält. Schließlich sollen sich die beiden Affen ja miteinander und nicht mit Pinsel und Farbe beschäftigen, meint er.

Zoodirektor Theo Pagel findet die Idee dagegen ganz verlockend, Tilda und vielleicht auch Lotti wieder einmal malen zu lassen, jetzt wo die teure Sanierung des Tropenhauses ansteht. . .



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