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Kommentar - Obama

Phänomen zum Mitmachen

Von Tobias Kaufmann, 07.11.08, 23:29h

Europa kann aus der Kampagne Barack Obamas lernen. Obamas "Change" ist kein hohles Wort, es ist perfekt in Szene gesetzt. Dabei geht es nicht um den Alleingang eines einzelnen Mannes, sondern um die Mobilmachung einer Nation.

Barack Obama
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Barack Obama. (Bild: dpa)
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Barack Obama. (Bild: dpa)
Change, Wandel, ist das Wort des Augenblicks. Verbunden mit dem faszinierten Blick auf etwas, das aussieht wie eine neue politische Jugendbewegung, ausgelöst von einem politischen Popstar, wie es ihn wohl in jeder Generation nur einmal gibt. Doch nicht Wandel allein ist das Geheimnis der Obama-Kampagne - von Hillary Clinton bis Mitt Romney haben alle US-Präsidentschaftsbewerber auf Wandel gesetzt. Das „Change“ von Obama war das einzige, das glaubwürdig in der entscheidend anderen Pigmentierung schillerte: Fortschritt.

Darin unterscheidet sich der linke Amerikaner Obama auch von den linken Europäern unserer Tage. Begeisternd, mitreißend ist Wandel dann, wenn er Veränderung nach vorn bedeutet.

Um „Fortschritt“ zu verdeutlichen, dazu reichen ein paar Klicks auf der Homepage der Obama-Kampagne. Eine perfekte Internetseite, anmutig, multimedial, kreativ - und konsequent kommunikativ. Überall ging es ums Mitmachen und Weitersagen; Obamas Anspruch, so die Botschaft, ist kein Alleingang, sondern eine Mobilmachung.

So hat Obama es geschafft, Gruppen zu mobilisieren, die in etablierten demokratischen Systemen oft außen vor bleiben: Politikverdrossene, Jungwähler, Minderheiten. Und es ist ihm gelungen, die „neue Mitte“ an ihre politische Verantwortung zu erinnern - die jungen Profiteure der Wohlstandsgesellschaft, die es sich leisten, ihr Leben von Politik und Gesellschaft freizuhalten. Seine Kampagne hat sie überzeugt - nicht nur passiv, als „Stimmvieh“, sondern mit einer Forderung: Wer verändern will, der muss im Rahmen des Systems etwas dafür tun. Das war das Spannende am Wahlkampf gewesen, das wird das Spannende an Obamas Präsidentschaft bleiben.

Für jene Europäer, die sich darin eingerichtet hatten, dem geliebten Feind von der anderen Seite des Atlantiks beim Untergang zuzusehen, ist die „Obamania“ ein harter Schlag. Denn mit dieser Wahl hat Amerika seine Spitzenposition in Sachen Beharrlichkeit und Wandlungsfähigkeit geradezu rauschhaft verteidigt. Obamas Botschaft ist, anders als auch viele seiner europäischen „Fans“ glauben, eben nicht, dass der amerikanische Traum ausgeträumt ist und ersetzt wird. Sie lautet: Der Traum ist intakt.

Was aber ist mit unseren Träumen? Wenn wir mal fertig sind mit der ewigen Anti-Bush-Abrechnung, müssten wir Deutschen uns zum Beispiel fragen, ob es bei uns möglich wäre, dass der Sohn - nicht der Urenkel - eines Ausländers an die Spitze des Staates aufsteigt. Nicht, um ihn zu zerstören, sondern,

weil er ihn liebt! Welche politische Botschaft begeistert uns inmitten des politikverdrossenen Gemeckers über das allgemeine Elend, an dem stets die anderen schuld sind?

Das Besondere an Obama ist, dass er eine teils jugendliche, teils jugendlich wirkende Bewegung geweckt hat, die davon überzeugt ist, dass sie das, was aus eigenem Versagen schiefläuft, auch aus eigener Kraft wieder gerade biegen kann. Deutschland hat einen Politiker dieser Statur nicht anzubieten. Aber haben wir die Bürger, die sich mitreißen und aufraffen ließen von einer Kampagne, die eine Haltung und Engagement einfordert - und patriotischen Geist im positiven Sinne? Die Profis um Obama haben es geschafft, solche Begeisterung aus einer träge scheinenden Masse herauszukitzeln. Aber zum Kitzeln gehört auch immer jemand, der sich kitzeln lässt.

tobias.kaufmann@mds.de



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