Von Maria Mies, 03.11.08, 22:04h
Die Ölkrise hat überall zu enormen Preissteigerungen vor allem für Lebensmittel geführt. In etwa vierzig Ländern gab und gibt es Hungerrevolten. Wenn Öl, Kohle und andere für das Funktionieren der Industriegesellschaft wichtige Rohstoffe knapp werden, dann wird deutlich, dass unsere Mutter Erde nicht unbegrenzt ausbeutbar ist, dass die Grenzen des Wachstums erreicht sind. Wenn das Öl alle ist, ist es alle. Wenn Kohle alle ist, ist sie alle. Diese Ressourcen sind durch noch so viele neue Erfindungen nicht zu ersetzen. Das bedeutet, dass der gewohnte Lebensstil der Industrieländer nicht mehr möglich sein wird. „Die fetten Jahre sind vorbei“, sagen viele. Doch sie haben kaum erwartet, dass der Absturz so plötzlich und so dramatisch kommen würde.
Angesichts dieser Realität sind alle „Global Players“ am Ende mit ihrem Latein. Ihr neoliberales Credo hat sich als gigantisches Desaster erwiesen. Noch vor kurzem hatten sie gepredigt, der Staat solle sich gefälligst aus der Wirtschaft heraushalten. Heute rufen genau dieselben Leute diesen Staat zu Hilfe. Die US-Regierung hat 700 Milliarden US-Dollar bereitgestellt, um den totalen Zusammenbruch des Bankensektors aufzuhalten. Die Bundesregierung will mit 500 Milliarden Euro dafür sorgen, dass die deutschen Banken und damit die bisherige Wirtschaft nicht zusammenbrechen, Geld, das am Ende die Steuerzahler zahlen müssen. Dies bedeutet die totale Umkehr der bisher geltenden neoliberalen Politik der Deregulierung. Die Rettungsaktionen der Regierungen bedeuten faktisch eine Art Wiederverstaatlichung. Manche reden sogar von einem neuen Sozialismus. Wenn die neoliberalen Plünderer am Ende sind, rufen sie wieder nach dem Staat.
Seit vielen Jahren gibt es eine weltweite Widerstandsbewegung gegen die neoliberale „Politik der Globalisierung, Liberalisierung und Privatisierung“, die GLP-Politik. Trotz aller Erfolge dieser Bewegung müssen wir heute fragen: Wie soll ein anderes System als das herrschende Industriesystem aussehen? Welche Visionen, Perspektiven und Prinzipien sollen verwirklicht werden?
Eines ist klar: Wege aus diesen Krisen kann es nicht im Rahmen eines kapitalistischen Systems geben, dessen Grundlagen Gier und unendliches Wirtschaftswachstum sind. Die Regierungen mögen Hunderte Milliarden Dollar oder Euro aufwenden, um die bankrotten Banken zu retten. Kurzfristig können diese Maßnahmen vielleicht Erfolg haben, langfristig werden sie die Krisen nicht beseitigen. Denn diese Krisen sind anders. Mit ihnen stößt das System an Grenzen, die mit noch so viel Geld nicht zu überwinden sind. Hier bedarf es eines grundsätzlichen Umdenkens, nicht nur derer „da oben“, sondern aller. Notwendig ist ein anderes Paradigma von Wirtschaft, Gesellschaft und „gutem Leben“. Ich erinnere an Gandhis berühmten Satz: „There is enough for everybody's needs, but not for everybody's greed“ (Auf dieser Erde gibt es genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier). Das „gute Leben“ muss von anderen Grundprinzipien ausgehen als den bisher herrschenden. Ich kann hier nur die wichtigsten aufzählen:
1. Lokalisieren (Regionalisieren) statt Globalisieren. Nur in überschaubaren Wirtschaftsräumen kann eine nachhaltige Wirtschaftsweise aufgebaut werden. Demokratie ist nur in kleineren geographischen Räumen möglich.
2. Das „gute Leben“ besteht nicht in Waren- und Geldreichtum, sondern in guten Beziehungen zu uns selbst, anderen Menschen, Ländern und zur Natur.
3. Auch Geld darf nicht globalisiert werden. Werner Wüthrich hat gezeigt, dass ein regional verankertes Bankenwesen - wie in der Schweiz - krisenfester ist als die inzwischen bankrotten Großbanken in den USA und der EU.
4. Wirtschaften muss wieder haushalten bedeuten. Was über die Selbstversorgung hinaus produziert wird, kann exportiert werden. Eine solche Subsistenzwirtschaft kennt auch Handel und Austausch, aber sie wird nicht vom globalen Handel abhängig sein.
5. Vor allem ist wichtig, dass die Ökonomie wieder in die Gesellschaft „eingebettet“ wird und nicht als unabhängige Macht das Leben auf diesem Planeten bestimmt.
Eine amerikanische Initiative gegen die herrschende Ökonomie hat folgenden Vers geschaffen: „Wir arbeiten, arbeiten und arbeiten. Wir produzieren und produzieren. Wir konsumieren und konsumieren. Wir investieren und investieren. Doch wann kommt das »gute Leben«?“
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