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Kölner Konvertit

Barinos Rückkehr in ein anderes Leben

Von Tobias Kaufmann, 31.08.08, 17:54h, aktualisiert 01.09.08, 09:08h

Vor einem Jahr war der Kölner Konvertit Barino B. noch Islamist. Jetzt ist er ausgestiegen. Er hat öffentlich mit dem Islam gebrochen. Sein ehemaliger Imam sagt, darauf stehe die Todesstrafe.

Barino
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Barino B. (Bild: WDR)
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Barino B. (Bild: WDR)
Köln - Die Aggression ist weg. Vor einem Jahr noch, am Telefon, verursachte die Art, wie er den Terror von El Kaida als gottgefälligen Akt darstellte, eine Gänsehaut. Jetzt sitzt Barino B. in Jeans, Turnschuhen und schwarzem Polohemd hinter einer Tasse Tee und drückt seit Minuten den Teebeutel auf dem Löffel aus. „Ich bin klar im Kopf“, sagt Barino. Vor einem Jahr hatte er den „Koran im Kopf“. So jedenfalls hieß die Dokumentation des Journalisten Antonia Cascais, die der WDR im August 2007 ausstrahlte. Sie beschrieb, wie der aus einer säkularen christlichen Familie stammende Barino mit 18 zum Islam konvertierte und zum Islamisten wurde. Zu einem, der aus den Quellen schloss, dass ein „Heiliger Krieg“ zur Verbreitung des Islam auch mit Anschlägen geführt werden könnte. Aber ein potenzieller Terrorist, das ist Barino wichtig, sei er selbst nie gewesen.

Ein Jahr später hat der heute fast 24-Jährige mit dem Islam gebrochen. Öffentlich. Vergangene Woche gab es auch darüber einen Film im WDR. Im Internetforum zur Sendung geht es hoch her. Eine unglaubwürdige Inszenierung sei das, gar Hasspropaganda gegen Muslime. Andere Nutzer widersprechen. Manche wünschen Barino einfach Glück für sein weiteres Leben. Vermutlich, weil sie ahnen, wie schwer es für ihn gewesen sein muss, das bisherige aufzugeben. Denn nichts anderes bedeutete die Abkehr vom Islam für Barino B. In der Kölner Abu-Bakr-Moschee, die wie sein zweites Zuhause war, ist er nicht mehr erwünscht. Fast alle Freunde aus jener Zeit meiden ihn. Der Imam hat ihm bestätigt, auf seinen Übertritt stehe nach islamischem Recht die Todesstrafe.

Es gab kein Aha-Erlebnis

Auch wenn keiner, Barino eingeschlossen, davon ausgeht, dass ihn wirklich jemand töten will - er hätte es sich alles leichter machen können. „Ich hätte einfach die Moschee wechseln und einen Euro-Islam leben können“, sagt der Student. Aber den hat er nie ernst genommen. „Nur der Islamist ist ein aufgeklärter Moslem“, sagt Barino. Also derjenige, der an die Scharia glaubt und das überlieferte Leben des Propheten tatsächlich als vorbildliches Verhalten ansieht, statt es sich zurechtzudenken. „Das ist Heuchelei“, sagt Barino, „Islam ist es nicht. Wenn man die Quellen von dem säubert, was nicht zeitgemäß erscheint, fällt das ganze Prinzip zusammen.“ So wie die Sowjetunion, als die marxistisch-leninistische Zwangsherrschaft gelockert wurde.

Aber warum ist er dann ausgestiegen? Hat ihn „das ganze Prinzip“ irgendwann nicht mehr überzeugt? „Es gab kein Aha-Erlebnis, so wie man sich das immer vorstellt“, erzählt Barino. „Es war ein ständiger Prozess.“

Vieles spielte da eine Rolle. Die Gespräche mit dem Vater, der in Ägypten von Muslimen verfolgt worden war. Die Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft, nachdem Barinos Satz, er könne das Motiv der Kofferbomber von Köln nachvollziehen, durch die Medien gegangen war. Obwohl das Verfahren wegen Volksverhetzung eingestellt wurde, dämmerte Barino damals, wovon er heute überzeugt ist: „Was ich gesagt habe, war eine Katastrophe.“

Dazu kamen die unbefriedigenden Antworten auf die Fragen, die Barino immer wieder gestellt wurden, wenn er mit neuen Konvertiten im Gesprächskreis zusammen saß. Etwa die, ob ein guter Moslem wirklich keine Christen zu Freunden haben dürfe.

Barino nippt an seinem Tee. Bevor man ihn missversteht, betont er: „Es liegt mir fern, Muslime zu diffamieren. Ich würde sie nie pauschal als potenzielle Terroristen hinstellen.“ Barino denkt nicht in solchen Dimensionen, er denkt in Texten. Er glaubt an Fundamente und sucht Halt. Schon lange.

Barinos Vater ist ein koptischer Christ aus Ägypten, seine Mutter eine Deutsche. Religion spielt im Elternhaus keine Rolle. Barino wird nicht getauft. Aber er sehnt sich nach Spiritualität, sucht seinen Weg zu Gott, wie er es ausdrückt. In einer Gesellschaft, in der Frömmigkeit oft auf einer Stufe mit geistiger Umnachtung steht, reicht das schon aus, um Barino als „Vollpfeife“ abzustempeln, wie es jemand im WDR-Forum ausdrückte.

Gott hat immer recht

Halt findet er schließlich im Islam. Er lernt Arabisch, liest Koran und Hadith, strebt danach, ein vollkommener Moslem zu sein. „Mir kam der Islam vor wie ein Raum voller glitzernder Dinge, die es zu entdecken galt“, sagt Barino heute. Die Widersprüche, die ihn von Anfang an beschäftigten, blendet er aus. „Wenn ich gegen einen Vers Widerwillen empfand, habe ich mir gesagt: Das ist meine subjektive Sicht, aber die andere Sicht kommt von Gott, also wird sie stimmen.“ Gott hat immer recht. Alles, was gedacht wird, ist vorbestimmt. Seiner persönlichen Meinung zu folgen, ist Irrtum oder Sünde. Das wurde Barino in der Moschee vermittelt, das vertrat er selbst. Damals wirkte er, als hätte man ihm das Gehirn gewaschen. Oder besser: verstopft.

Einmal habe ein Junge aus einer anderen Moschee ihm erzählt, der Imam habe sie aufgefordert, Hühner zu töten. „Damit sie darauf vorbereitet sind, eines Tages Juden umzubringen“, erinnert sich Barino. „Der Junge wollte wissen, was die Quellen dazu sagen, und als ich ihm nach langem Zögern antwortete, dass der Imam richtig liegt, war er nicht entsetzt, sondern sagte nur: »Okay, wenn das Gottes Wille ist«.“

Heute habe er das Gefühl, dieser Junge sei genauso gewesen wie er selbst, bevor er wieder klar im Kopf geworden sei. Wenn er andere mit seinen Zweifeln konfrontierte, bekam Barino zu hören: „Wenn es dich nicht überzeugt, dann ist dein Glaube nicht fest genug.“ Das hat ihn angetrieben, sich noch tiefer in die Quellen zu verbeißen. Aber irgendwann hatte er das Gefühl, alle glitzernden Dinge in dem Raum namens Islam gesehen zu haben. Und er merkte, dass die Tür hinter ihm von innen verschlossen war.

Barino glaubte nicht mehr an das, was er glauben sollte. Doch einfach so vom Glauben abzufallen, das hätte einer wie Barino nicht geschafft. Er suchte einen Ausweg und fand ihn - im Christentum. Nach der Ausstrahlung des ersten Films hatte der Pater der koptisch-orthodoxen Gemeinde in Düsseldorf Barino zu einem Gespräch eingeladen. „Ich bin da hingegangen, weil ich sicher war, ihn vom Islam überzeugen zu können.“ Aus dem ersten Gedankenaustausch wurden regelmäßige Treffen. Er fühlte sich wohl in dieser Gemeinde, erleichtert, aber er machte sich den Entschluss zur Konversion nicht leicht. „Ich habe mir mit meinem besten Freund, der überzeugter Moslem ist, seitenlange E-Mails geschrieben. Wir haben hin- und herdiskutiert. Ich glaube, er war sicher, meine Seele vor der Hölle retten zu müssen.“ Barino sagt das beinahe liebevoll. Er schätzt bis heute islamische Gebete, kann sich nicht vorstellen, Alkohol zu trinken oder Schweinefleisch zu essen.

Gewalt als Mittel

Barino ist kein Moslem-Hasser geworden - aber ein Gegner der islamischen Theologie, von der er sicher ist, sie durchschaut zu haben. Und er wurde Christ. „Mein Fundament ist Jesus“, sagt er, und seine Augen glänzen. Von einer radikalen Entscheidung zur nächsten, so klingt das. „Im dritten Teil ist er Jude“, höhnt ein User im WDR-Forum. Aber selbst wenn Barino seine Religion im Jahresrhythmus wechseln würde, wäre das seine freie Entscheidung. Niemand würde ihn für todgeweiht erklären oder vermuten, der Verfassungsschutz bezahle ihn dafür. Solche Reaktionen bringt nur der öffentliche Austritt aus dem Islam mit sich.

„Ich würde mir wünschen, dass es nicht um mich ginge, sondern um den Islam“, sagt Barino. „Wenn wir über eine Religion diskutieren könnten, die menschliche Gewalt als Mittel zum göttlichen Zweck akzeptiert und Abtrünnige zum Tod verurteilt. Stattdessen sind die einen politisch korrekt und die anderen beleidigt, und alle gemeinsam weichen so der Debatte aus.“

Warum will Barino überhaupt debattieren? Vielleicht, weil er nicht nur zum Glauben der Familie seines Vaters übergetreten, sondern in die säkulare Gesellschaft zurückgekehrt ist. Die Gesellschaft, die es ermöglichte, in den Islam hinein- und wieder herauszuwechseln und die ihn selbst dann nicht verfolgte, als er eine staatsfeindliche Meinung vertrat. Deshalb verteidigt er, der Fromme, den säkularen Staat. Deshalb sagt er Sätze, die ihm Applaus von der falschen Seite einbringen - und eisiges Schweigen derer, die sich ihm eigentlich verbunden fühlen sollten. „Eine freie Gesellschaft und der Islam, das schließt sich gegenseitig aus, denn der Herrschaftsanspruch des Islam ist total.“

Barino B. sagt das überzeugt, aber ohne aggressiven Eifer. Als er den Löffel neben seine Teetasse legt und aufsteht, wirkt er zufrieden. Nicht wie jemand, der sich rächen will.



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