Von Petra Pluwatsch, 16.11.08, 21:51h, aktualisiert 17.11.08, 07:24h
80 Jahre alt wird der blitzsaubere Mäuserich am Dienstag - ein knopfnasiger Mister Right, der es in puncto Anständigkeit locker mit jedem Pfadfinder aufnehmen kann. Dabei präsentiert sich der stets gut gekleidete Vertreter der Gattung Mus musculus domesticus zu Beginn seiner Karriere als kleiner Rabauke, vor dessen schrägen Ideen nichts und niemand sicher ist: Im Zeichentrickfilm „Steamboat Willy“ gibt Micky Maus am 18. November 1928 sein Debüt als junger Wilder. Ungestraft darf er Katzen quälen und Hundebabys am Schwanz ziehen, bis sie quieken - ein lustorientierter kleiner Anarchist ohne Respekt und Manieren.
Einst „Steamboat Willy“Der schwarzweiße Siebenminutenspaß stammt aus der Werkstatt eines jungen Zeichners aus dem Provinznest Marceline, Missouri: Walter Elias Disney. Der schlaksige Mann aus dem mittleren Westen versucht seit Jahren, in der boomenden Trickfilmbranche Fuß zu fassen, bis dahin ohne nennenswerten Erfolg. „Steamboat Willy“ soll die Pechsträhne des Endzwanzigers, der bereits zwei Trickfilmstudios in die Pleite geführt hat, beenden. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Disney, ein begnadeter Bastler und Tüftler, hat den Streifen mit einer Tonspur unterlegen lassen. „Steamboat Willy“ ist damit der erste Zeichentrick-Tonfilm der Welt, und er wird ein Erfolg. Wochenlang stehen die New Yorker in jenem Winter Schlange vor dem „Colony“-Kino am Broadway, um Micky, die pfeifende Maus, zu erleben.
Fortan ist das Glück das Hauses Disney mit dem Erfolg des Supernagers verbunden. Und der macht schnell weltweit Karriere. 1932 nehmen Micky und sein Schöpfer ihren ersten Oscar für den Film „Flowers and Trees“ in Empfang; Disney erhält zudem einen Sonderpreis für die Erfindung der Micky Maus. Zwischen 1928 und 1953 spielt der Mäuserich in mehr als 120 Filmen eine Rolle. Seit 1930 ist Micky der Star eines eigenen Zeitungsstrips - am 27. Dezember 1930 erscheint er erstmals auch in der „Kölnischen Zeitung“ - und Zugpferd einer gigantischen Merchandising-Maschine, die dem Disney-Konzern bis heute Milliarden Dollar beschert. Micky auf Tassen, Micky auf Tellern, Micky auf Schultaschen und Unterhosen. Micky als Synonym für den American Way of Life.
„Amerikanische Unkultur“Es bleibt nicht aus, dass einer wie er - jung, alert, erfolgsverwöhnt - seine Feinde hat. Vom jugendlichen Anarchisten hat er sich innerhalb kurzer Zeit zum allgegenwärtigen Nice Guy der Nation entwickelt: stets freundlich, stets höflich und dabei doch so aalglatt, dass er nicht zu packen ist. Die Micky Maus wird geschmäht als Sinnbild seelenloser amerikanischer Unkultur und tumben bourgeoisen Aufsteigertums. Schlimmer noch: Micky Maus gilt ihren Gegner als omnipräsenter Langweiler in zu kurzen Hosen.
Selbst Walt Disney steht seinem Star bald kritisch gegenüber. „Er ist so sehr eine Institution geworden, dass wir in dem, was wir mit ihm machen können, sehr begrenzt sind“, klagt er. „Wenn wir Micky jemanden einen Tritt geben lassen würden, bekämen wir eine Million Briefe von Bürgern, die uns sagen, dass wir ihren Kindern falsche Ideen in den Kopf setzen. Micky muss immer süß und lieb bleiben.“
1934 stellt er ihm einen Gefährten zur Seite, der das genaue Gegenteil von Micky Maus ist: Donald Duck, einen cholerischen Enterich. „In Orphans' Benefit“ spielt er neben der Maus seine erste Hauptrolle und präsentiert sich darin genauso rüpelhaft wie einst Micky in seinen Flegeljahren. Doch der lässt sich davon nicht beeindrucken, obwohl Micky-Maus-Comics bei jungen Lesern längst nicht mehr den Stellenwert haben wie in den Frühzeiten der Disney-Ära. Er bleibt auch als alter Herr der nette Kerl der Comic-Szene: eine Maus in gelben Schuhen, die Ohren immer aufrecht gestellt.
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