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Kunst

Stahlrohr und Stromlinie

Von Georg Imdahl, 31.10.08, 21:37h

Das Kölner Museum für angewandte Kunst zeigt seine neue Sammlung Winkler. Design und Kunst gehen in der Kollektion einen fesselnden Dialog ein. Einen Überblick über das gesamte 20. Jahrhundert eröffnet die Schenkung.

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Blick in die Sammlung Winkler: An der Wand Wahlter Dexels "Weiße Scheibe" von 1927, davor Marcel Breuers Tisch "B 25" aus dem Jahr 1929. (Bild: Grönert)
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Blick in die Sammlung Winkler: An der Wand Wahlter Dexels "Weiße Scheibe" von 1927, davor Marcel Breuers Tisch "B 25" aus dem Jahr 1929. (Bild: Grönert)

In der Klarheit ihrer Konzeption und der Zielsicherheit der Auswahl ist die Sammlung Winkler ein Glücksfall für das Museum für Angewandte Kunst. Die umfangreiche Schenkung fasziniert durch eine Synthese von Design und Kunst, die sich in der neuen Dauerausstellung wechselseitig erhellen und einen Überblick über das gesamte 20. Jahrhundert eröffnen. In wünschenswerter Transparenz macht das Nebeneinander von autonomer und angewandter Kunst deutlich, wie gewinnbringend sich die Gattungen inspiriert haben und auf welch fruchtbaren Boden ein formales Denken fiel, das in der klassischen Moderne von der Bildfläche in den Alltagsraum ausgriff. Mit diesem Bestand verfügt das Museum für Angewandte Kunst - das MAK - fürderhin über ein Angebot, mit dem es nachhaltig für sich werben kann.

Der gebürtige Pulheimer Richard G. Winkler, ein Architekt, der seit 20 Jahren in den USA lebt und sein Vermögen im Immobilienhandel erwirtschaftete, hat in den letzten 30 Jahren enzyklopädisch und museal gesammelt - das breite Spektrum erstreckt sich auf Möbel, Leuchten, Haushaltsobjekte, auf Radiogeräte und Kameras sowie Plakate und literarische Bestände. Der Kölner Fischzug geht auf ein erstes Gastspiel der Sammlung vor vier Jahren im MAK zurück, als der Eigentümer mit seiner Schau „Der vierecke Blick“ noch anonym bleiben wollte - auch jetzt bei der Eröffnung am Freitagabend ließ er sich von seinen Geschäften in Amerika nicht abhalten. Nach der vielbeachteten Ausstellung im Jahr 2004 reifte die verlockende Idee, das Konvolut dauerhaft an Köln zu binden und ihm eine angemessene Präsentation zu verschaffen, was sich angesichts der Personalnot des Museums als schwierig erweisen sollte, zumal die Direktorin seit längerem freigestellt wurde und eine Rückkehr auf ihren Posten ausgeschlossen ist.

So wurden die kuratorischen Aufgaben der Neuordnung des Ostflügels im MAK ganz in auswärtige Hände gelegt, wofür sich das Vitra Design Museum anbot. Man kann bedauern, dass das MAK bei seinem ambitioniertesten Projekt seit langer Zeit keine eigene Handschrift hat an den Tag legen können - zumal die Kräfte aus Weil am Rhein in der Münchner Pinakothek der Moderne bereits einen ähnlichen Präsentationsstil erprobt haben wie nun jenen in Köln. Unverwechselbar ist der neue Auftritt nicht. Gleichwohl entspricht die importierte Ausstattung zweifellos dem Geist der Sammlung Winkler: Nicht der Auratisierung einzelner Ikonen dient sie sich an, im Vordergrund steht die Kontextbildung unterschiedlicher Gattungen und damit ein Prinzip, das die Stärke der Kollektion ausmacht.

Von den insgesamt 700 Arbeiten sind fürs Erste rund 300 ausgestellt, weitere 100 entstammen dem Hausbestand des MAK. Der Parcours bezeugt auf zwei Etagen beispielhaft, wie sich das modernistische Denken um 1900 sowohl in Amerika als auch in Europa im Möbeldesign und in der Malerei zu Wort meldet und alsbald einen fulminanten Durchbruch erlebt. Inkunabeln in Gestalt von Stühlen und Büromöbeln stammen von Frank Lloyd Wright, von Breuer, Rietveld und Mies van der Rohe, wobei die Verwendung moderner Materialien (Stahlrohr statt Holz) dem „International Style“ eine bis dato nicht gekannte Lässigkeit und Leichtigkeit verleiht. Spitzenstücke auf dem Gebiet der Malerei stammen von Mondrian (die Winkler nur leihweise aus der Hand gegeben hat) - leider sind sie kaum wirklich zu betrachten, da sie durch ein beleuchtetes Van-Doesburg-Fenster geblendet werden. Konstruktivistische Bilder und Graphiken von Moholy Nagy, Bart van der Leck und Henryk Stazewski sowie ein mit Öl bemaltes Betonrelief von Lázló Peri beurkunden den punktgenauen Zugriff Winklers auf die Epoche der 1920er Jahre. Der leidenschaftlich modernistische Sammler hat sich auch einige exotische Ausreißer und Stilbrüche gegönnt, wie man verblüfft zur Kenntnis nimmt, wenn man vor einem „klassizistischen“ Schrank von Jaques-Émile Ruhlmann und einer Chaiselongue von Pierre Chareau steht. Doch die betörenden Stromlinien amerikanischer Prägung werden ihm um einiges mehr zusagen - man sieht das „Streamline Design“ in Vitrinen mit Mixern, Toastern und Haatrocknern aus den 20er und 30er Jahren. Eine Domäne der Schenkung stellt das amerikanische Radio-Design dar, eine Branche, die sich im Zeichen der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu einer besonderen Geschmacksoffensive gedrängt sah - denn „Hässlichkeit verkauft sich schlecht“, wie der berühmte Designer Raymond Loewy auf den Punkt brachte.

Im Obergeschoss setzt sich der Rundgang mit Dialogen von Arbeiten nach 1945 fort, wobei einige Stühle aus lackiertem oder verchromtem Stacheldraht wie der „Bird Chair“ des Italieners Harry Bertoia mit einer „Strukturalen Konstellation“ von Josef Albers gepaart wird - es sind diese Intuitionen, die den Besuch der Ausstellung zu einem echten Vergnügen machen.

Die Stringenz der Sammlung Winkler erweist sich darin, dass sie gegenüber manchen Kapriolen der Postmoderne offenbar standfest geblieben ist. Jene Stühle und Schränke der Mailänder Designergruppe Memphis um Ettore Sottsass sind zum Beispiel nicht aus ihrem Fundus: Diese Stücke illustrieren am Ende auch eher eine Designkrise der 80er Jahre als einen neuen Ideenfuror.

Insgesamt wächst dem MAK mit dieser Sammlung neue Attraktivität zu. Es kann sie gut gebrauchen. Vielleicht hilft sie auch als Argument für eine neue Museumsleitung, die der inzwischen zähen Führungsvakanz einmal ein Ende setzen wird.



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