Von Petra Recktenwald, 22.10.08, 17:30h
Eine stille Revolution. Als der Bildhauer Ernst Barlach 1927 seinen berühmten schwebenden „Engel“ als Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs schuf, hatte er sich künstlerisch weit entfernt von der landläufigen Vorstellung, wie eine solche Skulptur auszusehen habe. Keine Spur von Heldenverehrung und Glorifizierung der nationalen Historie: Die schlanke Bronzefigur, deren Kopie heute in der Antoniterkirche zu sehen ist, hängt waagerecht von der Decke, mit geschlossenen Augen und über der Brust gekreuzten Armen, als wollte sie sich verbeugen. Traumverloren, in sich gekehrt, scheint dieser Engel zwischen Himmel und Erde erstarrt zu sein. „So soll er an das große Leid des Krieges erinnern und Trost spenden, indem er über den Alltag hinausweist in eine andere Welt“, erläutert Stadtführerin Antje Löhr-Sieberg.
Meist zeigt sie interessierten Zuhörern während ihrer Rundgänge durch die Antoniterkirche das gesamte Gotteshaus, zum 70. Todestag Barlachs am 24. Oktober aber will sie sich ganz auf die Plastik des Expressionisten konzentrieren. Dann nämlich lädt der Veranstalter „Antonitercitykirche“ zu einer „Langen Nacht des Schwebenden“ mit Führungen und Orgelmeditationen ein. Schließlich ist die Gemeinde stolz auf den Kunstschatz - „eines der ergreifendsten Kriegs-Mahnmale des frühen 20. Jahrhunderts“, wie Antje Löhr-Sieberg findet. Da spielt es keine Rolle, dass es sich bei dem Kölner Barlach-Engel nicht um das Original aus dem Jahr 1927, sondern nur um einen Zweitguss des Kunstwerks handelt.
Wie es dazu kam? „Das ist eine bewegte und bewegende Geschichte, die eng mit der unheilvollen Entwicklung in Deutschland zu jener Zeit verknüpft ist“, sagt die Expertin. Den ursprünglichen Himmelsboten hatte der Künstler für den Dom im mecklenburgischen Güstrow geschaffen. Nur eine Dekade später, 1937, sorgten die Nationalsozialisten dafür, dass die Bronzeplastik des Schwebenden aus dem Gotteshaus verbannt wurde. Barlachs avantgardistische Kunst galt den braunen Machthabern als „entartet“, rund 400 seiner Werke wurden damals von öffentlichen Plätzen, aus Museen und Sammlungen entfernt.Der ohnehin angegriffene Gesundheitszustand des Verfemten verschlechterte sich daraufhin dramatisch, im Jahr 1938 starb Ernst Barlach.
Sein 250 Kilo schweres Engel-Mahnmal ließen die Nazis 1941 einschmelzen. „Für Kriegszwecke“, sagt die Kölnerin bitter. Gönner und Freunde Barlachs jedoch stellten nach der ursprünglichen Gussform für den Engel heimlich ein zweites Abbild her und versteckten es in einem Schuppen in der Lüneburger Heide. Das geschah gerade noch rechtzeitig, bevor Bomben auch das Gussmodell zerstörten.
Nach dem Krieg bot die Barlach-Nachlassverwaltung den neuen „Schwebenden“ mehreren Museen - unter anderem in Köln - zum Kauf an, erläutert die Stadtführerin. Letztlich griff die Antoniter-Gemeinde zu, finanzierte den Erwerb mit Spenden und ließ die Skulptur 1952 in der nach Kriegsschäden sanierten Kirche aufhängen. Und damit nicht genug der wundersamen Engel-Vermehrung: Durch den Verkauf an die Kölner konnte eine weitere Kopie der übermannsgroßen Bronzefigur finanziert werden. Der „Zwillingsbruder“ schwebte bald darauf in den Güstrower Dom ein - „den Ort, für den Barlach sie einst geschaffen hatte“, so Antje Löhr-Sieberg.
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