Erstellt 11.09.08, 09:07h
MARTIN BOOMS: Zunächst ist zu sagen, dass es das eine Konzept des Grundeinkommens nicht gibt: Es gibt verschiedene, in ihren Begründungen und konkreten Ausgestaltungen recht unterschiedliche Modelle. Dem entspricht die bemerkenswerte Tatsache, dass die Idee des Grundeinkommens quer durch das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Spektrum diskutiert wird: Es gibt Befürworter und Gegner sowohl im politisch linksgerichteten, aber auch christlich-konservativen Lager, die Idee wird von marktliberal orientierten Wirtschaftsfachleuten und erfolgreichen Unternehmern ebenso transportiert wie von zivilgesellschaftlichen Gruppierungen mit stark anti-neoliberalistischem Selbstverständnis. Gemeinsam ist allen Modellen die Idee einer mehr oder minder starken Entkoppelung von Einkommen und Erwerbsarbeit.
Was ist neu an der Idee?
BOOMS: Das Thema Grundeinkommen war in Deutschland zwischenzeitlich weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden; bis vor wenigen Jahren wurde es - wenn überhaupt beachtet - eher als exotisches Außenseiterthema belächelt. Das hat sich seit einiger Zeit grundlegend geändert: Das Thema ist nicht mehr nur in der theoretischen wissenschaftlichen Debatte, sondern auch in den Medien, im politischen Meinungsbildungsprozess und im zivilgesellschaftlichen Diskurs präsent. Damit hat sich die Idee des Grundeinkommens zugleich stärker an der gesellschaftlichen Basis und in der politischen Realität verwurzelt und ist dadurch wirklichkeitsnäher geworden. Als ernstzunehmender, wenngleich kontrovers behandelter Diskussionsbeitrag zu Fragen der gesellschaftlichen Gestaltung ist die Idee des Grundeinkommens mittlerweile weitgehend anerkannt. Woran liegt das?
BOOMS: Das hat zweierlei Gründe: Zum einen ist das inhaltliche Kernthema des Grundeinkommens, das Verhältnis von Arbeit und Einkommen, mit seinen anhängigen Fragen nach der Zukunft der Arbeitsgesellschaft und der sowohl verteilungspolitischen als auch gerechtigkeitstheoretischen Frage der Organisation der Sozialsysteme aktueller denn je - egal, welche Antworten man darauf gibt. Ein anderer wichtiger Grund ist formaler Art: Die Grundeinkommensidee zielt - wie immer man sie inhaltlich bewerten mag - vom Denkansatz her auf eine grundlegende, wurzelhafte Veränderung der systemischen Rahmenbedingungen der sozio-ökonomischen Architektur.
Sie sprechen von Gestaltung. Wer ist letztlich für die Idee des Grundeinkommens zuständig?
BOOMS: Die Frage, wie wir in einem Gemeinwesen leben wollen, ist nicht unabhängig vom Verständigungsprozess seiner Bürgerinnen und Bürger entscheidbar - dies betrifft die Idee des Grundeinkommens ebenso wie alle anderen zur Debatte stehenden Vorschläge. Die Antwort auf die zeitlos gültige und immer wieder neu anzugehende Frage, wie wir gemeinschaftlich leben wollen, ist weder politisch vorbestimmbar noch wissenschaftlich ableitbar, sondern sie ist Resultat einer kritischen und aufgeklärten öffentlichen Urteilsbildung. Dieser Prozess muss sicherlich wissenschaftlich begleitet und politisch - nicht zuletzt bildungspolitisch - gestützt werden. Aber in einer freiheitlichen Gesellschaft, die es mit der bürgerlichen Selbstbestimmung ernst meint, beantwortet sich diese Frage letztlich nicht von oben, sondern von unten.
Und das Grundeinkommen ist die richtige Antwort auf die sozialen Fragen der Zukunft?
BOOMS: Angesichts des Standes der gesellschaftlichen Diskussion ist dieser Punkt gar nicht von vorrangigem Belang. Wichtig ist nicht, ob das Grundeinkommen am Ende die richtige Antwort ist, sondern wichtig ist zunächst die Offenlegung der Fragen, auf die es versucht eine Antwort zu sein. Die Antwort des Grundeinkommens ist eines von mehreren Angeboten in diesem Prozess. Darin liegt ihr Potenzial, unideologisch und Lager übergreifend zu einer erforderlichen Grundsatzorientierung über die Leitlinien der Gesellschaft von morgen beizutragen.
Das Gespräch führte Michael Hesse
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