Von Werner Balsen, 19.11.08, 23:08h
„Mit der Berufung von Lambertz zählen wir zum ersten Mal seit dem Versailler Vertrag zu den Entscheidern in Belgien. Zuvor waren wir Deutschsprachigen immer nur Bittsteller.“ Das sagt der Schriftsteller Freddy Derwahl. Er sitzt im Arbeitszimmer seines umgebauten Bauernhofes, knapp fünf Autominuten vom Zentrum der DG-Hauptstadt Eupen entfernt. Die Kleinstadt, Sitz von Regierung und dem 25-köpfigen Parlament der Deutschen Gemeinschaft, geht hier schon in die für die Gegend typischen saftig-grünen Weiden über. Vor dem offenen Fenster kräht ein Hahn, als der Autor von den „schmerzlichen Zeiten“ zwischen Kelmis und Ouren berichtet.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schlug der Wiener Kongress die Gegend den preußischen Rheinprovinzen zu, wo sie kurz „Eupen-Malmedy“ hieß. 100 Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, erhielt Belgien die Region. Die dort lebenden Preußen waren fortan Belgier, Landsleute von Flamen und Wallonen, die sie in den Schützengräben Flanderns gerade noch erbittert bekämpft hatten. Entsprechend unbeliebt waren sie in ihrer neuen Heimat. „Unsere Großväter haben die erschütternde Erfahrung gemacht, am Verhandlungstisch verschoben zu werden und dabei das Vaterland zu verlieren“, erzählt Derwahl, der die Geschichte in seinem Roman „Bosch in Belgien“ aufgearbeitet hat. 1940 holten deutsche Truppen die Ostbelgier „heim ins Reich“. Gut vier Jahre später waren sie wieder Belgier - und galten Wallonen wie Flamen durchweg als Kollaborateure.
„Es war für sie bis in die 1960er Jahre schwer, ihre Identität zu wahren, ohne im Land als Nazi zu gelten“, unterstreicht Lambertz. Der scheinbar ständig unter Dampf stehende Ministerpräsident spricht aber lieber über die Gegenwart. Heute sind die Deutschen in Belgien „die kleinste Gemeinschaft in der Europäischen Union mit Gesetzgebungshoheit“, ihre Bewohner dürfen sich als die wohl bestgeschützte Minderheit fühlen: mit Regierung, Parlament sowie eigenem Rundfunk- und Fernsehsender. Seit rund 40 Jahren profitieren sie davon, dass Flamen und Frankophone sich immer weniger zu sagen haben und deshalb aus dem belgischen Einheits- zunehmend einen Föderalstaat machen. „Wenn zwei sich prügeln, muss man ja nicht dazwischengehen“, grinst Lambertz. „Man muss nur höllisch aufpassen, dass einen niemand übersieht.“
So erhielt die DG seit Beginn der 90er Jahre nach und nach die Zuständigkeit für Denkmalschutz, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik sowie die Aufsicht über ihre neun Kommunen und deren Finanzen. Vier Minister kümmern sich in Eupen um diese Ressorts. „Wir haben wie ein Triangelspieler im Orchester immer genau im richtigen Moment unser Instrument geschlagen“, sagt Kattrin Jadin, die einzige direkt gewählte deutschsprachige Abgeordnete im föderalen Parlament in Brüssel. Die 28-Jährige lacht: „So sagt es unser Ministerpräsident.“ Der Stratege Lambertz will auch die Zuständigkeiten für die Umwelt-, Wohnungsbau- und Raumordnungspolitik. „Dann wäre unsere Autonomie ziemlich perfekt.“
Mehr Kompetenz in der Raumordnung, sagt Wirtschaftsförderer Langohr, „brauchen wir, um schneller Gewerbeflächen ausweisen zu können“. Es gibt große Nachfrage von Unternehmen. Und mit der Zuständigkeit für den Wohnungsbau will Eupen eines der wenigen nennenswerten Probleme in der DG lösen. In den Norden ziehen verstärkt deutsche Bürger. Deren Nachfrage nach Grund und Boden treibt die Immobilienpreise so stark in die Höhe, dass jungen belgischen Familien nach Bauland fehlt. „Das müssen wir regeln“, sagt Langohr. Sonst hat er aber wenig Grund zur Sorge: Die Daten für Wirtschaft und Beschäftigung ähneln jenen des prosperierenden Flanderns.
Auf dem belgischen Arbeitsmarkt haben die DG-Bürger einen großen Vorteil. Sie sprechen mindestens zwei der drei Amtssprachen in Belgien. Während die Frankophonen sich mit dem Niederländischen schwertun und nur wenige Flamen Französisch sprechen, lernen die Deutschsprachigen von Schulbeginn an auch Französisch. Und weil der Norden der DG an die Niederlande grenzt, sprechen viele auch Niederländisch. Im Metzgerladen an der Hauptstraße des im Süden liegenden Städtchens Burg-Reuland etwa wechselt der Meister übergangslos die Sprache - je nachdem wen er gerade bedient. Wie in seinem Geschäft bilden in der gesamten DG Sprachen keine Barrieren - ein unschätzbarer Vorteil gegenüber den Gemeinschaften von Flamen und Frankophonen, die sich nicht verstehen und deshalb mehr und mehr auseinanderleben.
„Wir Deutschsprachigen gelten schon als die letzten richtigen Belgier“, lächelt die Abgeordnete Jadin. Und ernster fügt sie hinzu: „Wir müssen aufpassen, dass wir keine Neidgefühle provozieren - bei den Problemen, die Flamen und Wallonen miteinander haben.“ Schriftsteller Derwahl sorgt sich vor allem um eines: „Wie gehen wir mit unserer Selbstzufriedenheit um?“
In den aktuellen Auseinandersetzungen zwischen den beiden großen Sprachgemeinschaften sieht Lambertz auch diesmal „eine Riesenchance“ für die kleine Deutschsprachige Gemeinschaft: Seit Ende der Sommerpause ist der Ministerpräsident wieder als königlicher Vermittler gefordert - und in den nationalen Medien gefragt. Eine weitere Aufwertung der DG symbolisiert eine Einladung der Flamen: Als erster nicht-flämischer Redner überhaupt durfte Lambertz, am Vorabend des offiziellen Flanderntages in Brügge zur Festversammlung sprechen. „Bemerkenswert“, sagt er.
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