Schriftgröße

Interview

Affen-Weibchen mögen auch Softies

Erstellt 30.10.08, 10:41h, aktualisiert 01.12.08, 19:29h

Clemens Becker
Bild vergrößern
Clemens Becker vom Zoo Karlsruhe ist der Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) für Orang-Utans. Er plädiert dafür, die Alten-WG von Lotti und Tilda aufzulösen und mit den beiden Weibchen weiter zu züchten. (Bild: Worring)
Clemens Becker
Bild verkleinern
Clemens Becker vom Zoo Karlsruhe ist der Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) für Orang-Utans. Er plädiert dafür, die Alten-WG von Lotti und Tilda aufzulösen und mit den beiden Weibchen weiter zu züchten. (Bild: Worring)
KÖLNER STADT-ANZEIGER:Salopp gesagt sind Sie der Mann, der bei den Orang-Utans bestimmt, wer mit wem darf?

CLEMENS BECKER: Man kann sagen, dass ich gewissermaßen ein Ehevermittler bin.

Wie hoch ist denn Ihre Erfolgsquote?

BECKER: Es liegt an vielen Faktoren, auch Sympathie und Antipathie der Tiere selbst. Aber da unsere Geburtszahlen gleich bleibend gut sind - das sind im Schnitt 16 Geburten pro Jahr - denke ich, dass wir unsere Arbeit sehr gut machen.

Wie artgerecht ist denn überhaupt die Haltung in Zoos, wo in aller Regel ein Männchen mit mehreren Weibchen zusammenlebt, während Orang-Männer in freier Wildbahn doch eher Einzelgänger sind.

BECKER: Das ist richtig und wir machen uns Gedanken, wie wir dem Sozialsystem in freier Wildbahn noch gerechter werden können. Das heißt auch eine Änderung in baulicher Hinsicht und in der Zusammensetzung der Gruppen.

Wie könnte das denn praktisch aussehen?

BECKER: Das könnte so aussehen, dass man mehrere Außen- und Innenbereiche schafft, so dass man mehrere Männchen halten kann und die Weibchen sich aussuchen können, mit wem sie sich verpaaren.

Im Krefelder Zoo sitzen zurzeit ja zwei junge Männchen aus Köln, die gegen die alte Tilda getauscht wurden.

BECKER: Ja, das wäre so ein Beispiel für die neue Vorgehensweise, die wir ab sofort propagieren. Wir wissen zum Beispiel, dass sich in der Natur auch die Männchen erfolgreich fortpflanzen, die keinen so ausgeprägten Sexualdimorphismus haben wie die so genannten Backenwülster, die höchst unsozial sind und von den Weibchen nur zur Paarung aufgesucht werden.

Das heißt, es gibt bei den Orangs ausgesprochene Machos, die als äußeres Zeichen dicke Backen haben, und Softies, die femininer aussehen und trotzdem gut ankommen bei den Weibchen?

BECKER: Ja, diese anderen Männchen sind höchst sozial, leben zum Teil mit einer Gruppe von Jungtieren, schließen sich an ein Weibchen an und wandern mit denen herum.

Heißt das, das nicht jedes Männchen im Laufe der Zeit solche Backenwülste entwickelt?

BECKER: Genau. Das ist keine Frage des Alters, dass einer mit 12, 14 oder 16 Jahren solche dicken Backen kriegt. Es scheint eine Strategie zu sein in freier Wildbahn.

Auch Bornie hier im Kölner Zoo wird von seinem Pfleger als arger Macho beschrieben. Ist es denn da klug, Lotti und Tilda wieder mit ihm zu vergesellschaften?

BECKER: Das würde davon abhängen, in Köln auch im Weibchensektor eine Änderung herbeizuführen. Das heißt, die sehr dominante Noni müsste in einen anderen Zoo und würde ersetzt werden durch zwei, drei andere Weibchen. Als Koordinator würde ich es angesichts der nur langsam steigenden Zoo-Population begrüßen, wenn auch die beiden alten Tiere noch mal erfolgreich gedeckt werden könnten und Jungtiere hätten.

Müssen Sie da viel Überzeugungsarbeit leisten? Schließlich freuen sich die Kölner über ihre Alten-WG.

BECKER: Ich glaube nicht, ich muss nur mit den nüchternen Zahlen kommen. Bislang galt ein Orang-Utan schon als extrem alt, wenn er 35 bis 40 Jahre alt ist, aber Analysen zeigen, das wir einige uralte Weibchen haben, die durchaus noch Kinder bekommen und erfolgreich aufziehen. Somit fallen Lotti und Tilda noch in diese Kategorie, und es wäre schön, auch aus genetischen Gründen, wenn wir da noch mal Nachwuchs verbuchen könnten.

Lotti hat ja bislang sieben Jungtiere zur Welt gebracht, aber nicht eines davon selber aufgezogen. Warum ist das für die Zoos so problematisch, wenn die Mütter ihre Jungen nicht annehmen?

BECKER: Das ist deshalb problematisch, weil heute dafür gesorgt werden muss, dass Jungtiere, die vom Pfleger aufgezogen werden, ganz schnell, das heißt im Alter von wenigen Wochen oder Monaten, Anschluss an andere Orangs bekommen, um in das Sozialsystem reinzuwachsen. Wenn Lotti nicht in der Lage sein sollte, den Nachwuchs selbst zu handeln, wären wir sehr schnell in der Lage, in unserem Aufzuchtzentrum in Südengland ein Ersatzhaus zu finden, wo das Kleine Anschluss haben würde.

Eine andere Frage: Tilda ist ja ein ehemaliges Varieté-Tier, die im Krefelder Zoo malen durfte. Was halten Sie von solchen Aktionen?

BECKER: Wir haben hier in Karlsruhe unsere Schimpansen auch schon malen lassen. Das sind durchaus gute Aktionen, die dem Publikum zudem zeigen, wie intelligent die Tiere sind.

Sie gehören also nicht zu den Menschen die sagen, Derartiges ist nicht artgerecht?

BECKER: Wenn ich ein Tier auf ein Fahrrad setze oder Handstand machen lasse, dann würde ich das als Varieté-Nummer bezeichnen, die ich total ablehne als eine Vermenschlichung von Tieren. Aber wenn dadurch ihr Intellekt zum Vorschein kommt, dann begrüße ich so was. Ob das jetzt Hantieren mit Materialien ist, wo sie es schaffen, Türme zu bauen oder ein Bild zu malen, dann halte ich das für toll.

Im Menschenaffenhaus des Kölner Zoos ist bei den Gorillas und Bonobos der direkte Zugang zur Trennscheibe der Gehege durch Pflanzen verstellt. Nur bei den Lotti und Tilda gibt es keine Barriere.

BECKER: Es ist durchaus üblich bei Orang-Utans, keinen Abstand zum Publikum zu halten. Das hängt mit dem Charakter der Tiere zusammen. Schimpansen, Gorillas, Bonobos sind sehr extrovertierte Tiere, die sehr lautstark ihre Meinung kundtun, die auch territoriale Abgrenzung gegenüber dem Menschen durch Anspringen an die Scheibe oder durch Werfen von Gegenständen deutlich machen können. Das sieht man beim Orang-Utan nicht. Das hängt mit seiner Eigenbrötelei zusammen. Ich halte Orang-Utans für die intelligentesten Menschenaffen überhaupt, sie sind die neugierigsten. Die haben einfach auch Spaß daran, den Menschen zu beobachten, was bringt der jetzt mit, was baut der da vor mir auf, ohne auszuflippen, wie das etwa ein Gorilla macht.

Ist bei der Nachzucht von Orang-Utans in Zoos auch daran gedacht, sie irgendwann in Borneo oder Sumatra auszuwildern, wenn der Lebensraum da ist?

BECKER: Das wird immer im Einzelfall entschieden und hängt vor allem vom Lebensraum ab. Bei Przewalski-Pferden, Wisenten oder Säbelantilopen, wo der Lebensraum tatsächlich vorhanden ist, da macht man so was selbstverständlich. Aber es wäre heute völlig unsinnig, Zootiere nach Sumatra oder Borneo zu bringen, wo Waldbrände den Regenwald vernichten, wo permanent die Bevölkerung in den Urwald eindringt, Plantagen errichtet.

Führen Menschenaffen in Zoos ein besseres Leben als in freier Wildbahn?

BECKER: Gemessen an den Bedrohungen auf jeden Fall. Gemessen an dem riesigen Lebensraum, den sie tatsächlich haben, sage ich immer, dass wir bei so hoch entwickelten Tieren sehr genau darauf achten müssen, was wir im Zoo machen. Kleine Klitschen haben bei der Menschenaffenhaltung jedenfalls nichts mehr verloren. Denn es müssen heute tatsächlich ausgedehnte Gehegesysteme sein, die der Tierart gerecht werden.

Das heißt, Sie stehen manchmal auch vor einem Menschenaffengehege in einem Zoo oder Tierpark und werden ganz traurig?

BECKER: Ja.

Das Gespräch führte

Claudia Meyer



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Anzeige


Umfrage

Mehr autofreie Zonen für Köln?
Der Platz vor der Eigelsteintorburg ist schon autofrei, nun soll der Chlodwigplatz folgen. Auch für den Neumarkt schlägt der Masterplan vor, eine Seite für den Verkehr zu sperren. Ist das sinnvoll?


Special


Anzeige




Modisch aufgefallen


Junge Zeiten


Bildergalerien


Termine

Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Neue ksta.tv-Videos aus Köln




Offene Schulen


Top-Links (Anzeige)



Weitere Serien


ksta shop


Aktuelle Verkehrsinfos


Service


Mein ksta.de


ksta.de auf Facebook

KSTA auf Facebook

Aktion


Aktion



Hintergrund


Stadtmenschen Community


Extra


Dienste