Von Markus Günther, 02.11.08, 21:58h
Aber in der besorgten Frage steckt unausgesprochen noch ein anderer Gedanke: Ist Obamas Wahlsieg nicht so etwas wie eine historische Notwendigkeit? Ist die Zeit nicht einfach reif für den ersten schwarzen Präsidenten?
Diesen Anspruch zurückzuweisen ist deshalb so wichtig, weil sonst auch der Umkehrschluss gelten würde: Obamas Sieg wäre dann eben eine Konzession an die Schwarzen, eine historische Wiedergutmachung, das Rotationsprinzip der Geschichte. Nichts davon hatte Obama im Sinn, als er vor knapp zwei Jahren seinen Wahlkampf begann. Im Gegenteil, er wollte nicht als schwarzer oder weißer Kandidat antreten, obwohl er in seinem Selbstverständnis heute durchaus „a black man“ sein will. Aber er versucht, diese Identität nicht als soziale und ideelle Einengung zu begreifen, sondern ihre Grenzen zu überwinden: als Repräsentant eines neuen Amerika, das die Rassen- und Klassengegensätze hinter sich lässt. Sieg oder Niederlage bei der Präsidentschaftswahl am Dienstag sind in dieser Perspektive das Ergebnis eines normalen politischen Vorgangs unter ungewöhnlichen Voraussetzungen.
Millionen Menschen inspiriertObamas größtes Verdienst bleibt, dass er Millionen von Menschen inspiriert, wachgerüttelt, motiviert und mitgerissen hat. Es ist interessant zu sehen, dass die vielen US-Zeitungen, die jetzt die Wahl Obamas empfehlen, weder seine politische Erfahrung noch sein Programm rühmen (dazu gibt es auch wenig Grund), sondern seine „Botschaft“, seine „inspirierende Kraft“ und sein Versprechen, die tiefen Spaltungen der Ära Bush zu überwinden. Wenn Obama Präsident wird, dann wird er es genau aus diesem Grund: Mit der einigermaßen glaubwürdig vertretenen Botschaft von Aufbruch, Versöhnung und Neuanfang traf er den Nerv der Zeit.
Aber gerade weil Obamas Anhänger - auch in Deutschland - nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen dabei sind, muss man der manchmal naiven Begeisterung ein paar nüchterne Befunde entgegensetzen: Obamas Wahlkampf war, bei aller Inspiration, oft enttäuschend. Er hat nicht nur auf Hoffnung und Wandel, sondern auch auf aggressive TV-Spots gesetzt, in denen der Gegner niedergemacht wurde. Er ist programmatisch vage geblieben, um nichts zu riskieren. Obama ist Politiker und kein Heiliger.
Andererseits: John McCain kann man am Ende dieses Wahlkampfes kein besseres Zeugnis ausstellen. Im Gegenteil, McCain war nicht nur konventionell, ihm fehlte auch die Botschaft. Obama blieb durch alle Windungen des Wahlkampfes hindurch immer der Hoffnungsträger und Versöhner; McCain versuchte ständig eine neue Rolle und wurde immer unglaubwürdiger. Seinen Wahlsieg, wenn es dazu käme, hätte er nur der Furcht vor Obama und einer diffusen Zukunftsangst zu verdanken. Doch Obama hat viele Skeptiker für sich gewonnen, und er profitiert vom Zeitgefühl am Ende der Ära Bush: Die meisten Amerikaner wollen keine Kurskorrekturen, sondern einen fundamentalen Neuanfang.
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