Von Jan W. Brügelmann, 05.11.08, 20:28h
Es sind erst knapp 150 Jahre verstrichen, seit die Sklaverei abgeschafft wurde, und etwas mehr als 40 Jahre, seit Präsident Lyndon B. Johnson die Bürgerrechte für alle Amerikaner festschrieb, unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrem religiösen Bekenntnis oder ihrer Herkunft. Der Wegfall der Rassenschranken hat einen latenten Rassismus nicht vollständig beseitigen können, er eröffnete aber den Weg zu einem Zusammenleben zwischen Weißen und Schwarzen sowie den Bürgern anderer ethnischer Herkunft. Und nun zieht ein Mann ins Weiße Haus ein, der sich selbst als „a black man“ bezeichnet und zugleich den Anspruch erhebt, eine bessere Zukunft für alle Amerikaner zu gestalten. Wenn das kein epochaler Einschnitt ist!
Amerika ist toleranter geworden und hat die Kraft gefunden, das Vermächtnis Martin Luther Kings zu erfüllen. Die Freudentränen vor allem der älteren schwarzen US-Bürger, die die Unterdrückung noch am eigenen Leib erfuhren, haben gestern die ganze Welt bewegt. Mit dieser Wahl signalisiert Amerika der Welt: Wir haben die Kraft zum Neuanfang, und wir haben es trotz der vergangenen acht Jahre nicht verlernt, an unsere Stärken zu glauben. Yes, we can!
Obama darf jetzt keine Zeit verlieren. Sobald die letzten Fanfaren der Einführungsfeierlichkeiten verklungen sind, muss er darangehen, den versprochenen Wandel durchzusetzen. An Problemen, die einer Bewältigung harren, mangelt es in der Tat nicht. Und auch nicht an Erwartungen. Die Welt wünscht sich von Obama Führungsstärke und Augenmaß im Bemühen, das ramponierte Ansehen der USA zu reparieren und internationale Krisenherde einzudämmen. Seine Mitbürger erhoffen sich die Lösung der Wirtschaftskrise, neue Jobs und bessere Schulen, eine Krankenversicherung für alle, eine gerechtere Steuerpolitik, die Heimkehr der Soldaten aus dem Irak und aus Afghanistan sowie eine Energiepolitik, die die gefährliche Abhängigkeit der USA von Ölimporten beendet. Eine Herkulesaufgabe, hoffentlich nicht zu schwer für die schmalen Schultern des erst 47-Jährigen.
Doch Obama mag auch künftig zugutekommen, was ihn bereits als Wahlkämpfer auszeichnete. Er versteht es, Menschen anzusprechen und für Ziele zu begeistern. Gerade im rauen Tagesgeschäft Washingtons sticht der Menschenfischer Obama heraus. Mit seinem einnehmenden Stil kann er womöglich auch jene einfangen, die ihm in der Wahl ihre Stimme versagt haben.
Obamas Charme darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in erster Linie Amerikas Interessen zu vertreten hat. Nach den Siegespartys in aller Welt werden Amerikas Verbündete vom neuen Präsidenten in die Pflicht genommen werden, etwa um höhere Lasten im Afghanistan-Einsatz zu schultern. Die Freude über seinen Wahlsieg wird rasch von Nüchternheit verdrängt werden. Trotzdem: Nach Jahren der Konfrontation steht Obama für Kooperation.
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