Erstellt 11.09.08, 09:07h, aktualisiert 11.09.08, 09:19h
Dabei spielt die Diskussion um das Grundeinkommen eine wichtige Rolle. Mit der revolutionären Idee befindet er sich in bester Gesellschaft. Der thüringische Ministerpräsident Althaus (CDU) fordert das Grundeinkommen für alle genauso wie Politiker der Grünen und auch Ökonomen. Der Soziologe Ulrich Beck aus München trommelt für den Umbau des Sozialstaates: "Wir können endlich die Utopie umsetzen, ohne Arbeit leben zu können", sagt er. Alouis Mitstreiter in der "brandStiftung", Paul Willems, sieht angesichts der sich vergrößernden Schere zwischen Arm und Reich und den immensen Schwierigkeiten der Finanzierung des Sozialstaats das Grundeinkommen als Königsweg in eine gerechtere Gesellschaft. "Nur so werden Signale gesetzt, dass wieder jeder dazugehört und eine wirkliche Chance bekommt." Ist die Kölner "brandStiftung" so etwas wie ein erster Baustein, kommt nun ein weiterer dazu. Das neu gegründete und in Berlin ansässige "Genisis Institut" soll zusätzliche Instrumente für den Wandel hin auf eine gerechtere Gesellschaft entwickeln.
"Ausgehend von einem deutlich spürbaren und schmerzhaften gesellschaftlichen und politischen Stillstand, setzen wir auf den sozialen Wandel", erklärt Michel Aloui. Dem in Berlin ins Leben gerufenen Think-Tank ist unter anderem der Nobelpreisträger Mohammed Yunus assoziiert. Yunus hatte weltweit mit Mikrokrediten auf sich aufmerksam gemacht und in der Nachfolge die Idee des Sozialunternehmens entwickelt. Der Definition nach ist ein Sozialunternehmen die marktwirtschaftliche Antwort auf ein soziales Problem wie Armut. Fast möchte man aus dieser Idee die Wiederbelebung der "Sozialen Marktwirtschaft" herauslesen: Sozialunternehmen bedienen nicht Kapitalgewinne, sondern sichern nachhaltig Arbeitsplätze.
Die Entwicklung dieser Idee und pragmatischer Umsetzungswege etwa über die Etablierung von Sozialfonds, die genau solche Sozialunternehmen finanziell absichern sowie der Aufbau einer auf solche Ventures spezialisierten Beratungsgesellschaft sind die Schwerpunkte des "Genisis Instituts". Die Mitarbeiter arbeiten derzeit an einer Studie für eine namhafte deutsche Stiftung. Sie verschaffen sich einen Überblick, wo auf der Welt spannende Social Entrepreneurs sitzen.
Das Institut will auch erfolgreiche Konzepte wie das von Nobelpreisträger Yunus nach Deutschland importieren - mit den notwendigen Anpassungen an die unterschiedlichen soziokulturellen und ökonomischen Verhältnisse. "Es geht uns hier um eine systematische Prüfung aller herausragenden Ideen, jeweils im Rahmen einer Kommission." Der Höhepunkt in diesem Jahr ist der "vision summit" im November 2008. Eine Veranstaltung mit dem Nobelpreisträger Yunus wird am 1. und 2. November in der FU Berlin stattfinden.
Die Brücke zwischen Grundeinkommen und Mikrokreditsystem sowie zu Sozialunternehmen stellt deren "Ermöglichungspotenzial" dar: Mit verschiedenen "Techniken", die auch vor dem Hintergrund der jeweiligen sozialen Hintergründe gesehen werden müssen, werden Menschen wieder reale Chancen eröffnet. Zudem deckt eine auf die hiesigen Verhältnisse umgesetzte Idee des "Sozialen Unternehmertums" eine offene Flanke der Grundeinkommensdebatte ab: Über Sozialunternehmen entstehen sinnvolle, nachhaltige Arbeitsplätze. Das Grundeinkommen ist nämlich, gegenüber manchem Missverständnis, keine "Hängematte", sondern ein Sicherungssystem, auf dessen Grundlage Menschen Chancen ergreifen können - nicht zuletzt auch die auf einen sinnvollen, sozial vertretbaren Arbeitsplatz. "Entwicklungen brauchen Impulse, und die können aus unterschiedlichen Bereichen kommen", sagt Aloui. Der Ökonom ist so etwas wie eine "gute Heuschrecke", ein Finanzfachmann, der sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Das sei der Grund gewesen, aus dem heraus er gemeinsam mit Freunden die "brandStiftung" ins Leben gerufen habe. Vor einem Jahr war die "brandStiftung" Mitveranstalter eines viel beachteten Kongresses in Bonn, zu dem die Vordenker des Grundeinkommensmodells geladen wurden, wie etwa Götz Werner.
Werner ist Gründer der Drogeriekette dm, Milliardär und seit einigen Jahren ein besonders emsiger Verfechter eines innovativen Gesellschaftsmodells - der Idee eines allgemeinen Grundeinkommens. Jeder Bürger, ob jung oder alt, soll Geld vom Staat kriegen, ohne etwas dafür tun zu müssen. 800 Euro im Monat, vielleicht sogar 1500 Euro. Ein festes Einkommen, für das man nicht arbeiten muss. Ohne jede Bedingung. Eine irrsinnige Idee? Jedenfalls hat sie prominente Anhänger gefunden. Und ihre Liste wird immer länger. CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus aus Thüringen zählt dazu, wie auch Unternehmensberater Roland Berger. Daran, wie eine gemeinsame Idee im Streit der verschiedenen Kräfte und Interessen zu einer ernsthaft gemeinwohlorientierten Umsetzung gebracht werden kann, arbeitet auch "binoc" in Kooperation mit der "brandStiftung" und dem Genisis-Institut. Zudem hat sich in Köln eine lokale Initiative unter dem Dach des "Netzwerks Grundeinkommen", das vom 15. bis 21. eine internationale Woche des Grundeinkommens mit Veranstaltungen vor Ort organisiert, gebildet.
Die Idee selbst stammt nicht von Götz Werner und nicht einmal vom Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, dem sie oft zugeschrieben wird: Vorläufer sind schon im 18. Jahrhundert im Kontext des Gedankenguts der Französischen und Amerikanischen Revolution auszumachen - so etwa bei Thomas Paine. Im 19. Jahrhundert hat der französische Sozialphilosoph Charles Fourier in dieser Richtung weitergedacht. Leitend war bei beiden die Vorstellung, dass die gesamtgesellschaftliche Wertschöpfung, soweit sie auf der Nutzung von Grund und Boden sowie natürlicher Ressourcen beruht, anteilsmäßig allen zusteht, da natürliche Ressourcen als nicht-individualisierbarer Gemeinschaftsbesitz der Gesellschaft bzw. der Menschheit im Ganzen betrachtet wurden. Dieser Gedanke findet sich heute in dem einzig real umgesetzten Modell eines unbedingten Grundeinkommens, dem Alaska Permanent Fund, wieder: Dieser schüttet seit Anfang der 1980er Jahre einen Teil der Einnahmen aus den staatlich kontrollierten Ölvorkommen in Form jährlicher Dividendenzahlungen an alle Einwohner Alaskas aus. Bedeutsam für die Idee des Grundeinkommens waren auch die ab den 1960er Jahren von den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern und Nobelpreisträgern Milton Friedman und James Tobin entwickelten Modelle einer negativen Einkommensteuer. Ist es das Paradies? Sicher nicht. Es ist die derzeit einzig ernsthaft diskutierte Antwort auf der Suche nach einem gerechteren Staat. Angesichts der wachsenden sozialen Fehlentwicklungen eine Realutopie für die künftige Gesellschaft.
Interview zum Bürgergeld: „Eine Antwort von unten“
Bildergalerie: Vier Modelle für Grundeinkommen
Linktipp: www.brandstiftung.de
Linktipp: www.genisis-institute.org
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