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Märkte und Macher

Schimmel macht den Bakterien Beine

Von Andreas Helfer, 11.11.08, 15:55h

In diesem Jahr will Bioreact erstmals schwarze Zahlen schreiben. Richtig aufbereitet kann Biogas die Qualität von Erdgas erreichen. Das Troisdorfer Unternehmen baut Pilzkulturen an und züchtet Enzyme für die Biogas-Produktion.

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Die Firma Bioreact stellt aus Pilzen Enzyme für die Biogaserzeugung her - hier Christina Günther, biologisch-technische Assistentin, bei der Arbeit im Labor.
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Die Firma Bioreact stellt aus Pilzen Enzyme für die Biogaserzeugung her - hier Christina Günther, biologisch-technische Assistentin, bei der Arbeit im Labor.
Troisdorf - Der Raum mit den Pilzen ist tabu, Fotografieren nicht erlaubt. Regalweise lagern dort esstablettgroße Schalen mit Kulturen. Eher unscheinbar wirken die schwarzen und braunen Anzüchtungen, fast schon grell ein Behälter mit einer orangefarbenen Variante.

Schimmelpilze, vor denen die meisten Zeitgenossen eher einen Ekel empfinden, sind bei der Firma Bioreact gern gesehen und ähnlich positiv besetzt, wie in der Herstellung von Camembert, Gorgonzola oder Penicillin: Im Industriepark an der Mülheimer Straße produzieren die Pilze Enzyme, die bei der Erzeugung von Biogas eine wichtige Rolle spielen und den Prozess mitunter erst richtig auf Touren bringen. „Wir haben einige hundert Pilze isoliert“,erläutert Geschäftsführer Udo Hölker. „Überall, wo ein Pilz Pflanzen abbaut, sind wir dabei und fragen uns, was der kann.“ 15 Tonnen des wertvollen Enzympulvers, das aus Mischungen sechs verschiedener Pilzkulturen besteht, werden im Monat hergestellt. Sieben Außendienstmitarbeiter sind ständig unterwegs, um „vor Ort“ Biogasanlagen zu untersuchen und die komplexen Prozesse zu analysieren, dank derer aus verschiedenen Substraten wie Mais- oder Grassilage, Gülle von Schweinen und Rindern oder gar Roggen- und Weizenkörnern schließlich Gas wird.

Nicht einfacher wird die Aufgabe dadurch, dass sich die Anlagen stark in der Konstruktion unterscheiden. Nicht jeder Fermenter muss zwingend mit Enzymen gefahren werden: „Das ist nur bei etwa einem Viertel aller Anlagen nötig“, so der promovierte Mikrobiologe - etwa, wenn in sehr kurzer Zeit sehr viel Substrat in der Anlage zu Gas gemacht werden soll oder wenn das Verhältnis zwischen den Bestandteilen der Silagen ungünstig ist.

In enger Abstimmung von Betreiber und Berater wird dann die richtige Enzymmenge festgelegt. „Der Einsatz wird dabei jedes Mal zu einem Versuch.“ Je nach Ausgangslage lasse sich die Ausnutzung der Substrate im Fermenter teilweise um 20 Prozent steigern.

Im Firmengebäude im Troisdorfer Industriepark kann Hölker mit einfachsten Mitteln vorführen, wie das Pulver wirkt. In zwei Kolben lässt er etwa Maissilage gären - einmal mit, einmal ohne Enzym. Während im ersten Kolben bereits nach kurzer Zeit eine dicke grünliche Flüssigkeit steht, sind in dem zweiten Kolben noch deutlich die Überreste von Blättern und Stängeln zu erkennen. Die Enzyme unterstützen Bakterien, die die eigentliche Arbeit leisten, wenn Pflanzenteile abgebaut und zu Gas werden.

Vor acht Jahren gründete Hölker an der Bonner Universität das Unternehmen, das heute 26 Mitarbeiter zählt. Seit den ersten Tagen mit dabei sind der zweite Geschäftsführer Jürgen Lenz und Produktionsleiterin Martina Janßen. Im Jahr 2004 zog die Firma von Bonn nach Troisdorf, doch der Kontakt zur Forschung ist nach wie vor sehr eng: 17 Diplomarbeiten und zwei Dissertationen sind seit der Gründung entstanden, die Firma ist Mitglied im Zentrum für Molekulare Biotechnologie der Uni. Mehrere öffentlich geförderte Forschungsprojekte wurden aufgelegt. Geschäftszahlen nennt Hölker nicht. Er ist aber zuversichtlich, dass Bioreact in diesem Jahr erstmals schwarze Zahlen schreiben wird.

Experimentiert wird zur Zeit auch mit Silage aus Jatropha, einer Nussart, die in der Kosmetikindustrie verwendet wird und die etwa auf Hawaii heimisch ist. Der Abfall bietet sich dabei ebenso für die Vergasung an, wie Überreste von Bananen- oder Kakaoernten - nach Ansicht von Hölker ein Wachstumsmarkt. In Deutschland wird zu etwa 90 Prozent Mais „verstromt“, dann folgen Gülle und Gras-Silage.

Fakten solcher Art erhebt Bioreact selbst: Im Sommer legte die Firma eine Bestandsaufnahme nebst Analyse von mehr als 1000 Biogasanlagen vor. Dass in kleinen Mengen auch Weizen und Roggen eingesetzt werden, ist nach Ansicht Hölkers moralisch keineswegs fragwürdig - auch nicht vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Biokraftstoffe und die Verdrängung von Anbauflächen für Lebensmittel. Für Deutschland verweist Hölker auf eine Studie, nach der man auf einer Fläche von vier Millionen Hektar Pflanzen für Biogas anbauen könnte, „ohne in Konkurrenz zu Lebensmitteln zu treten“. Weltweit gebe es eher ein Verteilungsproblem statt eines Produktionsproblems.

Dem Biogas, das aufbereitet die Qualität von Erdgas erreichen kann, gehört nach Ansicht Hölkers die Zukunft. Bezüglich des Energie-Flächenertrags sei es Bioethanol oder Biodiesel weit überlegen. „Wir könnten einen Boom erleben, mit kleineren Anlagen zur dezentralen Strom- und Wärmeversorgung und größeren Anlagen, die Biogas ins Erdgasnetz einspeisen.“



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