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Interview

„Bush hat eine glatte Sechs verdient“

Von Dogan Michael Ulusoy, 31.10.08, 11:58h, aktualisiert 02.11.08, 15:36h

Eine vernichtende Bilanz der Amtszeit von US-Präsident George W. Bush zieht der Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Professor Eberhard Sandschneider. In punkto Menschenrechte wirft er Bush im Interview mit ksta.de „doppelte Standards“ vor.

George W. Bush
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Eine Kämpfernatur, die aus Sicht vieler Experten großen Schaden angerichtet hat: George W. Bush. (Bild: rtr)
George W. Bush
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Eine Kämpfernatur, die aus Sicht vieler Experten großen Schaden angerichtet hat: George W. Bush. (Bild: rtr)
Herr Sandschneider, im Januar 2009 endet die Amtszeit von US-Präsident George W. Bush. Welches Erbe hinterlässt er seinem Nachfolger?

EBERHARD SANDSCHNEIDER: Ein ungewöhnlich schweres. Die USA stehen kurz vor einer Rezession und sie sind der Ausgangsort der Finanzkrise, die fast die ganze Welt erfasst hat. Von seinem Vorgänger Bill Clinton hatte Bush noch ein Überschussbudget übernommen. Daraus ist jetzt eines der schwersten Defizite in der Geschichte der Vereinigten Staaten geworden. Auch außenpolitisch ist die Hypothek groß. Der Ausgang des Krieges gegen den Terror ist ungewiss, die Situation in Afghanistan weiter unsicher und auch der Irak noch lange nicht über den Berg. Unter dem Strich heißt das: Wie kaum ein anderer Präsident hat es George W. Bush geschafft, das Image und das Ansehen der USA und des Westens in weiten Teilen der Welt auf einen historischen Tiefpunkt zu bringen.

Namhafte Historiker und Politikwissenschaftler ziehen fast unisono eine vernichtende Bilanz seiner Regierungszeit. Sehen Sie auch positive Aspekte?

SANDSCHNEIDER: Da muss man schon nachdenken. Bush ist es wohl gelungen, mit den strengen Antiterror-Gesetzen die USA vor weiteren größeren terroristischen Angriffen zu schützen. Ob das aber wirklich ein positiver Aspekt ist, der in die Bilanz eingeht, ist fraglich. Denn die Freiheitsrechte der Bürger wurden erheblich eingeschränkt. Es in der Tat so, dass Bushs achtjährige Präsidentschaft im Wesentlichen negativ geprägt ist.

Was war George W. Bushs größter Fehler?

SANDSCHNEIDER: Sein größter Fehler war, sich fast ausschließlich auf neokonservative Berater zu stützen. Deren Positionen sind zutiefst ideologisch geprägt. Die Neokonservativen sind überzeugt davon, dass man die ganze Welt demokratisieren müsse, damit die USA sicherer werden. Dieser radikale politische Ansatz hat sich schlicht und ergreifend als falsch erwiesen.

Aber muss man Bush nicht zugestehen, dass der 11. September eine ungewöhnlich harte Herausforderung war?

SANDSCHNEIDER: Dieses Datum war sicher der entscheidende Bezugspunkt seiner Präsidentschaft. Wir haben in Europa keinen Begriff davon, wie sehr die Supermacht durch die Terrorangriffe in ihrem Selbstwertgefühl verletzt wurde. Jede Reaktion, die die USA seither gewählt haben - von dem Militärschlag in Afghanistan über den Irak-Krieg bis hin zum weltweiten Antiterror-Krieg - hat nur mit diesem Datum zu tun und ist diesem Datum verpflichtet. Das rechtfertigt aber keineswegs die verheerenden Fehler, die gemacht wurden.

Bush sagt, dass Historiker den Irak-Krieg in 50 Jahren positiv beurteilen würden. Ist das Selbstsuggestion oder könnte er am Ende sogar Recht behalten?

SANDSCHNEIDER: Wer kann das schon beurteilen? Wir haben in Deutschland ja auch mal über Präsident Reagan geschmunzelt, als er Gorbatschow aufgefordert hat, die Berliner Mauer einzureißen. Ein paar Jahre später war das Realität. Dennoch: Selbst wenn der Irak mal eine blühende Demokratie sein sollte, ist der Preis, den die Welt und der Irak für den Waffengang bezahlt haben, einfach zu hoch.

Der Irak-Krieg, Guantanamo und Abu Ghraib sind zu Synonymen für den moralischen Niedergang der Supermacht geworden. Ist der dramatische Ansehensverlust der USA in der Welt überhaupt wieder zu beheben?

SANDSCHNEIDER: Das wird nicht von heute auf Morgen gehen. Um diesen Schaden wiedergutzumachen, ist langfristige, kontinuierliche Arbeit notwendig. Guantanamo und Abu Ghraib stehen stellvertretend dafür, dass sich die USA für weite Teile der Welt als eine Nation mit doppelten moralischen Standards erwiesen haben: Wasser predigen, aber selbst Wein trinken.

Was ist mit doppelten moralischen Standards gemeint?

SANDSCHNEIDER: Das heißt, dass die USA einerseits von vielen Staaten nachdrücklich die Einhaltung der Menschenrechte einfordern, sie selbst aber nicht konsequent anwenden. Nichts hat dem Image des Westens und westlicher Werte mehr Schaden zugefügt als Guantanamo.

Zum Abschluss begeben wir uns auf die Schulbank: Welche Note würden Sie Bush geben?

SANDSCHNEIDER: Ohne groß nachzudenken: Bush hat eine glatte Sechs verdient.

Das Gespräch führte Dogan Michael Ulusoy.



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