Von Klaus Ehringfeld, 07.11.08, 21:21h
Eine durchschnittliche Bilanz in Mexiko, wo an manchen Wochenenden bis zu hundert Menschen ermordet werden, Leichenteile in Müllsäcken auftauchen oder Massengräber in Naherholungsgebieten gefunden werden. In diesem Jahr zählt Mexiko bereits über 4000 Tote. Zum Beispiel Tijuana: In der Millionenstadt gegenüber dem kalifornischen San Diego starben im Oktober 172 Menschen eines gewaltsamen Todes. Die Stadt ist eine der sensibelsten Nahtstellen zwischen den USA und Mexiko, über die täglich Drogen, Waffen und Menschen in die Vereinigten Staaten geschmuggelt werden. Und sie hat sich in ein Schlachtfeld der Kartelle verwandelt. Aus Angst gehen die Menschen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße, Tourismus und Investitionsströme versiegen: „Stress, Depression, Angst, Hoffnungslosigkeit und Psychose“, diagnostiziert der Psychologe José Guadalupe Hernández Vargas bei den Menschen in Tijuana.
Und allmählich wird das ganze Land von der Panik ergriffen. „Es tobt ein blutiger Krieg da draußen“, sagt Federico Estévez, Politologe an der Universität ITAM von Mexiko-Stadt. Vier große Mafiaorganisationen - Narcos - kämpfen untereinander und gegen den Staat um die profitablen Transitrouten vor allem für Kokain in die USA. Nach Erkenntnissen der US-Drogenfahnder ist Mexiko das bedeutendste Drehkreuz für Rauschgift mit dem Ziel Vereinigte Staaten. 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains kommen über Mexiko ins Land.
Um die Kartelle zu zerschlagen, setzt Präsident Felipe Calderón ausschließlich auf Gegengewalt und Machtdemonstration. 35 000 Soldaten und Bundespolizisten setzte er vor allem an die US-Grenze in Marsch, und Städte wie Ciudad Juárez und Tijuana gleichen Festungen. Aber der massive Militäreinsatz bringt nur noch mehr Gewalt.
Die Killer der „Narco“-Kartelle erstellen ihre Todeslisten und kündigen per Mail, SMS oder Telefon „blutige Wochenenden“ an. Und regelmäßig tauchen entstellte Leichen auf, an denen die Mörder handgeschriebene Botschaften befestigen: „Lasst uns arbeiten“. Jahrelang galt dabei ein eisernes Gesetz: Wer nicht verstrickt war, wurde verschont. Doch dieses Gesetz wurde am mexikanischen Unabhängigkeitstag außer Kraft gesetzt: In der Nacht des 15. September warfen die Killer einer Drogenbande mehrere Handgranaten auf den mit Tausenden Menschen gefüllten zentralen Platz der mexikanischen Stadt Morelia. Die Explosionen rissen sieben Menschen in den Tod, über hundert erlitten Verletzungen. „Morelia war ein Wendepunkt“, sagt Edgardo Buscaglia. Mexiko sei auf dem Weg zum Narco-Terrorismus, betont der UN-Berater für organisiertes Verbrechen.
63 Prozent der 2800 Gemeinden Mexikos seien von Narcos infiltriert, acht Prozent würden völlig von der Organisierten Kriminalität kontrolliert. Der Staat setze auf die falschen Gegenmittel, so Buscaglia. Ohne den entschiedenen Kampf gegen Korruption und die Finanznetze seien die Mafias nicht zu besiegen.
In dieser Woche kam der junge mexikanische Innenminister Juan Camilo Mourino beim Absturz seines Dienstflugzeuges mitten in Mexiko-Stadt ums Leben. Er war die Hauptfigur bei der Verbrechensbekämpfung. „Hoffentlich war es ein Unfall“, sagten viele geschockte Mexikaner.
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