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Konzert

Die Pünktlichkeit des Nachtarbeiters

Von Martin Weber, 07.10.08, 20:49h

Lieder über Freundschaft, Trauer und die erlösende Kraft des Regens: Robert Forster spielt im Gloria ein bewegendes Konzert – und hat dabei auch stets seinen verstorbenen Freund und Go-Betweens-Kollegen Grant McLennan im Herzen.

Robert Forster
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Robert Forster (Bild: ksta)
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Robert Forster (Bild: ksta)
Es ist exakt 23 Uhr 32, als der Hauptdarsteller des Abends sein Wort hält und ein vorab gegebenes Versprechen einlöst. Um kurz nach halb zwölf am Sonntagabend steht Robert Forster im Foyer des Kölner „Gloria“ und gibt, hinter dem Merchandising-Stand stehend, Autogramme im Akkord. Was seine Fans, vornehmlich solche, die schon den Beginn von Forsters musikalischer Karriere Ende der 1970er-Jahre in Echtzeit miterlebt haben, so freudig wie staunend goutieren. „Da ist er wirklich“, ist zu hören, und auch: „Hätte nicht gedacht, dass er kommt.“

Verbale Momentaufnahmen sind das, die sich nicht ausschließlich auf die Pünktlichkeit des Nachtarbeiters beziehen. Die ist zwar zweifellos beeindruckend, weil das Konzert genau um 23.26 Uhr endete und auf einem Schild am Reklametisch folgendes zu lesen ist: „Robert here 6 minutes after the end of the show” – aber sie ist nicht das einzig Beeindruckende. Wirklich beeindruckend ist, dass Robert Forster nach dem überraschenden Tod seines Freundes und Songschreiber-Kollegen Grant McLennan überhaupt wieder auf einer Bühne steht. Im Alter von 48 starb McLennan 2006 an einem Herzinfarkt, zuvor waren die beiden Australier Robert und Grant seit 1978, mit zehn Jahren Unterbrechung in den Neunzigern, The Go-Betweens. Und die Go-Betweens waren eine fabelhafte Pop-Band, bei denen sich Forster und McLennan Gesang und Songwriting teilten und sich in Sachen Technik und Temperament wunderbar ergänzten; aufgewachsen mit der Ästhetik des Punk und des New Wave, wurden Forster/McLennan im Laufe der Jahre zu den Lennons/McCartneys des Folkpop.

Bis die gemeinsame Geschichte 2006 aus dem genannten Grund endete – und die Freundschaft der beiden bis heute lebt. Stocksteif wie ein englischer Aristokrat eröffnet Robert Forster das Konzert solo, es gilt: ein Mann, eine Wandergitarre, und Forster sieht dabei aus wie John Cleese in der Rolle des Archie Leach in „Ein Fisch namens Wanda“. Wie man überhaupt sagen muss, dass Forster, 51, das Haupthaar ergraut und der Scheitel perfekt gezogen, in jedem John-Cleese-Ähnlichkeitswettbewerb einen der ersten drei Plätze belegen würde. Auch wenn John Cleese selbst mitmacht. „If It Rains“ von Forsters aktuellem Album „The Evangelist“ ist eins der ersten Stücke, es handelt von der erlösenden Kraft, die der Regen im subtropischen Brisbane haben kann, und es handelt auch, ohne dass er explizit erwähnt wird, von Grant McLennan: die Natur als Metapher für Trauer, für Verlust, als Statement für die Abwesenheit des Freundes. Robert Forster weiß, dass er nun für immer allein zu zweit auf der Bühne ist.

Daran ändert sich auch nichts, als er mit dem ihm eigenen Dandy-Humor nach und nach die anderen drei Musiker seiner Band auf die Bühne bittet, und als mit „Now it’s time to introduce the fourth member of the quartet“ den erst 21-jährigen Drummer Matthew Harrison vorgestellt hat, ist erst einmal zehn Minuten Pause. Wie im Theater. Wie in der Oper. Wie bei einer Lesung. Und Letzteres ist es wohl auch: Robert Forster begrifft seine Popsongs als Literatur. Auf jede Silbe, auf jede Betonung kommt es an, und so wird den ganzen Rest des Abends großer Pop mit großer Präzision geliefert. Schnöde Sentimentalitäten gestattet sich Forster nicht, und wenn er tief in die Go-Betweens-Schatztruhe greift und Klassiker wie „Love Is Sign“ und „Rock’n’Roll Friend“ spielt, hält der Musiker den größtmöglichen Sicherheitsabstand zu den eigenen Emotionen. Und damit erst gar keine Missverständnisse aufkommen, erklärt Forster, so herrlich distinguiert wie schön schnöselig, dass „Rock’n’Roll Friend“ nicht von Grant McLennan handelt. Er habe sich 1988 für den Song in seine damalige Freundin hineingedacht, erzählt Forster, sie habe einen respektablen Tagesjob gehabt, er den nicht immer gut beleumdeten Job des Nachtarbeiters, als Musiker in Clubs.

Verklärung findet auch im Nachhinein nicht statt, und sie hat auch keine Chance, als Forster „Demon Days“ anstimmt, den letzten Song, den er zusammen mit McLennan geschrieben hat. Mucksmäuschenstill ist es da im Publikum, und diese Stille löst sich erst, als das flotte Singalong „Too Much Of One Thing“ aus dem Spätwerk der Go-Betweens drankommt. Robert Forster sieht auch dabei so konzentriert aus, als könnte er ansatzlos in die Rolle des Anwalts Archie Leach schlüpfen und einen wichtigen Gerichtstermin wahrnehmen. Bis es dann, wie eingangs erwähnt, 23 Uhr 32 ist, sechs Minuten nach dem Ende des Konzerts. Auf den T-Shirts, die man am Merchandising-Stand kaufen kann, stehen acht Buchstaben: „McLennan.“ Es dürfte schwierig sein, einen würdevolleren Fan-Artikel zu finden.



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