Von Anja Katzmarzik, 15.08.08, 21:24h, aktualisiert 15.08.08, 21:25h
Tino ist wieder da und aus seinen Augen spricht erstmals so etwas wie Hoffnung. „Aber ich weiß nicht, ob sie will.“ Wir gehen Kaffee trinken. „Sie wissen so viel über mich“, sagt er nachdenklich zu mir und schaut treu aus seinen blauen Augen. Angeblich verbringen sie viel Zeit zusammen - und wenn nicht, sei er bei seiner Familie in Koblenz. „Ich kann nicht in dem Zimmer sein“, sagt er über seine Bleibe im Carl-Sonnenschein-Haus, wo er eigentlich leben sollte. „Da ist nur Radau.“
Ein Jahr hat Tino nicht geraucht. Jetzt qualmt er wieder. Dann zahlt er für uns. Er schlendert vorbei an Schaufenstern mit Produkten, die er sich nicht leisten kann. Aber das gibt er nicht zu. „Geld ist nicht das Thema“, sagt er. „Ich frag meine Mutter und krieg' welches.“ Seltsam. Sie lebt von öffentlichen Mitteln.
600 Euro verpulvertBewährungshelferin Susanne Lutzius will die alkoholkranke Mutter mit „ins Boot“ holen. „Sonst hat der Tino ganz schlechte Karten.“ Die „Wiedersehensfreude“ im Büro der Landgerichts-Angestellten ist groß. Eigentlich hätte ihr Proband schon vor einer Woche hier sitzen sollen. Hausnummer nicht gefunden, lautet die Entschuldigung.
Er gähnt um 14 Uhr so genüsslich wie jemand, der eben erst aufgewacht ist. Und Lutzius hält hellwach fest: „Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel.“ Tagelang hat sie hinter der Familie her telefoniert. Jetzt hatte die Mutter, die eigentlich mitkommen wollte, doch keine Zeit.
600 Euro in zwei Wochen hat der aus der Justizvollzugsanstalt Siegburg entlassene 20-Jährige ausgegeben. Für Klamotten, für „Freunde“, für Essen. „Das läuft nicht“, kommentiert Lutzius solche Spendierlaunen. Tino kontert, er brauche niemanden, der ihm sein Geld einteilt. „Ich kann das alleine.“
Sein Handy hat der Andernacher „zu Hause verloren“ - und meint damit nicht Nippes. „Unter welcher Nummer kann ich Sie denn erreichen?“, sucht die Bewährungshelferin einen Anker. „Ich weiß die nicht auswendig“, sagt Tino und kramt nach einem Schmierzettel mit Telefonnummern in seiner Jogginghose, den es dort nicht gibt. Kein Festnetz also. Lutzius bleibt nur die Handynummer seiner Mutter.
Alles auf einmal geht nicht„Ich will in keine Jugendwerkstatt. Da gibt es ja nur 30 Euro Taschengeld. Ich will richtig arbeiten“, motzt Tino. Einen Lkw „holen“ und einen Schrotthandel eröffnen. „Oder Kraftfahrer machen.“ In Koblenz wäre alles leichter, glaubt Tino. „Aber in Köln gibt es mehr Fördermöglichkeiten“, wirft Bewährungshelferin Lutzius ein. „Ich könnte Sie in ein Werkstattjahr vermitteln. Da können Sie einen Schulabschluss machen, arbeiten und noch Geld dafür kriegen.“ Eine Ausbildung? „Das dauert wieder so lange“, wehrt der Umworbene wieder ab. „Ich will langsam erwachsen werden.“ Lutzius redet wie gegen eine Wand: „Sie können nicht fünf Schritte auf einmal machen.“
Tino hört sie nicht und findet immer neue Argumente gegen Köln. „Wohnheim ist nichts für mich. Ich brauch mein eigenes Reich.“ Er könnte in Koblenz eine eigene Wohnung haben. Ein Zimmer, Küche, Diele, Bad, 250 Euro warm. „Von meiner Tante.“ Einen Praktikumsplatz habe er ebenfalls organisiert. „Drei Wochen auf dem Recyclinghof von meinem Cousin.“
Susanne Lutzius verlangt Belege. Mehr kann sie nicht tun. Und Tino zückt einen Mietvertrag sowie eine Anmeldebestätigung. Kollegen der Bewährungshilfe Koblenz sollen die Angaben überprüfen und könnten die Betreuung übernehmen.
Alles was fehlt, ist ein Ausweis. Der alte war „verloren“, der neue ist im Bürgeramt Nippes abzuholen. Die Verwaltungsangestellte schaut skeptisch, als sich der Antragsteller als Ex-Häftling outen muss, weil das Dokument nicht in der üblichen Schublade zu finden ist. Gebühren fallen keine an. Der Staat zahlt.
Einmal Schwarzfahren reicht„Das ist eine Wende, die nicht in meinem Sinne ist“, sagt Bewährungshelferin Lutzius zu Tino. „Sie sind ein freier Mann und bestimmen die Richtung. Ich kann nur Korrekturen vornehmen. Die Bewährungsauflagen gelten auch in Koblenz.“ Sie spricht es offen aus: „Ich fürchte, dass das zu Verstrickungen führt, aus denen Sie nicht mehr rauskommen.“ Der Schützling nickt brav. „Schon Schwarzfahren ist ein Grund, die Bewährung zu widerrufen“, mahnt sie. Und der 20-Jährige schwört zum Thema Fahrkarten: „Ab heute kauf ich welche.“
Wenn es nach ihm geht, wird er ohnehin bald keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr brauchen. „Ich komm' Sie nächsten Monat mit dem Benz besuchen“, verabschiedet sich Tino. Lutzius findet das überhaupt nicht komisch. „Bitte nicht! Sie haben keinen Führerschein.“
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Hedwig Neven DuMont
Viele Kinder leiden unter Depressionen, Lernbehinderungen und Krankheit. Manche werden als „sozial gestört“ abgestempelt. Sie alle brauchen unsere Hilfe. Hilfe, um aus ihrem dunklen seelischen Loch herauszukommen. Hilfe durch gesunde Freizeitangebote und das Teilhaben an Sport und anderem mehr.
Diese Kinder müssen wir an die Hand nehmen und ihnen eine Chance geben, körperlich und seelisch zu gesunden. Unser Thema bis Oktober 2012 lautet deshalb: „wir helfen – um alle Kinder hier an die Hand zu nehmen.“

Testen Sie das ADHS-Risiko Ihres Kindes!
Lizzy Net - Internet für Mädchen
Sozialdienst Katholischer Frauen
Sozialdienst Katholischer Männer
Kidkit - Für Kinder süchtiger Eltern
Netkids - Gegen Kinderpornografie im Netz
Diakonie Michaelshoven - Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe