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Gala in Köln

Reich-Ranickis Generalabrechnung

Von Alice Ahlers, 11.10.08, 22:07h, aktualisiert 13.10.08, 08:52h

Der Literaturkritiker sollte in Köln den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhalten - lehnte die Auszeichnung aber vor versammelter Fernsehprominenz ab. Reich-Ranicki nutzte die Gelegenheit zu einer Generalabrechnung mit dem deutschen Fernsehen. Selbst Gottschalk konnte da nichts mehr retten.

Fernsehpreis Reich-Ranicki
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Marcel Reich-Ranicki lehnte den Deutschen Fernsehpreis ab. Seine harsche Kritik trifft die Richtigen - und ist dennoch nicht ganz richtig. (Bild: dpa)
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Marcel Reich-Ranicki lehnte den Deutschen Fernsehpreis ab. Seine harsche Kritik trifft die Richtigen - und ist dennoch nicht ganz richtig. (Bild: dpa)
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Marcel Reich-Ranicki mit Katharina Trebitsch auf dem roten Teppich vor dem Kölner Coloneum. (Bild: ddp)
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Die gläserne Siegessäule rührt er nicht an. Die rechte Hand braucht er, um den Finger zu erheben. „Ich finde es schlimm, dass ich das hier erleben musste“. Das Reich-Ranicki-R rollt durch den Saal wie ein Donnergrollen, reißt die versammelte Fernsehprominenz aus ihrer Lethargie, in die sie nach zwei Stunden Verleihung des deutschen Fernsehpreises gesackt war. Jetzt sitzen alle wieder gerade. Er nehme den Ehrenpreis nicht an, sagt der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki: „Bei dem vielen Blödsinn, den ich heute Abend gesehen habe, glaube ich nicht, dass ich dazu gehöre“.

Zwei Stunden lang hatte der 88-Jährige ausgeharrt am Ort der Ehrung seines Lebenswerkes: dem Coloneum, einer Mehrzweckhalle, der man mit ein paar paar Metern rotem Stoff, einer Busladung ausgesuchter Fans und ein paar Scheinwerfern jedes Jahr vergeblich künstlichen Glamour zu verleihen versucht. Ossendorf ist eben nicht Hollywood, sondern ein graues Industriegebiet weit ab vom Kölner Zentrum.

Aus der ersten Reihe verfolgt der Ehrengast, wie RTL einen Preis nach dem nächsten einsackt. Zum ersten Mal in der zehnjährigen Geschichte der Preisverleihung erhält der Privatsender mehr Auszeichnungen als die Öffentlich-rechtlichen. Reich-Ranicki sieht, wie der Moderator von „Deutschland sucht den Superstar“ triumphierend die gläserne Siegessäule in die Luft streckt. Einer Show, der in diesem Jahr von vielen Seiten vorgeworfen wurde, sie führe junge Leute vor. Seht her: Jetzt bekommt sie den Deutschen Fernsehpreis. TV-Richter und Köche treten auf und ab. Die Laudatorinnen, eingeschnürt in enge Roben, tippeln an die Mikrofone, lesen vom Teleprompter die hohlen Worte ab, die auch schon die Preisträger vom letzten Jahr treffend beschrieben haben und fürs nächste Jahr noch kompatibel sind.

Es hätte alles so schön weitergehen können, lief doch alles wie geschmiert - wenn da nicht der Literaturpapst wäre, der Ehrengast, der ungeduldig in seinem Sitz hin und her rutscht, der für Gemurmel hinter der Bühne sorgt. Thomas Gottschalk tritt auf. Die Übergabe des Ehrenpreises - traditionell der letzte Akt jeder Preisverleihung - wird vorgezogen. Herr Reich-Ranicki wolle bereits nach Hause.

Kein Problem für das Zaubermedium Fernsehen. Zum Glück wird die Show am Samstag aufgezeichnet und erst am Sonntagabend ausgestrahlt. Der Höhepunkt soll später ans Ende geschnitten werden, so der Plan. Es kommt anders.

Friedensangebot von Gottschalk

Alle spielen mit. Sie kennen das Drehbuch ja. Aufstehen. Standing Ovations. Nur einer hält sich nicht an das Skript. Der Preisträger selbst. Er wettert über seinen eigenen Preis, als würde er einen Grass oder Walser verreißen. Arte schaue er noch ganz gerne. Früher 3-Sat, aber da gebe es auch nichts Gutes mehr.

Einen Hustenanfall nutzte Gottschalk, um dem Donnergrollen Einhalt zu gebieten. Mit wehenden Locken und ausgestreckten Armen eilt der Moderator herbei, streckte dem Ehrengast beschwichtigend die Arme entgegen. Gottschalk unterbreitete dem Unwilligen kurzerhand ein Angebot. „Wir setzen uns mit den Intendanten zusammen und reden über alles, worüber im deutschen Fernsehen nicht geredet wird“, sagt er und ringt so um einen versöhnlichen Ausgang. So leicht ist der „Literaturpapst“ nicht zu kriegen. Er schüttelt ungläubig das weiße. Haupt. Er wisse genau, was die Herrn Intendanten sagen würden: „Sie haben ja Recht - werden sie sagen - aber das ist schwer zu realisieren.“ Gottschalk erwiderte: „Sie dürfen alles, wenn Sie ihn nehmen.“ Die Trophäe nahm die Produzentin Katharina Trebitsch mit, die Reich-Ranickis Leben derzeit für die ARD verfilmt. Tatsächlich soll es eine solche Sendung alsbald im Programm geben.

Auch am Tag danach blieb Reich-Ranicki bei seiner Einschätzung. „Das war empörend“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Sein Ärger über das mangelnde Niveau sei nicht verflogen, auch nachdem er eine Nacht darüber geschlafen habe.



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