Schriftgröße

Mustafa Ceric

„Landesrecht steht über Scharia“

Von Harald Biskup, 20.11.08, 23:08h, aktualisiert 25.11.08, 16:41h

Der Großmufti von Sarajevo, Mustafa Ceric, ist mit seinen Äußerungen zur Scharia in die Kritik geraten. Nun rudert der Geistliche zurück. Er betont, die Unverletzlichkeit des deutschen Grundgesetzes gelte auch für Muslime.

Mustafa Ceric
Bild vergrößern
Mustafa Ceric. (Bild: dpa)
Mustafa Ceric
Bild verkleinern
Mustafa Ceric. (Bild: dpa)

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Ceric, warum ist die Scharia so fundamental für die Lebensführung von Muslimen?

MUSTAFA CERIC: Sie ist die Grundlage des Glaubens. Die Scharia hat für Muslime die gleiche Bedeutung wie die Zehn Gebote für Christen.

Verlangen Sie, dass die Scharia in das Strafrecht der Bundesrepublik oder anderer europäischer Länder implementiert wird?

CERIC: Das ist genau der Punkt, der der Klärung bedarf. Die Scharia ist der Kodex für ethisches und moralisches Verhalten eines Muslims und nicht etwa die Erzwingung eines bestimmten Verhaltens per Gesetz. Wir sprechen hier ja von der Scharia im europäischen Kontext und nicht von der Scharia irgendwo sonst auf der Welt. Hier in Europa haben natürlich die Verfassung, also das deutsche Grundgesetz, und die jeweiligen nationalen Gesetze absolute und einzige Gültigkeit. Sie sind unverletzlich und dürfen in keiner Weise tangiert werden. Da kann und darf es überhaupt keinen Kompromiss geben. Landesrecht ist das oberste Gesetz. Das steht über allem. Dem hat sich auch islamisches Recht zu unterwerfen.

Und was bedeutet das für die Einführung der Scharia?

CERIC: Die Interpretation des Scharia-Gesetzes ist eine reine Glaubensangelegenheit. Diese Interpretation hat mit den Lebensumständen zu tun, unter denen ein Muslim lebt. Deswegen muss die Interpretation der Scharia in Europa eine andere sein als anderswo auf der Welt. Aber wenn sich Vorstellungen der Scharia im Rahmen des Grundgesetzes verwirklichen ließen, würde ich das natürlich begrüßen. Aber das ist eine rein theoretische Annahme. Eine unschuldige Person zu bestrafen ist eine größere Sünde als jemandem zu vergeben, der eine schwere Sünde begangen hat.

Was halten Sie von den zum Teil drakonischen Bestrafungen, die die Scharia vorsieht?

CERIC: Ich bin ein erklärter Gegner der Todesstrafe und kann das, so überraschend das für Sie klingen mag, mit der Scharia begründen. Ich stelle ausdrücklich fest, dass ich gegen all jene Arten der Bestrafung bin, die eine Erniedrigung der menschlichen Würde bedeuten.

Inwiefern verträgt sich die Scharia mit Demokratie und Menschenrechten?

CERIC: Ich antworte mit einer Gegenfrage: Durch welches Recht ist es zum Genozid an meinem Volk in Srebrenica gekommen? Welches Recht hat da regiert? Die Scharia?

Was bedeutet es, wenn Sie verlangen, die Scharia sei immerwährend, nicht verhandelbar und unbefristet?

CERIC: Ich bin der Überzeugung, es

gibt einen im Koran bezeugten ewigen Bund Gottes mit den Menschen, der den mit Noah nach der Sintflut, mit Mose am Berg Sinai und mit Jesus geschlossenen Bund bestätigt und fortsetzt. In diesem Sinne ist das gemeint.

Waren Sie sich über die Reaktionen nicht im Klaren, die Ihr Aufsatz in Deutschland auslösen würde?

CERIC: Ich bin um diesen Beitrag gebeten worden, ich habe mich nicht danach gedrängt. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Ich war überrascht, dass das solche Aufmerksamkeit erzeugt hat. So wichtig habe ich mich gar nicht genommen.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtig in Deutschland über Sie und Ihre Rolle geführte Debatte?

CERIC: Ich bin jenen dankbar, die mich kritisieren, weil es mir Gelegenheit gibt, mich mit dieser Kritik auf vernünftige und intelligente Weise auseinanderzusetzen. Alle Debatten, die nicht diskreditierend sind, führen uns weiter.

Können Sie verstehen, dass es Ängste auslöst, wenn von Ihnen zu lesen ist, sie wollten die Islamisierung und die Institutionalisierung des Islam vorantreiben?

CERIC: Das könnte ich vielleicht, wenn ich das je gefordert oder gesagt hätte. Aber da überschätzen Sie meine Macht bei weitem. Es gibt natürlich immer Leute, die sich vor etwas fürchten. Aber ich habe nicht die Absicht, irgendjemanden zu ängstigen. Ich verstehe meine Aufgabe so, die in Deutschland lebenden Muslime zu ermuntern, sich zur Verfassung zu bekennen und die Gesetze zu achten. Und sich so zu verhalten, dass sie ein gutes Bild von der muslimischen Community abgeben.

Warum haben Sie das Schreiben der muslimischen Gelehrten an den Papst unterschrieben?

CERIC: Das war eine äußerst wichtige islamische Initiative für das 21. Jahrhundert. Ich habe das Dokument unterschrieben, weil ich etwas von Martin Luther gelernt habe. Er hat immer nur Klage über die Welt geführt und keine Visionen entwickelt. Und dann kam Martin Luther King. Der hat bekanntlich den großartigen Ausspruch getan: Ich habe einen Traum. Ich bin in den Vatikan gefahren und zu den Universitäten von Cambridge und Yale und habe ihnen gesagt: Ich habe einen Traum für das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen.

Das Gespräch führte 0Harald Biskup



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Umfrage

Protestieren Sie gegen ACTA?
Bundesweit sind Proteste gegen das internationale Handelsabkommen ACTA geplant. Es sieht unter anderem vor, Urheberrechtsverletzungen strenger zu ahnden. Kritiker befürchten Zensur und Überwachung vor allem im Internet. Beteiligen Sie sich am Protest?

Bildergalerien


Jahresrückblick


ksta-blogs.de


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Neue Videos – Politik/Nachrichten




Meistgelesene Artikel


Kolumne


Hintergrund


Die andere Meinung


Mein ksta.de


Forum


Brutto / Netto Rechner

Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.) Steuerklasse

Dienste